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Lexikon der Biologie

Immuntoleranz

Immuntoleranz w, die für ein bestimmtes Antigen spezifische Reaktionsunfähigkeit eines Individuums, das normalerweise gegen dieses Antigen eine Immunantwort einleitet. Das Phänomen der Immuntoleranz wurde postuliert, um zu erklären, warum ein Individuum normalerweise keine Immunreaktion gegen sein eigenes antigenes Material zeigt, obwohl dieses für ein anderes Individuum immunogen sein kann. In den letzten Jahren wurden mehrere, seit längerem geforderte Mechanismen der Immuntoleranz nachgewiesen. So konnte gezeigt werden, daß T-Lymphocyten und B-Lymphocyten, die im Laufe ihrer Entwicklung Antigenrezeptoren gegen Selbst-Strukturen (z.B. Histokompatibilitäts-Antigen) erhalten, bereits in den primären lymphatischen Organen durch Apoptose eliminiert werden (B-Zell-Entwicklung, T-Zell-Erziehung). Einige Antigene führen jedoch nur zur Inaktivierung (als klonale Anergie bezeichnet) autoreaktiver B-Zellen und T-Zellen. Wenn diese Mechanismen außerhalb der primären lymphatischen Organe auftreten, spricht man von peripher erzeugter Immuntoleranz. Nach heutigem Forschungsstand wird sie vor allem durch fehlende Costimulation (Corezeptoren, CD-Marker) und inhibitorische Cytokine bewirkt. Eine wichtige Rolle spielen dabei wohl CD4-positive Suppressor-T-Lymphocyten. Die Toleranz gegen „Selbst“ kann jedoch unter bestimmten Umständen zusammenbrechen, so daß es zu Autoimmunkrankheiten mit lebensbedrohlichen Konsequenzen kommen kann. Bei der Transplantation von Fremdgewebe müssen zur Zeit noch Immunsuppressiva eingesetzt werden, um Abstoßungsreaktionen zu mindern (Transplantationsimmunologie). Im Mausmodell kann jedoch durch die gleichzeitige Übertragung von Knochenmark eine Toleranz gegen Transplantate induziert werden. Horror autotoxicus, immunologische Ignoranz.

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