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Lexikon der Psychologie

Familie

Essay

Familie

Klaus A. Schneewind und Martin Schmidt

Begrifflichkeit
Der 1994 erschienene Fünfte Familienbericht der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland definiert Familie"unabhängig von räumlicher und zeitlicher Zusammengehörigkeit als Folge von Generationen, die biologisch, sozial und/oder rechtlich miteinander verbunden sind." Vor diesem Hintergrund erweist sich "die biologisch-soziale und auch rechtlich bestimmte Kernfamilienstruktur, nämlich das "Vater-Mutter-Kind-Verhältnis" als konstitutiv für einen gesellschaftlich anerkannten Familienbegriff. Sichtbar wird dies u.a. daran, daß zur Unterstützung dieses Familientyps bestimmte rechtliche Regelungen und finanzielle Anspruchsvoraussetzungen existieren, die für andere familienähnliche Lebensformen nicht gelten. Aus psychologischer Sicht lassen sich Familien als Personensysteme besonderer Art begreifen, deren Mitglieder im Spannungsfeld von Autonomie und Verbundenheit zur Entstehung enger persönlicher Beziehungen beitragen und sich in diesem Beziehungskontext entwickeln. Wichtige Kennzeichen von Familiensystemen sind u.a. ein mehr oder minder großes Ausmaß an Abgrenzung, Privatheit, Dauerhaftigkeit und Nähe. Zentrale Beziehungsmerkmale sind dabei a) Geben und Nehmen im Sinne von Symmetrie und Komplementarität, b) Ausmaß an Ähnlichkeit beziehungsrelevanter Merkmale wie Persönlichkeit, Interessenlagen (Interesse), Werthaltungen (Werte), Lebensstile der Beziehungspartner, c) Formen der Machtausübung (Macht) und Konfliktregulierung (Konflikt), d) Grad der Offenheit der Kommunikation, e) Besonderheiten der Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung im interpersonalen Geschehen, f) Ausmaß des wechselseitigen Vertrauens, g) Verpflichtungscharakter bezüglich der Aufrechterhaltung der Beziehung. Diese für die individuelle und für die Familienentwicklung gleichermaßen relevanten Beziehungsmerkmale sind vor dem Hintergrund der Einbettung des Familiensystems in den historisch-kulturellen sowie den sozio-materiellen Kontext zu sehen.

Wandel der Familienformen und -beziehungen
Im 18. und 19. Jahrhundert fand im europäischen Kulturkreis vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und technologischer Umwälzungen ein grundlegender struktureller und funktionaler Wandel des Familienlebens statt. Es entwickelte sich der Typus der bürgerlichen Kernfamilie, für den vor allem folgende Merkmale kennzeichnend sind: a) eine zunehmende Emotionalisierung und Intimisierung der Ehe- und der Eltern-Kind-Beziehungen, b) eine klare Spezialisierung der Rollen innerhalb des Familiensystems hinsichtlich einer geschlechts- und generationenspezifischen Macht- und Aufgabenverteilung im inner- und außerhäuslichen Bereich, c) eine verstärkte Privatisierung und Abgrenzung gegenüber Außeneinflüssen auf das Familienleben. Seit dem Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts läßt sich im Gefolge einer zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen auch eine Reihe familiärer Wandlungsprozesse feststellen. Schlaglichtartig können diese an folgenden Indikatoren festgemacht werden: sinkende Heiratsneigung, zunehmende Zahl an nichtehelichen Lebensgemeinschaften, steigende Zahl an Singlehaushalten, sinkende Geburtenzahlen, erhöhte Scheidungsquoten, vermehrte Zahl an alleinerziehenden Eltern, zunehmende Zahl an Stieffamilien, erhöhte Beteiligung von Frauen an weiterführenden Bildungseinrichtungen und am Erwerbsleben, Veränderung der elterlichen Erziehung im Sinne einer Abkehr von Pflicht- und Akzeptanzwerten zugunsten von Selbstentfaltungswerten, stagnierende finanzielle Entlastung und damit relative ökonomische Deprivation von Familien mit Kindern. Vielfach stellen die vor dem Hintergrund dieser Indikatoren familiären Wandels entstandenen Problemlagen eine Herausforderung für eine angemessene materielle und psychosoziale Unterstützung von Familien dar.

Familientheorien
Konzeptualisierungen von Theorien zum Phänomen Familie sind abhängig vom historischen und soziokulturellen Kontext der Theoriebildung. Die einer Familientheorie zugrundegelegte Ontologie, die Epistemiologie und Methodologie der Theorie stehen in einem rekursiven Verhältnis. Innerhalb eines theoretischen Paradigmas können empirisch gehaltvolle Theorien entwickelt und deren Nutzen und Überzeugungskraft empirisch bestätigt werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine einheitliche Theorie der Familie, sondern viele Theorieentwürfe mit sehr unterschiedlichem Spezifikationsniveau und inhaltlicher Reichweite. In der Familienforschung angewandte Theorien sind sowohl Adaptationen von Metatheorien aus den Systemwissenschaften als auch aus dem gesamten Bereich der Sozialwissenschaften. Systemtheorien als Rahmentheorien der Erforschung des Systems Familie gestatten es, die Komplexität menschlichen Erlebens und Handelns unter dynamischen, prozeß- und entwicklungsorientierten Gesichtspunkten zu beschreiben, zu erklären und Kontexte für Veränderungsmöglichkeiten von verschiedenen Arten menschlicher Systeme zu gestalten. Aus dem Bereich der Sozialwissenschaften haben a) aus der Soziologie die Familienentwicklungstheorien, die Theorie der symbolischen Interaktion, die soziale Austauschtheorie, die Konflikttheorie (Konflikt), die sozioökologischen Theorien, feministische Theorien (Feministische Psychologie), phänomenologische Theorien (Phänomenologie), die Familienstreßtheorie, Ethnomethodologie und biosoziale Theorien, und b) aus der Psychologie die psychoanalytischen Theorien (Psychoanalyse), soziale Lerntheorien (Lernen) sowie Kommunikations- und Interaktionstheorien (Kommunikation) Eingang in die Theorienbildung der Familienforschung gefunden.

Familienentwicklung und familiäre Sozialisation
Die Entwicklung von Familien läßt sich in eine Reihe normativer bzw. nicht-normativer Übergänge und Phasen gliedern. Diesen können wiederum prototypisch spezifische Familienentwicklungsaufgaben zugeordnet werden, die sich aufgrund des Zusammenspiels gesellschaftlicher Vorgaben und biologischer Reifungsprozesse ergeben. Beispiele für Familienentwicklungsaufgaben beim Übergang zur Elternschaft bzw. in der Familienphase mit kleinen Kindern sind etwa a) Anpassung des Partnersystems, um die Integration eines Kindes bzw. mehrerer Kinder zu ermöglichen, b) Koordinierung der Aufgaben der Kindererziehung, des Umgangs mit Geld und der Haushaltsführung, c) Neuorientierung der Beziehungen mit den jeweiligen Herkunftsfamilien. In ähnlicher Weise lassen sich auch für nicht-normative Familienentwicklungsverläufe (z.B. alleinerziehende Elternschaft, Wiederverheiratung) spezifische Familienentwicklungsaufgaben formulieren. Die Erziehung und Sozialisation von Kindern stellt eine wesentliche Entwicklungsaufgabe im Kontext der Familie dar. Hierbei haben sich vier zentrale Muster des Erziehungsverhaltens herauskristallisiert, die als autoritär, permissiv, vernachlässigend und autoritativ verzeichnet werden und in ihren altersspezifischen Ausformungen zu jeweils unterschiedlichen Entwicklungsergebnissen der Kinder führen. Als besonders kompetenzfördernd hat sich der autoritative Erziehungsstil erwiesen, der sich durch klare elterliche Regeln sowie ein hohes Maß an Wärme und entwicklungsangemessener Anregung auszeichnet. Dabei können allerdings unter Berücksichtigung evolutionspsychologischer, verhaltensgenetischer und epochal-gesellschaftlicher Einflüsse u.a. folgende Variablen die Entwicklungsergebnisse moderieren: Temperamentsmerkmale des Kindes, elterliche Persönlichkeitsmerkmale, Beziehungerfahrungen in der Herkunftsfamilie, Ehebeziehung und Elternallianz, Qualität der Geschwisterbeziehungen, Arbeitsplatzerfahrungen der Eltern, Unterstützungsfunktion des sozialen Netzwerks, ökonomische Situation. Vor dem Hintergrund der familiären Erziehungs- und Sozialisationseinflüsse gestalten die Kinder auch in Auseinandersetzung mit anderen Erfahrungsbereichen (z.B. Gleichaltrigengruppe, Schule, Ausbildung, Freizeit) mehr und mehr auf dem Wege der Selbstsozialisation ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung.

Familiendiagnose
Familiendiagnostik ist eine nach wissenschaftlichen Standards geleitete systematische Informationssammlung. Sie basiert auf der Anwendung von Familientheorien und den jeweils davon abhängigen quantitativ oder qualitativ orientierten Methodologien. In der systemischen Familiendiagnostik ist der Untersucher als Beobachter in den selbstreferentiellen diagnostischen Prozeß mit einbezogen. Die Diagnostik schließt sowohl die Beobachtungen der aktuellen Familieninteraktionen, die Befragung des Beziehungserlebens der am Interaktionsprozeß Beteiligten, die Rekonstruktion der erlebten eigenen und gemeinsam geschaffenen Familiengeschichte, die Analyse von zukünftigen Zielvorstellungen, als auch die Erhebung der objektiven materiellen und sozialen Lebenslagen von Familien und ihre subjektive Bedeutung für die einzelnen Familienmitglieder ein. Die Familiendiagostik kann je nach Aufgabenstellung salutogen oder pathogen orientiert sein. Eine pathogen orientierte klinische Familiendiagnostik geht von einem biosozialen, kontextspezifischen, relationalen und transaktionalen Störungsbegriff aus. Störungen/psychische Krankheiten werden nicht in der Person, sondern – im Gegensatz zu einem medizinisch-psychiatrischen Krankheitsmodell – in den Transaktionen von sich entwickelnden Personen in einem sich entwickelnden Kontext konzeptualisiert. Statt Individuen können auch Kontexte, wie zum Beispiel Familien als dysfunktional aufgefaßt werden.

Familiäre Intervention
Ziel formeller familiärer Interventionen ist die Stärkung des individuellen und familiären Bewältigungspotentials in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebensbereichen. Zentrale Instrumente formeller familiärer Interventionen sind familienorientiertes Beziehungstraining, Familienberatung und Familientherapie. Entsprechend der traditionellen Klassifikation von Präventionsformen kann der psychoedukative Ansatz der familienorientierten Beziehungstrainings (bei Paaren, Eltern-Kindbeziehungen, Familien im Übergang zur Elternschaft) als primäre Prävention (Entwicklungsoptimierung), Beratung in Form der Entwicklung präventiver und auch partiell remedialer Vorgehensweisen der Familienunterstützung als sekundäre Prävention eingeordnet werden. Dem Begriff Therapie werden alle korrektiven remedialen Behandlungsmaßnahmen der tertiären Prävention zugerechnet, die das Ziel der Reduzierung der Verletzlichkeit einer Familie und ihrer Stabilisierung auf einem zumindest niedrigeren Niveau als zu Beginn der Behandlungsmaßnahmen haben. Familienorientiertes Beziehungstraining als Prävention bei Risikofamilien versucht, personale und interpersonale Kompetenzen zu stärken, um erwartbare Belastungen besser meistern zu können. Zentrale Komponenten der psychoedukativen Ansätze sind die Vermittlung und Einübung von Kommunikationsfertigkeiten, die Förderung von Problem- und Konfliktlösungskompetenzen sowie das Erlernen der Kontrolle von personeninternen Zuständen (z.B. Ärgerkontrolle). Bedeutsame Effekte bei der Rückfallprophylaxe bei Familien mit schizophrenen Mitgliedern sowie Langzeitstudien von Paarbeziehungstrainings belegen die Wirksamkeit der psychoedukativen Ansätze. Angebotsformen der Familienberatung (krisen- bzw. problembezogene Beratung, Familienbildung) umfassen alle sozialen und institutionellen Netzwerke (Soziale Netzwerke), die der Bewältigung von psychosozialen und krankheitsbedingten Belastungen sowie Gesundheitsgefährdungen dienen. Familienberatung hat zum Ziel, Ratsuchende bei der Lösung von Problemen fachkundig so zu unterstützen, daß diese selbständig Lösungen ihrer Probleme erarbeiten können. Im Beratungsprozeß werden Diskrepanzen des Ist- und Sollzustandes analysiert und durch Information, Empfehlung und Beratung bei der Entwicklung alternativer Lösungsmöglichkeiten modifiziert. Mit Familientherapien werden behandlungsbedürftige Symptome von Familienmitgliedern oder Störungen der Paar- und Familienbeziehungen im jeweiligen Problemkontext behandelt. Modelle der Familientherapien orientieren sich an systemtheoretischen (strukturelle, strategische, systemische, lösungsorientierte, narrative Therapie) (Systemische Therapie), behavioralen, psychoanalytischen, humanistischen oder feministischen Modellvorstellungen. Nach rigorosen wissenschaftlichen Standards durchgeführte Metaanalysen belegen die empirisch fundierte Wirksamkeit von Paar- und Familientherapien bei einer Vielzahl von Symptomen und Störungen.

Literatur
Ambert, A.-M. (1997). Parents, children, and adolescents. Interactive relationships and development in context. New York: Haworth Press.
Boss, P.G., Doherty, W.H., LaRossa, R., Schumm, W.R. & Steinmetz, S.K. (Eds.). (1993). Sourcebook of family theories and methods. A contextual approach. New York: Plenum.
Cierpka, M. (Hrsg.). (1996). Handbuch der Familiendiagnostik (2. Aufl.). Berlin: Springer.
Schneewind, K.A. (1999). Familienpsychologie (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
von Schlippe, A. & Schweitzer, J. (1998). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung (5. Aufl.). Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

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