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Lexikon der Biologie

Überempfindlichkeitsreaktionen

Überempfindlichkeitsreaktionen, Hypersensibilitätsreaktionen, Immunantworten auf Antigene, gegen die eine pathologisch relevante, überhöhte immunologische Reaktivität (Überempfindlichkeit) besteht. Sie unterscheiden sich grundsätzlich nicht von einer normalen Immunantwort (wie z.B. bei einer Infektionskrankheit), zeigen aber einen Ablauf, bei dem es zu Gewebeschädigungen durch eine zu starke Immunantwort oder durch eine Autoimmunantwort (Autoantikörper, Autoimmunkrankheiten) kommt. Eine der ersten Beschreibungen der Überempfindlichkeitsreaktionen geht auf Richet und Poitier zurück, die Hunde wiederholt mit Seeanemonen-Extrakt immunisierten, wobei es am 10. Februar 1902 zum Tod des berühmt gewordenen Hundes „Neptune“ kam.
„Einige Sekunden nach der Injektion wurde er sehr krank, die Atmung gequält und keuchend. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, legte sich zur Seite, bekam Diarrhoe und blutiges Erbrechen; 25 Minuten später war das Tier tot“.
Sie bezeichneten dieses Phänomen als Anaphylaxie (eigentlich nicht zutreffend als „Schutzlosigkeit“; der Begriff der Überempfindlichkeitsreaktion trifft die Ursachen besser, denn eine Überreaktion des Immunsystems hatte „Neptune“ getötet). Nach einer Einteilung von Coombs und Gell (1963) werden die Überempfindlichkeitsreaktionen in 4 Typen eingeteilt. Die Reaktionen des Immunsystems bei den 3 ersten Typen der Überempfindlichkeitsreaktionen werden primär durch die Wirkung von Antikörpern verursacht, beim 4. Typ spielen T-Lymphocyten (T-Zellen) die wichtigste Rolle. Typ 1 nach der Einteilung von Coombs und Gell wird auch als Überempfindlichkeitsreaktion vom Soforttyp bezeichnet. Die Bezeichnung Allergie, die 1906 u.a. von C. von Pirquet geprägt wurde und ursprünglich allgemein eine Veränderung in der Reaktivität eines Organismus nach erneutem Kontakt mit einen Antigen bezeichnete, wird heute meist als Synonym für Typ-1-Überempfindlichkeitsreaktionen verwendet. Sie tritt auf, wenn IgE (Immunglobulin E; Immunglobuline [Tab.]) unschädliche Antigene, wie z.B. Pollen, erkennt und die Freisetzung von Mediatoren, wie Histamin, aus Mastzellen verursacht. Es kommt zu einer anaphylaktischen Reaktion (anaphylaktischer Schock) mit Symptomen wie Asthma oder Heuschnupfen (allergische Rhinitis). Typ 2, auch als antikörperabhängige cytotoxische Überempfindlichkeit bezeichnet, tritt auf, wenn Antikörper an körpereigene Zellen binden und dadurch deren Beseitigung über Phagocytose, Killer-Zell-Aktivität (Killer-Zellen, Natural-Killer-Zellen) oder Komplement-vermittelte Lyse (Komplement) bewirken. Die Ursache hierfür liegt meist in der Veränderung der Oberflächenstrukturen der Zellen durch die Anbindung bestimmter Arzneimittel (z.B. Penicillin), die eine Immunantwort auslösen und gegen die Zellen richten. Beispiele sind die hämolytische Anämie, die Myasthenia gravis (Myasthenie) und die allergische Agranulocytose. Typ 3, auch als Immunkomplex-vermittelte Überempfindlichkeit bezeichnet, tritt auf, wenn Immunkomplexe in größeren Mengen auftreten und nicht schnell genug beseitigt werden können. Die Folge sind entzündliche Reaktionen (Entzündung), wie bei der Immunkomplexnephritis in der Niere, bei Urticaria (Nesselkrankheit) in der Haut, bei der Arthritis in den Gelenken (Rheumatismus) und bei Systemischem Lupus erythematodes. Typ-4 schließlich, die verzögerte Überempfindlichkeitsreaktion (Überempfindlichkeitsreaktion vom verzögerten Typ, delayed-type hypersensitivity, Abk. DTH), wird durch die Wirkung von T-Zellen vermittelt, die durch einen früheren Kontakt mit dem auslösenden Antigen sensibilisiert (Sensibilisierung) worden sind. Vor allem die TH1-Zellen mit ihren Entzündungs-fördernden Lymphokinen spielen hier eine Rolle. Durch die Ausschüttung von Lymphokinen kommt es zur Anlockung und Aktivierung von Makrophagen (aktivierter Makrophage) und anderen T-Zellen – äußerlich sichtbar als Rötung, Schwellung und Verhärtung des Gewebes. Dabei werden 4 Untertypen unterschieden, die Jones-Mote-Reaktion, die Kontaktüberempfindlichkeit, die Tuberkulinreaktion und die Granulombildung. Desensibilisierung.

U.T./O.L.

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