Autoimmunkrankheiten [von *auto -, Immunität], Autoaggressionskrankheiten, Autoaggressionssyndrome, autoallergische Krankheiten, Autoantikörperkrankheiten, Autoimmunopathien, durch Autoantikörper oder Autoimmunzellen hervorgerufene Krankheiten. Autoimmunität beruht auf einer spezifischen, adaptiven (erworbenen) Immunantwort (adaptive Immunität) gegen körpereigene Antigene. Sie läßt sich als Ergebnis eines Zusammenbruchs der Toleranz (Immuntoleranz) gegenüber körpereigenen Stoffen und/oder eines defekten Kontroll- und Regulationsmechanismus des Immunsystems auffassen. Die genauen Ursachen für die Entstehung von Autoimmunkrankheiten sind bisher noch unbekannt. Man nimmt an, daß neben umweltbedingten auch erbliche Faktoren (z. B. der Genotyp der Haupt-Histokompatibilitäts-Komplexe) eine Rolle spielen. T-Lymphocyten scheinen an der Auslösung essentiell beteiligt zu sein, da sie sowohl als cytotoxische T-Lymphocyten als auch durch die Aktivierung von Makrophagen Gewebeschädigungen verursachen können. Zudem sind autoreaktive T-Zellen für die Stimulation autoreaktiver B-Lymphocyten notwendig. Hinsichtlich der Entstehung von Autoimmunkrankheiten werden folgende Theorien diskutiert. 1) Sequestrationstheorie: Körpereigene Antigene, die während der Toleranz-Induktion der Immunzellen von diesen räumlich getrennt (sequestriert) waren und somit vom Immunsystem nicht als körpereigen erkannt werden, gelangen z. B. durch Verletzungen in Kontakt mit den Immunzellen. Erfolgt die Expression körpereigener Antigene in der Individualentwicklung erst nach der Toleranz-Induktion der Immunzellen, so können solche zeitlich sequestrierten Antigene unter Umständen ebenfalls eine Immunantwort induzieren. Insbesondere kann somit die Bildung von Autoantikörpern gegen immunologisch privilegierte Regionen wie Hoden (Sperma), Schilddrüse und Linsengewebe sowie gegen viele intrazelluläre Komponenten (DNA, Histone) erklärt werden. 2) Kreuzreaktionstheorie: Antikörper gegen körperfremde Antigene kreuzreagieren (Kreuzreaktion) mit körpereigenen Antigenen. So konnte gezeigt werden, daß beim Rheumatischen Fieber (Rheumatismus), das nach der Infektion mit einem bestimmten Streptokokkenstamm (Streptococcus) auftritt, Antikörper gebildet werden, die Streptokokken-spezifisch sind und gleichzeitig mit Bestandteilen des Herzgewebes kreuzreagieren können. 3) Alterationstheorie: Durch die Änderung der Konformation körpereigener Antigene, insbesondere der Tertiärstruktur von Proteinen, können neue antigene Determinanten (Epitop) entstehen, die vom Immunsystem als körperfremd erkannt werden. Es wird angenommen, daß virale und bakterielle Infektionen (Infektion, Virusinfektion) eine solche "Demaskierung" dieser antigenen Epitope induzieren können. 4) Komplettierungstheorie: Unter Einwirkung von Medikamenten sowie bakterieller oder viraler Komponenten auf die Zellmembran können neue Strukturen auf der Zelloberfläche entstehen. Diese können selbst nicht-immunogen sein, jedoch als Helferdeterminanten eine Autoimmunantwort gegen bisher nicht erkannte und auch nicht modifizierte körpereigene Antigene auf derselben Zelloberfläche ermöglichen. – Autoimmunkrankheiten lassen sich in gewebe- oder organspezifische sowie systemische (nicht-organspezifische) Autoimmunkrankheiten einteilen. Beispiele für organspezifische Autoimmunkrankheiten beim Menschen sind: Anti-GBM-Nephritis, eine seltene, aber schwere und gewöhnlich zum Tode führende Nierenerkrankung, bei der das Individuum Autoantikörper gegen seine glomeruläre Basalmembran (GBM, Basallamina) bildet. Bei der chronischen Thyreoiditis (Hashimotosche Krankheit) kommt es im Krankheitsverlauf zu einer Vergrößerung der Schilddrüse, die hochgradig mit Autoantikörpern gegen Schilddrüsenproteine infiltriert wird. Ein Beispiel für eine systemische Autoimmunkrankheit ist der Systemische Lupus erythematodes. Die Patienten bilden Antikörper gegen native DNA, eine Vielzahl von Nucleoproteinen (Histone) und cytoplasmatische Komponenten. Die Antigene werden wahrscheinlich von normalen Zellen im Laufe ihrer natürlichen Umsetzung freigesetzt. Die Gewebeschädigungen bei Autoimmunkrankheiten werden zum größten Teil durch dieselben Mechanismen herbeigeführt, die auch bei der normalen Immunantwort gegen körperfremde Antigene Anwendung finden. Folgende immunpathogene Mechanismen konnten nachgewiesen werden. a) Typ-II-Antikörperbildung gegen Oberflächen- oder Matrixantigene: Oberflächenrezeptoren auf Zellen können durch agonistische Autoantikörper stimuliert oder durch antagonistische Autoantikörper inhibiert werden. So bilden Patienten, die an Myasthenia gravis (Myasthenie) erkranken, Autoantikörper gegen die α-Kette des Acetylcholinrezeptors, welche die Signalleitung dieses Rezeptors an den neuromuskulären Endplatten inhibieren. Die dadurch verursachte progressive Schwächung der Patienten führt letztlich zum Tod. Im Gegensatz dazu hat die permanente Aktivierung von Rezeptoren für das schilddrüsenstimulierende Hormon (TSH; Thyreotropin) durch Autoantikörper eine Überproduktion an Schilddrüsenhormonen und die klinischen Symptome der Basedowschen-Krankheit (Hyperthyreose) zur Folge. b) Typ-III-Immunkomplexbildung: Die Bindung von Autoantikörpern an körpereigene Antigene kann zu einer permanenten Neubildung von Immunkomplexen führen. Da diese nicht mehr in adäquater Weise von Immunzellen mit Komplement-Rezeptoren und Fc-Rezeptoren beseitigt werden können, resultiert aus der Ablagerung dieser Immunkomplexe das klinische Bild der entsprechenden Autoimmunkrankheit (z. B. Systemischer Lupus erythematodes; Immunkomplexkrankheit). c) Typ-IV-T-Zell-vermittelte Immunantwort: Cytotoxische T-Lymphocyten erkennen körpereigene Peptide im Kontext von MHC-Molekülen (Histokompatibilitäts-Antigene) der Klasse I und führen zur Zerstörung der erkannten Zelle (z. B. Rheumatoide Arthritis, insulinabhängiger Diabetes mellitus). – Lediglich IgE-vermittelte Immunreaktionen (Immunglobuline), die besonders bei Allergien eine Rolle spielen, konnten bisher noch nicht als Mechanismus für die Gewebeschädigung bei Autoimmunkrankheiten nachgewiesen werden. – Diagnostisch lassen sich, sofern das Antigen bekannt ist, Autoantikörper mittels Immunfluoreszenz nachweisen. Zudem können humane Autoantikörper nach adoptivem Transfer in Versuchstieren ähnliche Krankheitssymptome hervorrufen wie in den Patienten. Der Nachweis von Autoimmunkrankheiten, die durch autoreaktive T-Lymphocyten verursacht werden, ist hingegen schwieriger. Insbesondere sind die Isolierung und Charakterisierung der entsprechenden antigenen Peptide problematisch; zudem kann die Krankheit nicht durch adoptiven Transfer humaner T-Lymphocyten auf Versuchstiere übertragen werden, da die T-Zell-Erkennung MHC-abhängig ist (MHC-Restriktion) und sich humane und tierische MHC-Allele voneinander unterscheiden. In der Praxis ist das therapeutische Vorgehen limitiert durch den chronischen, langsam fortschreitenden Charakter der meisten Autoimmunkrankheiten. Zu Teilerfolgen führte der Einsatz von Immunsuppressiva (Immunsuppression) und Corticosteroiden. Sogar ein Behandlungsschema aus der Leukämietherapie (Leukämie) wird bei Patienten mit lebensbedrohlichen Zuständen in vielen Fällen erfolgreich eingesetzt: das Immunsystem wird mittels Chemotherapeutika vollständig zerstört und anschließend durch Gabe von Stammzellen aus dem Knochenmark, die zuvor entnommen worden sind, regeneriert ( vgl. Infobox ). Mehrere neuere Ansätze für Therapien gegen Autoimmunkrankheiten machen sich die Idee zunutze, daß bestimmte Peptide die Autoimmunreaktion verhindern können, indem sie zwar an die MHC-Moleküle binden, die von den T-Zell-Rezeptoren der autoreaktiven T-Zellen erkannt werden, aber diese T-Zellen nicht mehr aktivieren. In Frage kommen dafür Peptide, die eine ähnliche (verwandte) Aminosäuresequenz wie das Selbstpeptid (Peptidfragmente), welches die Krankheit auslöst, besitzen und somit ebenfalls an das entsprechende MHC-Molekül, nicht aber an den T-Zell-Rezeptor binden, oder Peptide mit einer nicht verwandten Aminosäuresequenz, die trotzdem an die entsprechenden MHC-Moleküle binden können und die "krankmachenden" Peptide aus der Bindungsgrube des MHC-Moleküls verdrängen. Andere Therapieansätze versuchen, Komplexe aus MHC-Molekülen, Peptid und einem Toxin (z. B. Adriamycin) zur Bindung an diejenige T-Zelle zu veranlassen, die den Schaden im Organismus anrichtet. Die T-Zelle soll durch dieses Immuntoxin (bei dem der Antikörper des klassischen Immuntoxins durch den Komplex aus MHC-Molekül und Peptid ersetzt ist) eliminiert werden. Auch herkömmliche Immuntoxine können Verwendung finden – insbesondere, da die autoreaktiven T-Zellen bevorzugt bestimmte T-Zell-Rezeptoren exprimieren, die durch Antikörper erkannt werden können. Antagonisten gegen die Cytokine, die bei der Auslösung der Autoimmunkrankheiten beteiligt sind, versprechen ebenfalls Erfolg. Dabei kommen besonders Interleukin-1- (Interleukine) und Tumor-Nekrosis-Faktor-α-Antagonisten (Tumor-Nekrosis-Faktor) in Frage. In der klinischen Erprobung befinden sich zudem humanisierte monoklonale Antikörper (humanisierte Antikörper), die spezifisch den Rezeptor für das Interleukin-2 erkennen. Die Bindung dieser Antikörper an den Rezeptor verhindert, daß die T-Zelle durch sezerniertes Interleukin-2 stimuliert wird und proliferiert. Die lokale Applikation solcher Antikörper in Entzündungsherde (z. B. bei Rheumatoider Arthritis) könnte die weitere Aktivierung von T-Zellen lokal unterbinden. – Für viele Autoimmunkrankheiten sind mittlerweile experimentelle Tiermodelle etabliert worden, die helfen sollen, die Ursachen dieser Krankheiten aufzuklären. Beispiele: Adjuvans-Krankheit, AIHA, akutes rheumatisches Fieber, Autoimmunhepatitis, chronische Thyreoiditis, Colitis ulcerosa, EAE (experimentelle allergische Encephalomyelitis), EAMG (experimentelle autoimmune Myasthenia gravis), experimentelle Thyreoiditis, Goodpasture-Syndrom, Basedowsche Krankheit, Immunkomplexkrankheit, IDDM, Perniciöse Anämie, Rheumatoide Arthritis, Sjögren-Syndrom (Rheumatismus), Systemischer Lupus erythematodes). altered antigen theory, Antiphospholipid-Syndrom, B1-Zellen, Diabetes mellitus (juveniler), Immunopathien, multiple Sklerose, Pemphigus.

B.L./R.Mü.

Lit.: Sönnichsen, N., Apostoloff, E. (Hrsg.): Autoimmunkrankheiten. Jena 21992.