Optimismus, Begriff, unter dem in der Literatur verschiedene Konstrukte subsumiert werden. 1) unrealistischen Optimismus: Neil Weinstein forderte Studenten auf, ihr Erkrankungsrisiko im Vergleich zum Durchschnitt einzuschätzen, und stellte fest, daß die Befragten im Mittel ihr Risiko als unterdurchschnittlich bezeichneten. Da der Durchschnitt nicht unterdurchschnittlich gefährdet sein kann, hatte die Gruppe der Befragten ihr Risiko unrealistisch optimistisch bewertet. Inzwischen liegen über 200 empirische Untersuchungen vor, die diesen “optimistischen Fehlschluß” (optimistic bias) oder “unrealistischen Optimismus” hinsichtlich zahlreicher Krankheiten replizieren konnten. Es ist allerdings nur angemessen, auf Gruppenebene von einer Verzerrung zu sprechen – wie hoch das eigene Risiko tatsächlich bewertet wird und ob es unterschätzt wird, bleibt ungeklärt. 2) naiver Optimismus: Verzerrungen, die eine Unterschätzung der eigenen Gefährdung darstellen, werden auch unter dem Begriff defensiver Optimismus zusammengefaßt oder als naiver Optimismus bezeichnet. Wir sind defensiv oder naiv optimistisch, wenn wir die Augen vor dem Risiko verschließen. 3) gelernter Optimismus: Von Seligman stammt das Konstrukt des “gelernten Optimismus”. Allerdings wurde lediglich der bekannte “depressive Attributionsstil” als “pessimistischer Interpretationsstil” etikettiert, nämlich die internale, stabile und globale Interpretation von negativen Ereignissen. Ein Optimist tendiere zur externalen, variablen und spezifischen Erklärung solcher Vorkommnisse, was ihm eher erlaube, positive Erwartungen zu hegen. Gemessen wird das Konstrukt mit Hilfe von hypothetischen Szenarien, bei denen sich die Befragten vorstellen, diese seien bereits eingetreten. Es hat sich mehrfach gezeigt, daß Optimisten gesünder waren oder sich gesünder verhielten als Pessimisten. Es gibt auch Hinweise darauf, daß Optimisten über ein widerstandsfähigeres Immunsystem verfügen, und zwar unabhängig vom Gesundheitsverhalten. Das Konstrukt hat sich damit zwar empirisch bewährt, problematisch ist jedoch, daß eine retrospektive Blickrichtung eingenommen wird, Optimismus sich jedoch auf künftige, noch nicht eingetretene Ereignisse bezieht. 4) dispositionaler Optimismus: “Ich sehe stets die guten Seiten der Dinge”. Solche generalisierten Ergebniserwartungen bilden das Konzept des “dispositionalen Optimismus” von Scheier und Carver. Optimisten blicken zuversichtlich in die Zukunft, wobei offengelassen wird, ob sich die Dinge von allein positiv entwickeln oder ob man selbst dazu etwas beiträgt. Es handelt sich um eine Mischung aus Situations- und Konsequenzerwartungen auf der Ebene eines Persönlichkeitsmerkmals. Gemessen wird dieses Persönlichkeitsmerkmal mit Hilfe einer psychometrischen Skala (Life Orientation Test) von acht Items. Sowohl bei Bypass-Patienten als auch bei Patientinnen, die sich einer Brustkrebsoperation unterzogen hatten, verlief die Genesung bei den Optimisten besser als bei den Pessimisten. Problematisch ist, daß der gemessene Optimismus sehr hoch negativ mit Ängstlichkeit korreliert. Wie sich ferner zeigen ließ, ist das Instrument nicht unidimensional und bipolar, sondern besteht aus zwei Dimensionen, einem Optimismus-Faktor und einem Pessimismus-Faktor, die nur mäßig miteinander korreliert sind (um r = -.39). 5) funktionaler Optimismus: Verhaltensspezifische Kompetenzerwartung spielen bei der Bewältigung von Streß, dem Ertragen von Schmerzen, dem Umgang mit chronischen Leiden, der Entwöhnung von Abhängigkeit und dem Aufbau von Gesundheitsverhaltensweisen eine zentrale Rolle. Je stärker die spezifische Kompetenzerwartung ist, desto schwächer fällt die Streßreaktion aus. Situationsspezifische Kompetenzerwartungen beziehen sich immer nur auf eine ganz konkrete Situation, die eigenes kompetentes Handeln erfordert. Das Konzept der Allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung hingegen fragt nach der persönlichen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, allgemein mit Schwierigkeiten und Barrieren im täglichen Leben zurechtzukommen. Damit wird versucht, die subjektive Verfügbarkeit von Handlungsressourcen auf der Trait-Ebene anzusiedeln. Personen, die ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten angesichts von Gefahren und Barrieren generell leicht überschätzen, bezeichnet Schwarzer als funktional optimistisch. Ein Meßinstrument zur Erfassung von optimistischen Selbstüberzeugungen und perzipierter Copingkompetenz ist die “Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung”. Die 10-Item-Skala enthält Aussagen wie “Wenn ich mit einer neuen Sache konfrontiert werde, weiß ich, wie ich damit umgehen kann”. Die Skala erlaubt Vorhersagen von perzipiertem Gesundheitsstatus und körperlichen Symptomen. Aufgrund dieses positiven Zusammenhangs wird die Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung auch als personelle Ressource bezeichnet. Problematisch hierbei ist, daß empirisch nicht geprüft wird, inwieweit die eigene Kompetenz überschätzt wird. Eine Trennung zwischen einer leichten Überschätzung der eigenen Kompetenz, die noch als funktional optimistisch bezeichnet werden kann, weil sie angesichts schwieriger Aufgaben eine günstige motivationale Ausgangslage schafft, und einer dysfunktionalen Überschätzung der eigenen Kompetenz, wird nicht getroffen. Letztlich wird nur retrospektiv bestimmt, wer funktional optimistisch war: derjenige, der eine hohe Kompetenzerwartung hatte und erfolgreich kritische Situationen meisterte.

Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Konstrukten wurde bisher nur teilweise empirisch untersucht. Funktionaler und dispositionaler Optimismus stehen erwartungsgemäß in einem positiven Zusammenhang (r =.56). Ein ebenfalls positiver Zusammenhang wurde zwischen gelerntem Optimismus und optimistischem Fehlschluß (optimistischer Risikoeinschätzung) von Peterson und de Avila berichtet. Dieser verringerte sich allerdings bei Konstanthaltung der subjektiven Handlungskontrolle von r = .30 auf r = .12. Zwischen dispositionalem Optimismus und optimistischem Fehlschluß konnte hingegen kein Zusammenhang nachgewiesen werden: dispositionale Optimisten und Pessimisten unterlagen im gleichen Ausmaß dem optimistischen Fehlschluß.

B.Re.

Literatur

Schwarzer, R. (1994b). Optimistische Kompetenzerwartung: Zur Erfassung einer personellen Bewältigungsressource. Diagnostika, 40, 105-123.

Schwarzer, R. & Renner, B. (1997). Risikoeinschätzung und Optimismus. In R. Schwarzer (Hg.), Gesundheitspsychologie. Ein Lehrbuch (S.43-66). Göttingen: Hogrefe.

Seligman, M. E. P. (1991). Learned optimism. New York: Knopf.