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Lexikon der Biologie

Aussterben

Aussterben, unwiederbringliches Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten oder eines anderen Taxons (Familie, Unterart usw.) aufgrund natürlicher Prozesse oder durch den Menschen bedingt. Im Laufe der stammesgeschichtlichen Entwicklung kommt es zum Aussterben (Artensterben) durch: 1) Erlöschen von Taxa ohne Hinterlassen von Nachfahren; so leben z. B. von 17 Ordnungen der Reptilien heute nur noch 4, von 10 000 fossilen Tintenfischarten (Tintenschnecken) nur noch ca. 730. 2) Artaufspaltung: eine Stammart spaltet sich in 2 Tochterarten auf, die Stammart wird also "ersetzt" (Artbildung). 3) Historische Artumwandlung bei sukzessiver Artbildung: die Stammart wird durch die Folgeart ersetzt. (Zunehmend wird nur noch der unter 1) genannte Vorgang als "Aussterben" angesehen.) Als Ursachen werden diskutiert: a) Entstehung und Einwanderung neuer, konkurrenzüberlegener (Konkurrenz) Formen (z. B. ersetzte in Australien der Dingo den Beutelwolf); b) erdgeschichtliche Katastrophen, aber auch langsame Veränderungen des Klimas (Eiszeit) und Schwankungen der Temperatur; c) Aussterben aufgrund "intrinsischer" Faktoren (z. B. Riesengeweih des Riesenhirsches Megaloceros [atelische Bildungen, Typostrophentheorie]) wird kaum noch angenommen. Im Laufe der Erdgeschichte beobachtet man mehrere deutliche Massensterben, insbesondere am Ende des Perms (über 90% aller Meerestierarten verschwanden), besonders spektakulär aber am Ende der Kreide: z. B. alle Dinosaurier, Ammonoidea, Belemniten. – Der Mensch ist direkt (durch Ausrottung; durch Jagd ausgestorbene Tiere vgl. Tab. ) und indirekt für das Artensterben verantwortlich. Er greift in die Umwelt ein durch Technisierung, Industrialisierung, Umwelt-Belastung, Habitatzerstörung (insbesondere in tropischen Regenwäldern; tropischer Regenwald), aber auch durch Einführung fremder Arten (Faunenverfälschung), insbesondere auf Inseln, sowie die Verschleppung von Seuchen und Krankheiten in andere Gebiete der Erde. Durch massive land- und fischereiwirtschaftliche Nutzung wird der Mensch zum direkten Nahrungskonkurrenten zahlreicher Arten (z. B. Seevögel). Mittlerweile beeinflußt der Mensch das Welt-Klima und gefährdet damit insbesondere Arten, die stenök sind oder nur beschränkte, kleinräumige Verbreitung aufweisen (Endemismus, Endemiten). In Mitteleuropa sind bereits viele Lebensräume zerstört, vor allem feuchte Standorte (Feuchtgebiete) wie Auen (Auenwald), Moore durch Gewinnung von Torf, Naßwiesen (Molinietalia) zur Ackerlandgewinnung oder Aufforstung, Magerwiesen und aquatische Ökosysteme durch Überdüngung (Düngung). Zahlreiche Arten aus diesen Lebensräumen (darunter viele Ackerunkräuter; Unkräuter) sind in der Roten Liste für Deutschland als ausgestorbene oder vom Aussterben bedrohte Arten aufgeführt (zur Zahl der weltweit ausgestorbenen bzw. gefährdeten Wirbeltierarten vgl. Tab. ). Vielfach zeigen genaue Nachforschungen, daß wenig bekannte Arten bereits ausgestorben sind. So fand der amerikanische Ornithologe J. Diamond von 164 für die Salomon-Inseln bekannten Vogelarten 12 trotz intensiver Suche nicht mehr vor, obwohl nur 1 Art in der Roten Liste aufgeführt wird. – Naturschutz und Artenschutz bemühen sich um die Erhaltung gefährdeter Arten. Die reduzierten Populationen bedrohter Arten verarmen genetisch durch Inzucht. Ein dauerhafter Artenschutz erfordert eine minimale Populationsgröße, die durch Populationsgefährdungsanalyse bestimmt wird. Die genetische Verarmung führte unter anderem zum Verschwinden bestimmter Haustier- und Nutzpflanzenrassen. Abkommen zum Artenschutz und Maßnahmen zur Arterhaltung sollen dies verhindern. Agenda 21, Artenschutzabkommen, Biodiversität, Biotopverbundplanung, botanischer Garten, Genbank, Genreservoire, Inselbesiedlung, Ressourcen, Samenbank, Tiergartenbiologie, Vermehrung, zoologischer Garten; Aussterben I
Aussterben II

S.M./K.R./U.W.

Lit.: Engelhardt, W.: Das Ende der Artenvielfalt. Aussterben und Ausrottung von Tieren. Darmstadt 1997.

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