Fehlbildung, Mißbildung, Bezeichnung für eine stark von der Norm abweichende Ausprägung eines Organs bzw. Körperteils bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie werden durch genetische Fehler (Chromosomenanomalien) und/oder durch Umweltfaktoren wie Strahlung (ionisierende Strahlen), Chemikalien, infektiöse Erkrankungen oder Tierfraß hervorgerufen (Teratogene). 1) Botanik: Bei Pflanzen treten Fehlbildungen als einfache Organverunstaltungen, Wachstumsstörungen wie Hemmungen als auch übertriebene Förderungen, Organumbildungen und Organvermehrungen auf. Je höher entwickelt Pflanzengruppen sind, um so häufiger findet man bei ihnen Fehlbildungen. Bei den Samenpflanzen sind vor allem Wurzeln, Sproß, Blätter, Blütenstände und Blüten betroffen, doch auch Blütenteile, Früchte und Samen. Bekannte pflanzliche Fehlbildungen sind u.a. Verbänderungen (Fasziation), Verlaubungen im Blütenbereich, Zwangsdrehungen und Proliferationen (Durchwachsung). Bei einigen Kulturpflanzen sind solche Bildungsabweichungen zu gewünschten Eigenschaften geworden. So ging jede der verschiedenen Kohlsorten (Kohl) aus einer besonderen erblichen Bildungsabweichung hervor; beim Blumenkohl ist es der Blütenstand, beim Rosenkohl sind es die Seitentriebe und bei den anderen Sorten die Blätter, die abgewandelt sind. Da Pflanzen eine sehr flexible Entwicklung (Embryonalentwicklung, Abb.) aufweisen, sind sie gegenüber Fehlbildungen verhältnismäßig tolerant. Häufig gehen diese auf Veränderungen des Hormongleichgewichts zurück. Auch Störungen in der Achse und Symmetrie von Zellteilungen (asymmetrische Teilung, Cytokinese) durch Zellskelett-Drogen wie Colchicin, Coffein oder bestimmte Herbizide können drastische Fehlbildungen hervorrufen. Daneben gibt es eine Reihe von Entwicklungsmutanten, die durch Störungen der Embryonalentwicklung Fehlbildungen hervorrufen. 2) Zoologie: Fehlbildungen sind auf Störungen der pränatalen Entwicklung zurückzuführen. Die Auslösung der meisten Fehlbildungen ist bei Tieren an bestimmte Entwicklungsstadien gebunden; beim Säuger (einschließlich Mensch; vgl. Tab. ) entstehen Fehlbildungen vor allem im Zeitraum zwischen Nidation und Fetalentwicklung (Amelie, Embryopathie, Fehlbildungskalender). Typische Kombinationen von Fehlbildungen, z.B. beim Down-Syndrom, bezeichnet man als Fehlbildungssyndrom. Die störungsanfälligen Entwicklungsstadien sind häufig gekennzeichnet durch starke Zellvermehrung und/oder ausgeprägte Gestaltungsbewegungen in den betreffenden Organanlagen. Man unterscheidet endogene (genetisch bedingte) und exogene Schädigungsfaktoren ( vgl. Tab. ), zu denen mütterliche Infektionen, Chemikalien, Genußmittel (Alkohol [Alkoholismus], Nicotin [Rauchen]) und Medikamente (z.B. Thalidomid) gehören. In der Mehrzahl der Fälle bleibt die genaue Ursache der Fehlbildungen ( vgl. Abb. ) unklar; es ist von einem Zusammenspiel vieler Faktoren auszugehen. Cardano (G.), Duplicitas cruciata, Dysmelie, Erbkrankheiten (Tab.), Eugenik, genetische Diagnose, Geoffroy Saint-Hilaire (É.), Mehrlingsgeburten, Placenta, Teratologie, Teratom.

P.N./K.N./S.Kl.

Lit.: Schumacher, G.H.: Embryonale Entwicklung und Fehlbildungen des Menschen – Anatomie und Klinik. Berlin 1993. Witkowski, R., Prokop, O., Ullrich, E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen – Ursachen, Genetik und Risiken. Berlin 1995.



Fehlbildung



Beispiel für Fehlbildungen (sog. amniogene Mißbildung der Hände), die nicht vorhersehbar, nicht verhütbar, aber auch nicht erblich sind.