Essay

Gerontopsychologie

Ulrich M. Fleischmann

Begriffe und Entwicklung

Während sich die"Gerontologie" als übergeordnete wissenschaftliche Disziplin dem "Studium des Alterns im weitesten Sinne" (National Institute on Aging, U.S.A.) widmet, ist es das Anliegen der Gerontopsychologie, psychologische Methoden, Theorien und Faktenwissen zu erarbeiten, um Alternsprozesse im menschlichen Verhalten und Erleben beschreiben und erklären zu können. Bereits diese Umschreibung der Gerontopsychologie macht deutlich, daß ihr Gegenstandsbereich nicht auf den Lebensabschnitt des hohen Alters beschränkt werden kann, vielmehr der Prozeßdes Älterwerdens, also Veränderungen im menschlichen Verhalten und Erleben in psychologischer Betrachtung im Mittelpunkt stehen. Während die verwandten Begriffe "Psychologische Gerontologie" und "Psychogerontologie" die Rolle der Gerontologie als "Mutterdisziplin" sowie den multidisziplinären Charakter ihres Gegenstandes betonen, verweist die Bezeichnung "Gerontopsychologie" auf deren klare theoretische und methodische Zuordnung zur Psychologie.

Die Gerontopsychologie ist eine junge wissenschaftliche Disziplin. Während in den USA bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die entwicklungspsychologischen Ausarbeitungen Stanley Halls zum Erwachsenenalter und höheren Lebensalter vorlagen und entsprechende interdisziplinäre Forschungsprojekte in den 20er Jahren ihren Ausgang nahmen, ist im deutschsprachigen Raum Charlotte Bühler als frühe Wegbereiterin der Gerontopsychologie zu nennen. In ihrem 1933 erschienenen Werk "Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem" wird erstmalig das höhere Lebensalter explizit in eine Psychologie der Lebensspanne einbezogen. Ein erweiterter, unterschiedliche Veränderungsformen und -richtungen einschließender Entwicklungsbegriff bildete die Basis diverser in den 60er und 70er Jahren durchgeführter psychologischer Studien zum Prozeß des Alterns. Zu nennen ist hier v.a. die 1961 von Hans Thomae initiierte und bis in das Jahr 1983 geführte Bonner-Längsschnitt-Studie, die als Initialstudie der deutschen Gerontopsychologie gelten kann. In ihr wurde der Grundstein gelegt, Alternsprozesse als multivariates, multidirektionales und differentielles Geschehen zu analysieren.

Grundpositionen

Vor dem Hintergrund eines Entwicklungsbegriffes, der Entwicklung als Entfaltung, Wachstum und Zunahme charakterisierte, wurden Veränderungen des höheren Lebensalters in den frühen gerontopsychologischen Arbeiten häufig als Regression oder Verlust beschrieben.

1) Das sog. "Defizitmodell des Alterns", das sich bis in die Antike zurückverfolgen läßt, wurde vor allem durch jene Studien gestützt, die Fähigkeiten wie Intelligenz, Gedächtnis oder Psychomotorik in den Mittelpunkt rückten. Eine Relativierung dieses Modells haben u.a. methodisch aufwendige Studien zur Entwicklung der Intelligenz im Alter (Schaie, 1983) bewirken können. Schaie hat in seinen Untersuchungen dargelegt, daß ein Intelligenzabbau im Alter wesentlich durch körperliche Erkrankungen bestimmt ist und erst in der achten Lebensdekade als ein alle kognitive Fähigkeiten betreffendes, alterstypisches Geschehen gelten kann. Die von Schaie eingesetzten Datenerhebungsstrategien ("Sequenz-Modelle") haben darüber hinaus nachhaltigen Einfluß auf die Versuchsplanung, die Auswertung und Interpretation gerontopsychologischer Studien und Daten genommen: Nicht nur für den Bereich der Intelligenz konnte belegt werden, daß neben dem chronologischen Alter die an eine Geburtskohorte geknüpften epochalen Einflüsse zum Verständnis von Entwicklungsgeschehen im Alter von großer Bedeutung sind.

2) Eine andere theoretische Grundposition spiegelt sich in der sog. "Disengagementtheorie des Alterns" wider (Cumming & Henry, 1961). Sie beschreibt den Prozeß des Alterns als einen sowohl von der Gesellschaft geforderten als auch selbstbestimmten Rückzug aus sozialen Kontakten. In verschiedenen Überarbeitungen dieses normativen Ansatzes wurde deutlich, daß Lebenszufriedenheit im Alter aus einer höchst individuellen Auseinandersetzung mit den Veränderungen im sozialen Umfeld resultiert und sich kaum als ein einheitlicher Prozeß des sozialen Disengagement beschreiben läßt.

3) Kaum weniger von normativen Setzungen geprägt ist die "Aktivitätstheorie des Alterns" (Tartler, 1961). In ihr wird postuliert, daß Lebenszufriedenheit im Alter vor allem mit sozialen Aktivitäten in Zusammenhang stehe. Der mit dem Alter einhergehende Funktions- und Rollenverlust schränke den Aktivitätsradius älterer Menschen ein und bedeute eine Gefährdung des Selbstwertes und der Lebenszufriedenheit im Alter. In Überarbeitungen der Aktivitätstheorie wird verdeutlicht, daß der Übereinstimmung von individuell gewünschter und tatsächlich realisierter sozialer Teilhabe eine Schlüsselrolle für Zufriedenheit im Alter zukommt.

4) Als "kognitive Alternstheorie" ist jener Ansatz (von Thomae entwickelt) zu bezeichnen, der die Bedeutung subjektiv erlebter Veränderungen und die motivationale Bedingtheit dieses Erlebens für eine erfolgreiche Anpassung im Alter herausstellt. Nicht so sehr objektive Veränderungen im äußeren Lebensumfeld oder hinsichtlich der Gesundheit, als vielmehr subjektive Bewertungen der vorfindbaren Lebenssituation bzw. subjektive Beurteilungen des Gesundheitszustandes bilden die Grundlage für ein aktives Altern in psycho-physischem Wohlbefinden (Gesundheitspsychologie).

5) Als "Kompetenzmodelle des Altern" gelten schließlich jene Ausformulierungen, die Altern als einen dynamischen und qualitativen Anpassungsprozeß ausweisen. Altern ist aus dieser Sicht als ein komplexer Prozeß der Interaktion mit situativen Gegebenheiten zu verstehen. "Kompetenz" steht für die Balance zwischen den individuellen Ressourcen und den Anforderungen einer gegebenen Situation, wobei eine "optimale Passung" von Person und Situation als Voraussetzung eines Alterns in Wohlbefinden gesehen wird. Aktuelle Ansätze thematisieren Kompetenz dabei als ein transaktionales Konstrukt: Durch Anpassungsprozesse der Selektion, der Kompensation und der Optimierung (Baltes & Baltes, 1990) kommt dem Individuum eine aktive Rolle sowohl bei der Erhaltung von Aktivitäten als auch bei einer entsprechenden Ausgestaltung seiner Umwelt zu.

Schlüsselthemen aktueller gerontopsychologischer Forschung

Großen Einfluß in der frühen gerontopsychologischen Forschung kommt den Begriffen "Entwicklungsthema" und "Entwicklungstechnik" bzw. "Daseinstechnik" zu. Auf der Grundlage einer biographisch verankerten Lebenslaufforschung konzipierte Thomae ein differenziertes Kategoriensystem zur Beschreibung individuell unterschiedlicher Formen der Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter. Sozialer Status, Gesundheitszustand, aber auch epochale Einflüsse erweisen sich in diesem Ansatz bedeutsamer zur Beschreibung von Altersveränderungen als das chronologische Alter selbst.

Entwicklung ist damit nicht als universale Abfolge gewisser Phasen oder Stufen gefaßt, sondern als hoch-individuelles, inhaltlich-thematisch zu charakterisierendes Veränderungsgeschehen konzeptualisiert. In neueren Arbeiten Thomaes kennzeichnen die Begriffe "Reaktionsformen" bzw. "Reaktionshierarchien" diese Auffassung; Entwicklung im Alter wird als Resultat einer komplexen Transaktion zwischen Reaktionsformen und dem subjektiven Lebensraum gefaßt.

Ein theoretisch wie empirisch nur lose verankertes Konzept der Gerontopsychologie ist jenes der "Entwicklungskrise" nach Erikson. Erikson geht davon aus, daß erst die Bewältigung von Krisen im Lebenslauf Weiterentwicklung im Sinne einer Bewahrung und Entwicklung von Identität gestatte. Während im mittleren Lebensalter die ausschließliche Befassung mit der eigenen Person, Entwicklungsverlangsamung und Stagnation als lebensphasenspezifische Krise zu sehen ist, beinhaltet die Krise des hohen Alters das Akzeptierenkönnen des bislang gelebten Lebens einschließlich allem Unerreichten und Unerfüllten.

Eriksons Ansatz kann als Grundlage des von Havighurst (1963) vorgestellten Konzeptes der Entwicklungsaufgabe (developmental task), gesehen werden. Havighurst legt mit dem Begriff der "Entwicklungsaufgabe" dar, daß das höhere Lebensalter mit konkreten psychosozialen Anforderungen einhergehe (z.B. Anpassung an den Ruhestand, Akzeptieren nachlassender körperlicher Kräfte, Tod des Ehepartners). Die individuelle Auseinandersetzung und Bearbeitung von Entwicklungsaufgaben sieht Havighurst dabei als Voraussetzung einer aktiven und positiven Entwicklung bis ins hohe Alter. Wenngleich der Ansatz von Havighurst häufig als vordergründig, theoriefremd und normativ kritisiert wurde, bildete er doch die Grundlage eines umfänglichen gerontopsychologischen Forschungsfeldes, in dem Entwicklung bis ins hohe Alter als ein aktiver, vom Individuum gestaltbarer Prozeß herausgearbeitet wurde.

Neuere Ansätze in diesem Bereich gehen mit den Begriffen "current concerns", "life tasks", oder "commitments" über den Begriff "Entwicklungsaufgabe" hinaus, indem sie v.a. persönliche Anliegen und Bedürfnisse in ihrer handlungsleitenden und entwicklungsrelevanten Bedeutung betonen. Der Begriff "Plastizität" steht in der Gerontopsychologie für intraindividuelle Veränderungspotentiale, welche sich unter optimierten Entwicklungsbedingungen herbeiführen und erkennen lassen. "Plastizität" bildet ein Schlüsselkonzept einer interventionistisch akzentuierten Gerontopsychologie.

Entwicklung im Alter wird vor diesem Hintergrund als in bestimmten Grenzen beeinflußbares Geschehen verstanden. So haben Interventionsstudien in den Bereichen Intelligenz oder Gedächtnis belegen können, daß geeignete Förderansätze wesentlich zu einer Verbesserung oder Stabilisierung grundlegender kognitiver Fähigkeiten im Alter beitragen und damit die Alltagskompetenzen und Selbständigkeit erhalten helfen können. Psychotherapeutische Ansätze (Psychotherapie) unterschiedlicher Provenienz erbrachten Belege dafür, daß bis ins hohe Alter Verhaltensänderungen, eine Reduktion von Symptomen und selbst Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur möglich sind. Grenzen der Plastizität zeigen sich v.a. im Zusammenhang mit dementiellen Entwicklungen im Alter. Unter Einbeziehung hoch-individueller Förderansätze sind jedoch auch bei eingeschränkten kognitiven Leistungen ungenutzte Reserven zu aktivieren.

Zu einem zentralen Thema gerontopsychologischen Forschens sind Studien zur Auseinandersetzung mit Belastungen im Alter zu rechnen. Während verschiedene frühere Arbeiten Coping i.S. einer individuell relativ einheitlichen Form der Auseinandersetzung mit Belastungssituationen untersuchte, wurden in neueren Arbeiten persönlichkeitsspezifische Reaktionsmuster zunehmend in Frage gestellt. So konnte z.B. im Rahmen der Bonner Längsschnittstudie gezeigt werden, daß in Abhängigkeit der individuellen Ausgangslage die Konfrontation mit gesundheitlichen, familiären oder finanziellen Belastungen im Alter zu sehr unterschiedlichen Reaktionsmustern bzw. Reaktionshierarchien führt, die ihrerseits jedoch nur geringen Veränderungen mit dem Alter unterliegen. Sieht man von depressiven und negierenden Reaktionsmustern infolge gesundheitlicher Einschränkungen ab, so ergab sich insgesamt ein hohes Maß an situationsangemessenen Belastungsreaktionen bis ins höchste Lebensalter.

Aktuelle Forschungsprojekte und Entwicklungstendenzen

1) Als in der Tradition der kognitiven Alterstheorie stehend werden im Rahmen der auf über 20 Jahre angelegten ILSE-Studie (Interdisziplinäre Längsschnittstudie, Deutsches Zentrum für Alternsforschung DZFA in Heidelberg) vor allem Fragen zu Lebensstilen und Lebensformen im Kontext verschiedener Geburtskohorten (1930-32 vs.1950-1952) sowie unterschiedlicher zeitgeschichtlicher Entwicklungsbedingungen (Ost-West-Vergleich) analysiert. Die Gerontopsychologie bildet in diesem Projekt einen inhaltlich-konzeptionellen Rahmen zur Bearbeitung sozialer, ökologischer und epidemiologischer Themenfelder und deren Relevanz für die Rehabilitation und Versorgung Älterer.

2) Ebenfalls in interdisziplinärer Perspektive verfolgt die Berliner Altersstudie (BASE) die Entwicklung einer repräsentativen Großstadtstichprobe. Differentiellem Altern, der Kontinuität bzw. Diskontinuität von Alternsverläufen sowie den Kapazitäts- und Handlungsreserven Älterer gilt das besondere Interesse dieser Studie.

3) Eine breit angelegte psychologische Interventionsstudie zum hohen Lebensalter ist das SIMA-Projekt (Selbständigkeit im Alter, Institut für Psychogerontologie, Erlangen). Die im Interventionsteil abgeschlossene Studie verfolgt die Frage, inwieweit Selbständigkeit im Alter durch ein psycho-edukatives Programm gefördert bzw. stabilisiert und damit Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden kann.

Wie diese Forschungsprojekte verdeutlichen, wird die Gerontopsychologie auch in Zukunft im Verständnis einer multidisziplinär verankerten Disziplin der Psychologie betrieben werden. Diese Orientierung dürfte sich nicht nur seitens der Gewinnung umfänglichen empirischen Wissens sondern auch im Rahmen der Entwicklung von Modellen und Theorien des Alterns als fruchtbar erweisen. Es ist davon auszugehen, daß sich das Forschungsterrain der Gerontopsychologie weiter ausweiten wird. Beispielhaft seinen hier genannt: Frühdiagnostik pathologischer Alternsentwicklungen, individuumszentrierte Ansätze der Kompetenzerhaltung, familiäre Integration und Pflege Älterer, Maßnahmen einer gezielten kognitiven Rehabilitation oder Prävention. Neben streng hypothesengeleiteten grundlagenwissenschaftlichen Studien werden damit vermehrt anwendungsbezogene Forschungvorhaben die Gerontopsychologie mitprägen.

Literatur

Baltes, P.B., Baltes, M.M. (1990). Psychological perspectives on successful aging: the model of selective optimization with compensation. In P.B. Baltes & M.M. Baltes (eds.),Successful aging: Perspectives from the behavioral sciences. Cambridge University Press, 1 - 34.

Cumming, E. & Henry, W.E. (1961). Growing old: the process of disengagement. New York: Basic Books.

Havighurst, R.J. (1963). Successful aging. In C. Tibbitts & W. Donahue (Eds.), Processing of aging. New York: Williams.

Schaie, K.W. (1983). Longitudinal studies of adult psychological development. New York: Guilford Press.

Tartler, R. (1961). Das Altern in der modernen Gesellschaft. Stuttgart: Enke.

Thomae, H. (1983). Altersstile und Altersschicksale. Ein Beitrag zur Differentiellen Gerontologie. Bern: Huber.