Liliengewächse [von *lili- ], Liliaceae, Familie der Lilienartigen mit ca. 220 Gattungen und etwa 3500 Arten in gemäßigten bis tropischen Breiten. Hauptsächlich ausdauernde Kräuter mit Zwiebeln, Knollen oder Rhizomen und meist grundständigen Blättern. Es überwiegen radiäre Blüten mit der Blütenformel *P3 + 3 A3+3 G(3). Aus dem oberständigen (selten mittelständigen) dreifächrigen Fruchtknoten mit zentralwinkelständigen Samenanlagen entwickelt sich eine Kapsel oder eine Beere, manchmal eine Nuß. Zu den Liliengewächsen gehören zahlreiche Zier- und Gartenpflanzen, wie z.B. Lilie (Lilium), Tulpe (Tulipa), Hyazinthe (Hyacinthus) oder Maiglöckchen (Convallaria), aber auch wichtige Nahrungs- und Gewürzpflanzen, wie Zwiebel, Knoblauch, Schnittlauch und Porree (Lauch, Allium) und Spargel (Asparagus). Die Familie ist in zahlreiche Unterfamilien gegliedert, die nach der neueren Systematik auch als eigene Familien angesehen werden ( ä vgl. Tab. ). – Zur Unterfamilie Melanthioideae (bzw. Familie Germergewächse, Melanthiaceae) zählen Sippen mit vorwiegend Rhizomen und einem beblätterten Stengel sowie Kapselfrüchten. Hierzu gehören u.a. die Gattungen Beinbrech (Narthecium), Simsenlilie (Tofieldia) und Germer (Veratrum). Die Gattung Amianthium mit 12 Arten ist durch Amianthium muscaetoxicum bekannt, deren Samen ein Fliegengift enthalten. Ebenfalls giftige Samen hat Schoenocaulon officinale (Läusesamen, Sabadillsamen); die Gattung Schoenocaulon (Schoenocaulus) hat ihren Schwerpunkt in Nord- und Mittelamerika. In feuchten Wäldern im atlantischen Teil Nordamerikas wächst die Gattung Uvularia mit 5 Arten; Uvularia grandiflora (Zäpfchenkraut oder Goldsiegel) ist mit ihren hängenden, glöckchenförmigen orangegelben Blüten eine beliebte Steingartenpflanze für nicht zu sonnige Stellen. – Bezeichnend für die Unterfamilie Asphodeloideae (bzw. Familie Asphodillgewächse [Asphodelaceae], die auch zur Ordnung Spargelartige gestellt wird), sind ein knollig verdicktes Rhizom oder fleischige Wurzeln, grundständige, meist etwas sukkulente Blätter in Rosetten, terminale Blütenstände und fleischige Samenmäntel (Arilli). Hierzu gehören u.a. die wichtigen Gattungen Asphodill (Asphodelus), Paradieslilie (Paradisea), Taglilie (Hemerocallis), Aloe und Graslilie (Anthericum); ferner die Gattung Steppenkerze (Eremurus; ä vgl. Abb. 1/1 ) aus den Hochsteppen West- und Zentralasiens mit 50 Arten. Die als Zierpflanzen beliebten Steppenkerzen besitzen eine Rosette riemenförmiger Blätter sowie weiß, gelb oder rosa gefärbte Blüten, die zu Hunderten an einem langen, aufrechten Blütenschaft stehen (letzterer kann bei Eremurus spectabilis eine Höhe von 3 m erreichen). Aus der Gattung Chlorophytum (Grüner Heinrich) mit über 200 Arten in den Tropen ist Chlorophytum comosum (Schopfartige Grünlilie) mit langen, lineallanzettlichen Blättern und kleinen weißen Blüten an bogig herabhängenden Blütenschäften eine wegen ihrer hohen Widerstandsfähigkeit weit verbreitete Topfpflanze; an den Blütentrieben befinden sich am apikalen Ende an Stelle der kleinen Einzelblüten Achselknospen, die zu ansehnlichen Jungpflanzen austreiben; die Spielart variegatum hat weißgestreifte Blätter. In Ostasien beheimatet ist die 40 Arten umfassende Gattung Hosta (Funkie, Trichterlilie; ä vgl. Abb. 2/2 und Asien V ). Die Abgrenzung der Arten ist umstritten, da es zahlreiche weiß, rosa oder violett blühende Kulturhybriden mit auch weiß oder gelb gemusterten Blättern gibt. Besonders bevorzugt für Rabatteneinfassungen wird Hosta plantaginea (Wegerichartige Funkie) mit trichterförmigen, einseitswendig hängenden, weißen Blüten in endständigen Trauben und breitovalen Blättern, die durch ihre vertieften, nach hinten bogenförmig verlaufenden Nerven hervorstechen. Die früher zu den Agavengewächsen gerechnete Gattung Phormium wird heute einer eigenen Familie (Phormiaceae) zugeordnet. In unseren Gärten häufig anzutreffen ist die in Afrika bis Madagaskar heimische subtropische bis tropische Gattung Fackellilie (Kniphofia) mit rund 70 Arten; ihr Name leitet sich von dem bis 1 m hohen kräftigen Blütenstand ab, der oben rote Knospen trägt, die sich weiter unten beim Aufblühen zu gelben, glockenförmigen Blüten entfalten; Kniphofia uvaria ist die Stammform zahlreicher Gartensorten. Zu den Sukkulenten zählen die beiden Gattungen Gasteria und Haworthia, die beide in Afrika beheimatet sind. Bei den über 70 Arten von Haworthia ( ä vgl. Abb. 1/2 ) handelt es sich um immergrüne Zwergrosettenstauden mit meist dickfleischig und derbhäutig ausgebildeten Blättern. Einige Haworthia-Arten haben lichtdurchlässige Fenster an abgestumpften Blattenden (Fensterblätter), andere weiße Flecken an der Außenseite der Rosettenblätter. – Die Unterfamilie Wurmbaeoideae oder Anguillarieae (bzw. Familie Herbstzeitlosengewächse, Colchicaceae) zeichnet sich durch eine Knolle mit 2 Triebknospen aus. Zu ihr gehört u.a. die aus dem tropischen Afrika und Asien stammende Gattung Gloriosa. Ihre einzige Art, Gloriosa superba ( ä vgl. Abb. 2/3 ), ist eine Kletterpflanze mit großen, äußerst dekorativen Blüten, deren leuchtendrot und gelb gefärbte, am Rand gewellte Blütenblätter weit zurückgebogen sind; die Ruhmeskrone oder Flammenlilie wird bei uns gelegentlich als Topfpflanze gezogen; ihre Knollen sind stark giftig, da sie Colchicin enthalten, wie die zur gleichen Unterfamilie gehörende Herbstzeitlose (Colchicum). Die 2 Arten der in Süd- und Osteuropa heimischen Frühlingslichtblume (Bulbocodium) werden wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Herbstzeitlose bisweilen dieser Gattung zugerechnet. Die krokusähnliche, auf Gebirgswiesen wachsende Lichtblume, Bulbocodium vernum (syn. Colchicum vernum oder Colchicum bulbocodium) hat rosaviolette Blüten, die gleichzeitig mit den Blättern erscheinen. – Die Unterfamilie Lilioideae (bzw. Familie Liliaceae i.e.S.) mit den bekannten Gattungen Tulpe (Tulipa), Fritillaria (Schachblume [ ä vgl. Abb. 1/3 ] und Kaiserkrone [ ä vgl. Abb. 2/6 ]), Faltenlilie (Lloydia), Gelbstern (Gagea) und Lilie (Lilium) ist nur auf der nördlichen Halbkugel verbreitet und besitzt als Überdauerungsorgane Zwiebeln. Die über 50 Arten der Gattung Calochortus (Mormonentulpe) stammen aus Nordamerika; ihre kelchförmigen, weiß, gelb, rosa oder purpurn gefärbten und innen farbig gezeichneten Blüten bestehen in der Regel aus 3 recht großen und 3 kleineren Blütenblättern. Der überwiegende Teil der 20 Arten umfassenden Gattung Erythronium hat dieselbe Verbreitung; der Hundszahn (Zahnlilie, Erythronium dens-canis; ä vgl. Abb. 2/1 ), eine beliebte Steingartenpflanze mit ovalen, schön marmorierten Blättern und rosa gefärbten, weit zurückgebogenen Tepalen, ist allerdings von Südeuropa bis Asien verbreitet. – Zur Unterfamilie Scilloideae (bzw. Familie Hyazinthengewächse [Hyacinthaceae], die auch zur Ordnung Spargelartige gestellt wird) gehören ca. 40 Gattungen mit rund 900 Arten, insbesondere im Mittelmeergebiet und Südafrika. Charakteristisch sind die von einer häutigen Hülle umgebenen Zwiebeln, blattlose Schäfte und traubige Blütenstände. Wichtige Gattungen sind u.a. die Sternhyazinthe (Scilla; ä vgl. Abb. 1/4 ), der Milchstern (Ornithogalum), die Träubelhyazinthe (Muscari), die Hyazinthe (Hyacinthus) und die Schopflilie (Eucomis). Von den etwa 5 Arten der im östlichen Mittelmeergebiet vorkommenden Gattung Chionodoxa (Schneeglanz oder Schneestolz) ist Chionodoxa forbesii aus dem westlichen Kleinasien eine beliebte Zierpflanze; sie besitzt sternförmige blaue Blüten mit weißer Mitte. Die Gattung Meerzwiebel (Urginea) ist mit rund 100 Arten von Südafrika bis ins Mittelmeergebiet verbreitet; die Echte Meerzwiebel, Urginea maritima, mit 15 cm großer Zwiebel, breitlanzettlichen Blättern und weißen Blütenständen, wächst an Sandstränden; ihre scharf und sehr bitter schmeckende Zwiebel enthält u.a. das Herzglykosid Scillaren (Bufadienolide), ist stark giftig und als Bulbus Scillae offizinell. Meerzwiebeln wurden häufig als Rattengift verwendet; auf der Haut wirkt ihr Saft blasenziehend, eingenommen können schon geringe Mengen einer Zwiebel zum Tod durch Herzstillstand führen. Die wichtigste der 4 südafrikanischen Arten der Gattung Sommerhyazinthe (Galtonia) ist Galtonia candicans. Die Riesenhyazinthe treibt einen bis zu 1 m hohen Blütenschaft mit weißen, glockenförmigen, hängenden Blüten und wird als Zierpflanze gezogen. Eine Besonderheit ist die aus dem südlichen Afrika stammende und in Kalthäusern kultivierte Bowiea volubilis (Bowiea); ihre Zwiebeln wachsen oberirdisch, und die einjährigen, windenden Sprosse bringen grünlichweiße Blüten hervor. – In der nach der artenreichen Gattung Allium (Lauch) benannten Unterfamilie Allioideae (bzw. Familie Lauchgewächse [Alliaceae], die auch zur Ordnung Spargelartige gestellt wird) sind Pflanzen mit einer durch Hüllblätter abgesetzten Scheindolde auf langem Blütenschaft zusammengefaßt. Hierher gehört neben der Gattung Lauch mit ihren wichtigen Nutz- und Zierpflanzen die aus Kapland stammende Gattung Agapanthus ( Afrika VI ), die aufgrund ihrer leuchtend blauen oder weißen Dolden als Kübelpflanze geschätzt wird, sowie die systematisch schwer einzuordnende Sternblume (Frühlingsstern, Ipheion) mit ihren 10 südamerikanischen Arten. Die nach Knoblauch riechenden Stauden besitzen grasartige Blätter und stieltellerförmige Blüten. Ipheion uniflorum (syn. Triteleia uniflora usw.) mit duftenden, blaßblauen Blüten, ist eine beliebte Zierpflanze. – Aufrechte Sprosse mit kleinen, schuppenförmigen Blättern, in deren Achseln nadelförmige bis breite, blattartige Phyllokladien stehen, sind Kennzeichen der Unterfamilie Asparagoideae (bzw. Familie Spargelgewächse, Asparagaceae). Wichtigste Gattungen sind Spargel (Asparagus), Mäusedorn (Ruscus), Aspidistra und Danaë. Von den 8 Arten der ostasiatischen Gattung Aspidistra (Schildblume oder Schusterpalme; ä vgl. Abb. 2/4 ) ist Aspidistra elatior ( Asien V ) am bekanntesten. Die anspruchslose, unverwüstliche Zimmerpflanze hat bis zu 60 cm lange, lanzettliche, direkt aus den Rhizomen sprießende Blätter und unscheinbare violette Blüten, die sich in Bodennähe, in den Achseln von Niederblättern entwickeln. Der aus Syrien und dem Iran stammende, bisweilen als Zierstrauch kultivierte Alexandrinische Lorbeer, Danaë racemosa, bildet lanzettförmige Phyllokladien in den Achseln schuppenförmiger Stengelblätter als Assimilationsorgane aus. – Die Maiglöckchengewächse (Convallariaceae) mit den Gattungen Maiglöckchen (Convallaria), Schattenblümchen (Maianthemum), Weißwurz (Polygonatum) und Knotenfuß (Streptopus) zeichnen sich aus durch Beerenfrüchte und mono- oder sympodiale Rhizome. Die auch zu dieser Familie gehörende, Gattung Liriope umfaßt 5 Arten in Ostasien; vor allem Liriope muscari, eine immergrüne Staude mit grasartigen Blättern und glockigen, lila Blüten in dichten, ährenförmigen Trauben, wird in vielen Sorten kultiviert. – Die Waldliliengewächse (Trilliaceae) weisen netzadrige, in einem Quirl stehende Blätter und eine einzige, in der Mitte des Quirls stehende Blüte auf, aus der eine Beere heranreift. Zu ihnen gehören die Einbeere (Paris) und das Dreiblatt (auch Waldlilie, Trillium; Waldliliengewächse). – Die Spargelgewächse (Asparagaceae) und die Maiglöckchengewächse (Convallariaceae) werden auch zur Ordnung Spargelartige gestellt, die Waldliliengewächse (Trilliaceae) zu den Lilienartigen. – Die Luzuriagoideae (nach der neueren Systematik als Luzuriagaceae auch zu den Spargelartigen gestellt) sind Sträucher oder Halbsträucher mit aufrechten oder kletternden Zweigen; die Blütenzweige besitzen am Grund einige schuppige Hochblätter. – Die Unterfamilie Smilacoideae nimmt mit der Netznervatur und zweireihigen Blattanordnung ihrer Vertreter eine Sonderstellung ein; sie wird deshalb nach der neueren Systematik auch als eigene Familie Stechwindengewächse (Smilacaceae) angesehen und umfaßt vor allem kletternde Sträucher und Halbsträucher der artenreichen Gattung Stechwinde (Smilax). – Weitere erwähnenswerte, als Zierpflanzen geschätzte Liliengewächse: Lapageria, die Chilenische Glockenblume (Familie Philesiaceae); Blandfordia (Familie Blandfordiaceae), deren 4 staudenförmige, nur in Ostaustralien heimische Arten knollenartige Rhizome, grasartige Blätter und hängende, wächserne, bis zu 10 cm lange Blüten mit einer leuchtend gelb und rot gefärbten, glockenförmigen Krone besitzen; Triteleia (Familie Tricyrtidaceae), der mit 15 Arten an der Westküste Nordamerikas beheimatete Frühlingsstern mit ebenfalls grasartigen Blättern und sternförmigen, blauen Blüten in doldigen Blütenständen, die an Agapanthus erinnern, und die der gleichen Familie zugeordnete, in Ostasien heimische Gattung Krötenlilie (Tricyrtis) mit 16 Arten. Die rhizombildenden Stauden besitzen eiförmige bis lanzettliche Blätter und sehr aparte, orchideenartig wirkende Blüten mit schmalen, rotviolett gefleckten Perigonblättern. Lilianae; ä Liliengewächse .

B.Le./A.Se./N.D.



Liliengewächse



Abb. 1:

1
Steppenkerze (Eremurus spec.), 2 Haworthia planifolia, 3 Schachblume, Schachbrettblume (Fritillaria meleagris), 4 Sibirische Sternhyazinthe, Blaustern (Scilla sibirica)



Liliengewächse



Abb. 2:

1
Hundszahn, Zahnlilie (Erythronium dens-canis), 2 Hosta spec. (Funkie, Trichterlilie), 3 Gloriosa superba, 4 Aspidistra spec. (Schildblume, Schusterpalme), 5 Tiger-Lilie (Lilium lancifolium), 6 Kaiserkrone (Fritillaria imperialis)