Regionalbewusstsein, soziale Konstruktion einer über Regionsnamen oder physisch-materielle "Wahrzeichen" einer Region symbolisierten Form der territorialen Identität und Zugehörigkeit. Die Untersuchung von Regionalbewusstsein und regionaler Identität zählt zu den jüngeren, in den 1980er-Jahren aufgekommenen idiographischen Forschungsansätzen. Beide Begriffe finden häufig synonym Verwendung. Blotevogel, Heinritz und Popp definieren Regionalbewusstsein als die Gesamtheit raumbezogener Einstellungen und Identifikationen, fokussiert auf eine mittlere Maßstabsebene. Der dabei zugrundegelegte Raumbegriff umfasst sowohl den physisch-materiellen als auch den sozial strukturierten Raum, zwischen denen enge wechselseitige Beziehungen bestehen. Hinsichtlich des Maßstabes ist das Forschungsinteresse unter Ausgrenzung der lokalen und nationalen Ebene auf die räumliche Mesoebene zentriert. Raumbezogene Identität ist dabei nicht auf ein Maßstabskontinuum ausgerichtet (anders Weichhart); unterhalb der Quartiersebene und auf der nationalstaatlichen Ebene treten abweichende charakteristische Bewusstseinsformen auf, die nicht mit Regionalbewusstsein vergleichbar sind. Die raumbezogenen Einstellungen umfassen mit der Wahrnehmung der Region, der regionalen Verbundenheit bzw. dem Heimatgefühl sowie der regionalen Handlungsorientierung eine kognitive, affektive und konative Dimension. So können Abstufungen von Regionalbewusstsein unterschieden werden, die von einem latenten, unartikulierten Zugehörigkeitsgefühl über die Identifikation mit der Region bis zu aktivem Einsatz für die Region reichen. Die Gruppenkohäsion, welche durch Regionalbewusstsein entsteht, beruht auf dem räumlichen Lebenszusammenhang und zeichnet sich durch unverbindliche Beziehungen von vergleichsweise geringer emotionaler Bindung aus.

Hard kritisiert diesen Ansatz fundamental als "Verräumlichung nichträumlicher Phänomene", die zu einer inadäquaten Homogenisierung der sozialen Welt führe und demnach in funktional differenzierten Gesellschaften weitgehend versage. Dem steht entgegen, dass Regionalbewusstsein als regionsbezogenes Gemeinsamkeitsgefühl auch im Zeitalter moderner, funktional gegliederter Gesellschaften existiert, jedoch in einer anderen Ausprägung als in segmentären Gesellschaften. Die Region bildet, gerade auch in der modernen Gesellschaft, eine geeignete Bezugsgröße zur Identifikation und stellt einen Orientierungsrahmen, weil durch sie die Komplexität der immer differenzierter werdenden Welt auf ein übersichtliches Maß reduziert werden kann. Voraussetzungen wie eine klar erkennbare Abgrenzbarkeit, ein eigener Raumname, eine individuelle Geschichte, eine eigene Sprache, aber auch Besonderheiten wie spezifische Verhaltensweisen, Wanderungsvorgänge, Interessenskonflikte, regionale Eliten, Einrichtung sperriger Infrastruktur, territoriale Fremdbestimmung, kollektive Betroffenheit usw. begünstigen die Herausbildung eines spezifischen Regionalbewusstseins.

Die zentralen Fragestellungen der Regionalbewusstseinsforschung betreffen zum einen den Inhalt der Raumvorstellungen, die jeweils mit dem Raumnamen einer Region assoziiert werden, zum anderen die Rahmenbedingungen, die für die Entstehung, den Wandel und das Erlöschen solcher regionalen Raumideen verantwortlich sind. So wird z. B. hinterfragt, welche Umstände und Faktoren für die soziale Kohäsion auf regionaler Ebene besonders wichtig sind, inwieweit die Entstehung von Raumassoziationen einem der Innovationsdiffusion vergleichbaren Prozess unterliegt und welche Medien, Formen und Akteure sich im Kommunikationsgeschehen für diesen Prozess als wichtig erweisen. Weitere Forschungsfelder sind Fragestellungen zum regionalen Identitätsmanagement, zur Bedeutung des Regionalbewusstseins für die regionale Entwicklung und zu Zusammenhängen mit politischem Regionalismus und Autonomiebestrebungen.

TS

Lit: [1] BLOTEVOGEL, H. H.; HEINRITZ, G.; POPP, H. (1989): "Regionalbewußtsein". Zum Stand der Diskussion um einen Stein des Anstoßes. In: GZ 77, H. 3, S. 65-88. [2] HARD, G. (1987): "Bewußtseinsräume" - Interpretationen zu geographischen Versuchen, regionales Bewußtsein zu erforschen. In: GZ 75, H. 3, S. 127-148. [3] POHL, J. (1993): Regionalbewußtsein als Thema der Sozialgeographie. - Kallmünz. [4] WEICHHART, P. (1990): Raumbezogene Identität. Bausteine zu einer Theorie räumlich-sozialer Kognition und Identifikation. - Stuttgart.