Gewissen, zentraler Begriff der philosophischen Anthropologie und Ethik, durch welchen die Moralität der Person begründet wird. In der Psychotherapie wird der Begriff nur von wenigen Schulen explizit aufgegriffen. In der Existenzanalysewird Gewissen definiert als das Gespür für die Hierarchie der Wertein einer Situation im Hinblick auf das, was die Person insgesamt für gut und richtig hält. Gewissen ist daher eine komplexe Wahrnehmungsfähigkeit der Person (und keine "Bibliothek von Vorentscheidungen") für das "Gute und Richtige bzw. Falsche und Schlechte". Das Gewissen erhellt den personalen Lebensraum des Individuums (Selbst). Dieser besteht aus der intimen Ursprünglichkeit ihrer Innenwelt, aus dem "existentiellen Raum", der sich zwischen ihr und dem Eigenwert der Objekte in der äußeren Welt auftut, aus dem "zeitlichen Lebensraum" des Gewordenseins und Werdens. Das Gewissen erspürt daraus, was jetzt zu tun ist (Sinn, integrierte Emotion). Gewissen kann somit nach Frankl (1982, 26) als die "Fähigkeit, Sinngestalten in konkreten Lebenssituationen zu perzipieren", angesehen werden. Das subjektive Erleben des Gewissens stellt sich als ein Spüren dessen ein, was als das "eigentlich Richtige ("Stimmige") der Situation" empfunden wird.

Das "Spüren des Richtigen" kann als Wahrnehmung durch funktionale und emotionale Faktoren behindert sein. Unaufmerksamkeit, Unachtsamkeit, Angst im Aufnehmen können seinen "Ruf" verdecken. Obwohl das Gewissen das "Gewisseste" ist, an das sich die Person in der authentischen Entscheidungsfindung halten kann, ist die Irrtumsmöglichkeit bzw. Täuschung dieses "Wahrnehmungsorgans" nie ausgeschlossen. Im existenzanalytischen Verständnis ist das Gewissen eine der beiden moralischen Instanzen des Menschen. Im Unterschied zum anerzogenen Über-Ich ("öffentliches Ich") ist das Gewissen eine angeborene, intime "Spürigkeit" für vertretbare Entscheidungen (für die Richtungsgebung der Existenz). Das Gewissen unterscheidet sich vom Gehorsam fordernden Über-Ich durch wohlwollendes Anbieten von ureigensten Lebensmöglichkeiten (Authentizität). Im Gegensatz dazu erlaubt das Über-Ich ein reibungsarmes Zusammenleben mit der Sozietät, deren Verhaltensregeln internalisiert wurden und als Normen und Regulative eine Abstimmung des Subjekts mit der Öffentlichkeit darstellen.

A.Lä./L.T.

Literatur

Frankl, V. E. (1982). Der Wille zum Sinn (3. Aufl.). Bern; Huber.