Haustierwerdung, Domestikation, seit der Steinzeit, d.h. seit 10.000–12.000 Jahren, in Gang befindlicher Prozeß, in dessen Verlauf der Mensch zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen, geographisch voneinander getrennten Regionen (Europa, Nordafrika, Vorderasien, Mittel- und Südamerika) Einzeltiere von Wildarten aus ihren natürlichen Populationen undsomit auch aus ihrem ökologischen Gefüge herauslöste und sie in folglich künstlichen Populationen undunter den von ihm geschaffenen ökologischen Bedingungen des Hausstandes generationenlang auf ideellen (Kult, Religion, Liebhaberei) und realen Nutzen (Nahrung, Kleidung, Arbeitshilfe) hin züchtete ( vgl. Infobox ). Aus den Wildformen entstanden durch tiefgreifende Gestalt- und Verhaltensänderungen Haustiere, die gegenüber der relativen Einheitlichkeit ihrer Vorfahren eine bemerkenswerte Mannigfaltigkeit aufweisen. So ist z.B. die Variationsbreite der Körpergröße bei Haustieren viel größer als bei Wildarten. Häufig – so bei Hund, Pferd, Lama und Alpaka – treten Zwergformen auf, bei anderen, wie Haus-Kaninchen und Haushuhn, Riesen und Zwerge. Das Körpergewicht ausgewachsener Wölfe (Wolf) schwankt zwischen 15 und 60 kg, das von ihnen abstammender Haushunde zwischen 1 und 70 kg. Die unterschiedliche Körpergröße bedingt einen unterschiedlichen Einfluß auf die Organe. Der Schädel kleiner Tiere ist relativ zur Körpergröße größer als bei großen Tieren der gleichen Art. Nicht selten ist das Auftreten von Mopsköpfigkeit, die durch eine Verkürzung von Unterkiefer und Gesichtsschädel bei gleichzeitiger Aufbiegung des Gesichtsschädels zustande kommt. Eine schwächere Knickung der Nasenbeine (Nasale) mit dem Stirnbein führt zur Schweinsköpfigkeit. Im Vergleich zu den Stammformen ist das Gehirn bei Haustieren bis zu 30% kleiner. Haustiere sehen und riechen schlechter als ihre Vorfahren, auch ist ihre Hörschwelle (Gehörorgane) gegenüber den Wildformen herabgesetzt. Dafür sind sie weniger empfindlich gegen Lärm. Besonders vielgestaltig sind Form und Farbe von Haaren und Federn. Hin und wieder tritt Scheckung auf. Die Fortpflanzungsrate ist bei allen Haustieren gegenüber ihren Stammformen beachtlich gesteigert, das Warn-, Flucht-, Verteidigungs- und Brutpflegeverhalten vielfach wesentlich weniger gut entwickelt, während die sexuelle Reaktionsbereitschaft um ein Vielfaches gesteigert sein kann (Hypersexualisierung). Auch wenn bei der als Veränderungsprozeß (Hediger, 1939) erkannten Domestikation kein Merkmal unverändert bleibt, so wird doch die Artgrenze nie überschritten. Alle Haustiere sind folglich Unterarten (Rassen) der wildlebenden Vorfahren und bleiben mit diesen fruchtbar. Selbst wenn, durch Größenunterschiede bedingt, eine Kopulation unmöglich wird (Bernhardiner – Dackel), bleibt doch das gegenseitige sexuelle Interesse erhalten. – Der Wandel vom Wildtier zum Haustier läßt sich populationsgenetisch und-dynamisch sowie selektionistisch verstehen. Eine Rolle spielen Genhäufigkeit und Genomzusammensetzung; denn die kleine Ausgangspopulation enthielt ja nur einen zufällig vereinten, geringen Teil des ganzen, die Wildtierart bedingenden Genpools und wurde von diesem langfristig sexuell isoliert. Damit waren, ähnlich wie in isolierten natürlichen Populationen, die Voraussetzungen für besondere Genkombinationen und Gendrift gegeben. Andererseits führten die vom Menschen geschaffenen optimalen Aufzuchtbedingungen zu Frühreife und stark vermehrter Nachkommenschaft, so daß häufiger als bei den Wildformen Rekombinationen zustande kommen. Während natürliche Populationen stark heterozygot (Heterozygotie) sind, ist in den kleinen Haustierpopulationen ein Trend zur Homozygotie zu beobachten. Ferner gehen Gene verloren, die im Wildzustand ihre Funktion hatten, für die Haustiere aber bedeutungslos geworden sind. Hinsichtlich der Mannigfaltigkeit stehen die Wildtiere genetisch keineswegs hinter den Haustieren zurück. Ihre Einheitlichkeit ist im wesentlichen eine Folge der Selektion; denn nur ein Bruchteil der geborenen Wildtiere erreicht das fortpflanzungsfähige Alter. Bei Wölfen sterben 50% der Jungen, bei Wildschweinen im Urwald von Bia

owieza sollen es gar nur 8% sein, die sich fortpflanzen. – Die im wesentlichen an Säugetieren und Vögeln vollzogene Domestikation hat zusammen mit der weitgehend parallel und analog verlaufenen Domestikation von Pflanzen (Pflanzenzüchtung, Kulturpflanzen) die Entwicklung der Menschheit entscheidend geprägt, indem durch beide die Umweltabhängigkeit des Menschen verkleinert wie seine Freizeit vergrößert und so zweifellos die Weiterentwicklung seiner geistigen (z.B. künstlerischen) Fähigkeiten beachtlich gefördert wurden. Hediger (H.), Herre (W.), Selbstdomestikation.

D.Z.

Lit.: Hediger, H.: Tierpsychologie und Haustierforschung. Zeitschrift Tierpsychologie 2, 1939. Herre, W.: Domestikation. Ein experimenteller Beitrag zur Stammesgeschichte. Naturwissenschaftliche Rundschau 34, 1981. Herre, W., Röhrs, M.: Haustiere – zoologisch gesehen. Stuttgart 21990.