Globalisierung



Hans Gebhardt, Heidelberg



Globalisierung lässt sich als Prozess der Intensivierung weltweiter wirtschaftlicher wie auch kultureller und sozialer Beziehungen verstehen, als zunehmende Integration von Märkten, Wirtschaftssektoren und Produktionssystemen in der Folge des strategischen Handelns mächtiger Akteure wie insbesondere der transnationalen Unternehmen (TNU) oder einzelner Nationalstaaten (Giddens, 1995; Schamp, 1996). Globalisierung manifestiert sich in der weltweit zunehmenden Mobilität von Menschen, Sachgütern, Dienstleistungen sowie Informationen. Waren lassen sich zu geringeren Kosten über weitere Strecken transportieren (Sachkapitalmobilität), Direktinvestitionen unterliegen geringeren staatlichen Auflagen (Geldkapitalmobilität) und hoch qualifizierte Arbeitskräfte sind räumlich und sozial mobiler (Humankapitalmobilität). Typische statistische Indikatoren des Globalisierungsprozesses sind daher u.a. Wachstum des Welthandels, Zunahme ausländischer Direktinvestitionen, Intensivierung der Kapitalströme und Intensivierung des Technologieaustausches.

Der Globalisierungsdiskurs wird seit rund einem Jahrzehnt vornehmlich bezüglich seiner ökonomischen Implikationen geführt; Globalisierung wird wahrgenommen als rasche Zunahme weltweit um die Erde "floatenden" Finanzkapitals und rasch zunehmender weltwirtschaftlicher Verflechtungen. Einzelne Facetten einer solchen Globalisierung wie die weltweite Ausdehnung der Produktion oder Handelsbeziehungen zwischen weit entfernten Regionen bestehen jedoch seit Jahrhunderten und sind damit keineswegs neu. Neu ist aber eine durch die weltweite Verfügbarkeit von Telematikinfrastruktur, durch verkehrstechnische und -organisatorische Innovationen und die sprunghaft gestiegene Mobilität von Finanzkapital ermöglichte Intensivierung weltweiter Verflechtungen. Auch die Wahrnehmungsqualität und -quantität weltweiter sozioökonomischer Disparitäten hat sich verändert; generell kann von einer Ökonomisierung der öffentlichen Diskurse seit ca. einem Jahrzehnt gesprochen werden.

Globalisierung bedeutet im generellen Verständnis zunächst die Abkehr von der Vorstellung, "in geschlossenen und gegeneinander abgrenzbaren Räumen von Nationalstaaten und ihnen entsprechenden Nationalgesellschaften zu leben und zu handeln" (Beck, 1997, S. 44). Globalisierung bedeutet ein auch im Alltag jedes Einzelnen zunehmend erfahrbares "Grenzenloswerden", das alle zu Anpassungen und Antworten zwingt. Die Radioaktivität der Atomkatastrophe von Tschernobyl überschritt Grenzen ebenso zwanglos wie andere Gifte. Waren und Informationen via Internet sind aus großer Entfernung ebenso rasch abzurufen wie aus regionaler Nähe. Dinge, Personen und Ideen, die manche Regierungen gerne außer Landes halten würden, wie Drogen, illegale Einwanderer oder Kritik an Menschenrechtsverletzungen finden zunehmend leichter ihren Weg. Mit Globalisierung entsteht eine neue Vielfalt von Verbindungen und Querverbindungen zwischen Staaten und Gesellschaften, es bilden sich neuartige Macht- und Konkurrenzverhältnisse zwischen nationalen und transnationalen Akteuren, Identitäten, sozialen Räumen usw.



Ökonomen sehen Globalisierung vor allem unter dem Aspekt des wirtschaftlichen und technologischen Wandels, welcher über neue Formen der Kommunikation die Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung durch die Basisinnovation der Telematik ermöglicht. Außerdem tragen der Abbau von Handelsbeschränkungen, die Liberalisierung des Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs, sowie die räumliche und soziale Arbeitskräftemobilität (Arbeitsmigration) und die Niederlassungsfreiheit zu weit reichenden Verflechtungen bei. Deregulierung und Privatisierung früher staatlicher Leistungen schaffen zusätzliche Märkte in den Wachstumssektoren der Energie-, Logistik- und Telekommunikationsbranche. Die Bedeutung nationalstaatlicher Regulation schwindet und tritt hinter die Richtlinien supranationaler Wirtschaftsräume zurück (EU). Abb.

Für die Geographie ist Globalisierung insofern ein fachspezifisches Thema, als es sich um einen nach Ort, Raum und Zeit differenziert ablaufenden Prozess handelt. Das Handeln der Akteure im Globalisierungsprozess zu erkennen bzw. wissenschaftlich zu rekonstruieren, ist eine wesentliche Forschungsaufgabe im Rahmen eines entscheidungs- oder handlungsorientierten Ansatzes in der Geographie (Werlen, 1995, 1997). Als Akteure dieses Prozesses stehen neben den transnationalen Unternehmen (TNU) Staaten und Regierungen im Mittelpunkt der Diskussion, zunehmend organisieren sich aber auch deren Gegenspieler, die transnationalen Lobbies, also Nichtregierungsorganisationen verschiedenster Art (Greenpeace, Amnesty International usw.) in einem weltweiten Netzwerk. Neben der häufig primär gesehenen ökonomischen Globalisierung interessieren im Rahmen der Humangeographie auch die weiteren Ebenen einer gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökologischen Globalisierung.

Kritiker der Globalisierung, die zunehmend in militanten Aktionen gegenüber den mächtigen Akteuren einer transnationalen Ökonomie Stellung beziehen (Protestaktionen bei Weltbank-, IWF- oder G8-Gipfeln mit militanten Auseinandersetzungen in Seattle 1999, Prag 2000 und Genua 2001), sehen diesen Prozess als "Projekt der ersten Welt" zum Schaden der Entwicklungsländer. "Die Akteure und Institutionen vereinheitlichen durch Neoliberalismus und mit Hilfe der digitalen Revolution die Handels- und Finanzmärkte der Welt, deregulieren Produktionsprozesse, treiben den Rückzug des Staates aus vielen öffentlichen Bereichen voran und setzen die Privatisierung von industriellen Schlüsselunternehmen auch in der Dritten Welt im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme von Weltbank bzw. IWF durch ... Verkürzt ausgedrückt stürzen aufgrund von Machtwirtschaft und Globalisierung immer mehr Menschen insbesondere in den Entwicklungsländern in Armut und Verwundbarkeit" (Escher, 1999, S. 659). Wirtschaftlichen oder kulturellen Globalisierungstendenzen stehen somit als Kehrseite der Medaille weltweit Entwicklungen gegenüber, die sich mit dem Begriff "Fragmentierung" umschreiben lassen (Menzel, 1998). Scholz (2000) interpretiert diese Dialektik als beginnenden "Weltzerfall" und bewertet die zunehmende Fragmentierung als Festschreibung bestehender Benachteiligungen und Schaffung neuer Gegensätze. Am globalen Wettbewerb und seinen Segnungen partizipieren nicht Länder an sich und nicht deren Bevölkerung als Ganzes, sondern nur bestimmte Örtlichkeiten/Regionen und auch da einzig Teile der Bevölkerung. Dem davon ausgegrenzten Rest der Welt und damit der Masse der Weltbevölkerung steht zwar prinzipiell die Option zur Partizipation am Wettbewerb offen. Strukturell jedoch bleiben diesem "neuen Süden" mehrheitlich nicht viele Alternativen, oder wie Scholz (2000, S. 13) recht zynisch formuliert: "Er kann als Absatzmarkt für Gebrauchtwaren aller Art und von Billigerzeugnissen dienen, gelegentlich von Almosen und Katastrophenhilfe profitieren und Ziel militärischer Befriedungsaktionen sein. Auch mag er als abrufbarer Lieferant mineralischer und agrarer Rohstoffe sowie vereinzelt von Spezialisten, Hochleistungssportlern, exotischen Frauen und seltenen Haustieren sowie als touristisches Tummelfeld fungieren".

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der sozialistischen "zweiten" Welt kommt Globalisierung weltweit ohne Systemalternative daher. Für die entwickelten Gesellschaften des Westens beinhaltet Globalisierung in der Sicht ihrer Kritiker vor allem drei wesentliche Herausforderungen: der Nationalstaat wird erschüttert, der Sozialstaat wird gefährdet und die Arbeitsgesellschaft löst sich auf.



Wenn man mit Giddens (1995, S. 85) unter Globalisierung versteht, dass "entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt", so ist hier die wechselseitige Beeinflussung von Tendenzen der Globalisierung und gleichzeitiger Regionalisierung bzw. Lokalisierung angesprochen, die seit einigen Jahren intensiv diskutiert wird. In der Wortschöpfung Glokalisierung wird diese Verflechtung zwischen unterschiedlichen Maßstabsebenen semantisch zu fassen versucht.

Gerade geographische Autoren betonen den engen "Kausalnexus" zwischen einerseits Prozessen der Globalisierung und andererseits lokalen Spezifika; "global" und "lokal" bilden keinen Gegensatz, sondern zwei Seiten einer Medaille. Oßenbrügge/Danielzyk (1998) gehen auf drei verschiedene Facetten des Verhältnisses von global und lokal näher ein: In einem ersten Verständnis bedeutet es, dass heute das Globale, der "Sachzwang Weltmarkt", die städtischen und regionalen Verhältnisse steuert. In diesem sehr passiven Verständnis können regionale oder lokale Akteure letztlich nur versuchen, die schwerstwiegenden Nachteile der Globalisierung zu verhindern oder abzuschwächen (neostrukturalistische Sicht). Die zweite Variante sieht Globalisierung und Regionalität in einem dialektischen Verhältnis zueinander: je wirksamer die Prozesse der Globalisierung ökonomische, politische und kulturelle Momente beeinflussen, desto mächtiger werden Gegentendenzen auf der lokalen und regionalen Ebene. Aus diesen Gründen entstehen Forderungen nach territorialer Eigenständigkeit in Hinblick auf die Gestaltung der Wirtschaft, der Politik und kultureller Aspekte. Die dritte Variante schließlich weist auf einen Bedeutungsgewinn regionaler Kontexte wegen der heute vorhandenen globalen Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten hin, die besonders transnational agierende Unternehmen aufweisen. Orts- und regionalspezifische Ausstattungsunterschiede werden dann wichtiger, wenn die raumzeitlichen und rechtlich-institutionellen Barrieren an Bedeutung verlieren. Somit erzeugt die Tendenz zur Homogenisierung des Wirtschaftsraumes gerade eine neue Bedeutung der Städte und Regionen und ihrer Kultur, welche sich in verschiedenen Formen der regionalen Spezialisierung ausdrückt und damit unterschiedliche regionale/lokale Kompetenzen umfasst (kreatives Milieu, lernende Regionen usw.). Die regionale Welt wird als Quelle externer Ersparnisse neu entdeckt und verspricht in einer globalen Welt besondere Wettbewerbsvorteile (Porter, 1991; Storper, 1997).

In jedem Fall wird deutlich, dass variierende Maßstabsbezüge für politisches und wirtschaftliches Handeln eine zunehmende Rolle spielen. Entsprechend flexible Formen von "global governance" zwischen staatlichen und nicht staatlichen Akteuren, zwischen lokalen Akteuren und transnationalen Steuerungsformen gewinnen an Bedeutung. Neben den nationalstaatlichen Regierungen gewinnen neue Netzwerke transnationaler Akteure auf diese Weise eine Mitbestimmungsmöglichkeit für globale Politikentwürfe. Auf der einen Seite wurden in den 1990er-Jahren Formen der "Internationalisierung" staatlicher Aktivitäten in einer Vielzahl internationaler Konferenzen deutlich, die unterschiedliche Schwerpunkte (u.a. Umwelt, Menschenrechte, Bevölkerung, soziale Entwicklung, Frauen, Ernährungssicherung usw.) zum Thema hatten und entsprechende globale Agenda-Entwürfe ausgearbeitet haben (Agenda 21). Auf der anderen Seite haben Aktivitäten einer "Globalisierung von unten" mit transnationalen Interessensnetzwerken und neuen weltumspannenden Kommunikationsnetzwerken (via Internet) in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen (Ossenbrügge, 2001). Als Arbeitsfelder einer künftigen Weltordnungspolitik von "oben" wie von "unten" werden genannt: a) eine Welthandelsordnung aufzubauen, in der besonders Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards Bedeutung haben; b) eine internationale Wettbewerbsordnung zu entwickeln, die besonders auch die Interessen der schwächeren Volkswirtschaften berücksichtigt; c) eine Weltwährungs- und Finanzordnung zu schaffen, die v.a. spekulative Entwicklungen auf globalen Finanzmärkten verhindert; d) eine Weltsozialordnung zu entwerfen, die wachsende sozio-ökonomische Disparitäten abbauen hilft und e) eine Weltumweltordnung als Stärkung von Politikansätzen zu implementieren, die globale Umweltprobleme vermindert (Messner, 1998). Die Realität allerdings ist von solchen Perspektiven weit entfernt; nach Pfaden, die zu globalen Bürger-, Partizipations- und Naturrechten führen, zu suchen, bleibt aber ein lohnendes Unterfangen nicht nur der Politischen Geographie.

Lit:

[1] BECK, U. (1997): Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus - Antworten auf Globalisierung. - Frankfurt/Main.

[2] DANIELZYK, R.; OßENBRÜGGE, J. (1998): Lokale Handlungsspielräume zur Gestaltung internationalisierter Wirtschaftsräume. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 40.

[3] EHLERS, E. (1996): Kulturkreise - Kulturerdteile - Clash of Civilizations. Plädoyer für eine gegenwartsbezogene Kulturgeographie In: Geographische Rundschau, 48.

[6] ESCHER, A. (1999): Der informelle Sektor in der Dritten Welt. Plädoyer für eine kritische Sicht. In: Geographische Rundschau 51.

[7] GIDDENS, A. (1995): Konsequenzen der Moderne. - Frankfurt a.M.

[8] MENZEL, U. (1998): Globalisierung versus Fragmentierung. - Frankfurt a.M.

[9] MESSNER, D. (1998): Ein "Neues Bretton Woods". Ein Regelsystem für den Weltmarkt gehört auf die internationale Tagesordnung. In: Entwicklung und Zusammenarbeit, H. 12.

[10] OßENBRÜGGE, J. (2001): Politik im "glokalisierten" Raum. Alternative Optionen zur entgrenzten Weltwirtschaft. In: Geographische Rundschau 53.

[11] SCHAMP, E. W. (1996): Globalisierung von Produktionsnetzen und Standortsystemen. In: Geographische Zeitschrift 84.

[12] SCHOLZ, F. (2000): Perspektiven des "Südens" im Zeitalter der Globalisierung. In: Geographische Zeitschrift 88.

[13] STERNBERG, R. (1997): Weltwirtschaftlicher Strukturwandel und Globalisierung. In: Geographische Rundschau 49.


Globalisierung: Globalisierung: Ursachen und Effekte der Globalisierung.