Charles Darwin deutete in seinem im Jahr 1859 erschienenen bahnbrechenden Werk "Die Entstehung der Arten" nur vage die Konsequenz seiner Evolutionstheorie an: "Licht wird auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte fallen". Doch bereits dieser Satz löste einen heftigen Streit aus. Nicht nur Gelehrte, sondern auch weite Kreise der Gesellschaft und vor allem der Kirche lehnten die Vorstellung entschieden ab, daß der Mensch vom Affen abstammen solle – schien sie doch das zentrale Dogma von der Einzigartigkeit des Menschen in Frage zu stellen. Für diejenigen wiederum, die weniger an kreationistischen Standpunkten festhielten und sich durchaus mit Darwins Evolutionsgedanken anfreunden konnten, stand unerschütterlich fest, daß Europa als geistiges, kulturelles und wissenschaftliches Zentrum der Welt auch die Urheimat des Menschengeschlechts sein müsse.

Die Entdeckung der ersten frühmenschlichen Fossilien schien diese Sichtweise zu bestätigen. Der Neandertaler, 1856 in der Kleinen Feldhofer Grotte bei Düsseldorf ausgegraben, war zwar nicht der erste Urmenschenfund, doch der erste, der als solcher anerkannt wurde. Ähnliche Funde von Devil's Tower und Forbes Quarry in Gibraltar 1826 beziehungsweise 1848 sowie von Engis in Belgien aus dem Jahre 1830 mußten länger auf ihre Anerkennung warten.

Aber noch Ende des letzten Jahrhunderts mußte man akzeptieren, daß die Wiege der Menschheit nicht in Europa liegt. Eugène Dubois, ein Militärarzt im damaligen Niederländisch-Indien, entdeckte 1891 auf Java Reste einer viel älteren Homo-Spezies, des Pithecanthropus erectus, heute Homo erectus genannt. Und die in Ostafrika seit 1924 ausgegrabenen Australopithecinen sind teilweise sogar mehr als vier Millionen Jahre alt.

Allerdings zögerten die Anthropologen lange, die-se Fossilien als Überreste menschlicher Vorfahren anzuerkennen. Angesichts der Vielzahl der Funde im Osten und Süden Afrikas aus den verschiedensten Zeiten ist heute aber die Stellung die-ses Kontinents als Urheimat des Menschen unbestritten (siehe "Ein neues Modell der Homo-Evolution" von Ian Tattersall, Spektrum der Wissenschaft, Juni 1997, S. 64).

Offenbar war Afrika zwei Millionen Jahre lang alleiniger Schauplatz der Menschheitsentwicklung. Grundlegende anatomische Veränderungen, verbunden mit einer Zunahme der körperlichen Ausdauer, befähigten den Vormenschen dazu, seinen Lebensraum von Waldrandgebieten in die offene Savanne zu verlegen und sich schließlich auch in andere Klimazonen auszubreiten. Der Homo erectus oder eine ihm nahestehende Vorform war der erste Hominide, der Afrika verließ und über den Nahen Osten nach Asien wanderte. Wie Werkzeugfunde belegen, betrat vor rund 1,6 Millionen Jahren der erste Europäer spanischen Boden. Die ältesten gut datierten menschlichen Fossilien in Europa sind etwa 780000 Jahre alt. Keine 200000 Jahre später – seit der Zeit des Homo heidelbergensis, dessen erster Vertreter in Mauer bei Heidelberg gefunden wurde – war der europäische Kontinent bereits kontinuierlich besiedelt.

In der Folgezeit entwickelte sich in Europa eine Sonderform des Urmenschen, der Neandertaler, der im Zuge von Klima-Umschwüngen bis nach Vorder- und Mittelasien vordrang (siehe "Die Sonderevolution der Neandertaler" von Jean-Jacques Hublin, Spektrum der Wissenschaft, Juli 1998, S. 56). Doch der anatomisch moderne oder heutige Mensch ist den meisten Paläoanthropologen zufolge wieder von ausschließlich afrikanischem Ursprung. Vor rund 100000 Jahren verließ er Afrika und stieß über den Nahen Osten nach Europa und Asien vor, wo er die dort lebenden Hominiden früheren Typs verdrängte. Die gesamte heutige Weltbevölkerung stammt von dieser Population ab.

"4 Millionen Jahre Mensch" lautet der Titel der Ausstellung, die führende Paläoanthropologen aus mehreren Ländern konzipiert haben und die neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über die Evolution unserer Vorfahren in anschaulicher Weise präsentiert. Nach Stationen in mehreren deutschen Städten ist sie nun im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart zu sehen.

Gleich zu Anfang der Ausstellung begegnen die Besucher Charles Darwin in Gestalt einer sprechenden Büste. Er erklärt, daß der Mensch bei all seinen noblen Eigenschaften in seiner körperlichen Erscheinung unauslöschliche Züge seines niederen Ursprungs aufweise und daß ein Teil der Texte in der Ausstellung seinem Buch über "Die Entstehung der Arten" entnommen sei. In einem nachgebildeten Feldlabor im Eingangsbereich erläutert Richard Leakey, ein namhafter, am Nationalmuseum in Kenia wirkender Wissenschaftler, per Video die Arbeit der Paläoanthropologen.

Die eigentliche Ausstellung ist in drei Teile gegliedert. Im ersten wird anhand zahlreicher Fossilien und anderer Exponate die Entwicklungsgeschichte des Menschen dargestellt. Nach allgemeineren Themen wie die Verwandschaft des Menschen zu den Menschenaffen, die Bildung von Fossilien und deren Altersbestimmung, die Umwelt fossiler Menschenaffen und der Einfluß des Klimas auf die Evolution sieht man Ardipithecus ramidus, den mit 4,4 Millionen Jahren ältesten Australopithecinen aus dem äthiopischen Fundort Aramis. Rund vier Millionen Jahre alt sind die Funde, die Meave Leaky – eine Fachkollegin ihres Mannes Richard – und ihr Team vom kenianischen Nationalmuseum 1994 südwestlich beziehungsweise östlich des Turkana-Sees ausgegraben haben. Die Besucher lernen "Lucy", das berühmte Exemplar eines Australopithecus afarensis, und andere solcher "Südaffen" kennen, sowie mit Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo erectus die ersten Vertreter unserer Gattung.

Der Weg des Frühmenschen auf die benachbarten Kontinente und seine Evolution in Ostasien und Europa werden aufgezeigt. Juan-Luis Arsuaga von der Universität Madrid berichtet über die ältesten Europäer, die er 1994 in der Höhle Gran Dolina in der Sierra de Atapuerca bei Burgos (Spanien) fand, und über die exzellent erhaltenen, etwa 500000 Jahre jüngeren Fossilien von mindestens 32 Individuen aus der nur 600 Meter entfernt gelegenen Sima de los Huesos (Knochengrube). Auch andere europäische Urmenschen-Fossilien und die Lebensbedingungen des Neandertalers werden vorgestellt. Weitere Exponate erläutern die Entwicklungen in Afrika hin zum modernen Menschen, dessen Fertigkeiten und Werkzeuge sowie dessen geistige Fähigkeiten, die in seinem künstlerischen Schaffen zum Ausdruck kommen.

Ein wesentlicher und besonders attraktiver Teil der Ausstellung sind vier Dioramen, die unterschiedliche Stadien der menschlichen Evolution in der jeweiligen Landschaft naturgetreu repräsentieren: die Lebensweise der Australopithecinen vor vier Millionen Jahren, eine Szene mit dem sogenannten Turkana-Jungen, dem wohl berühmtesten Vertreter eines Homo ergaster (von manchen Forschern als Homo erectus eingeordnet), eine Gruppe von Neandertalern, die gerade einen Artgenossen beerdigen, sowie den ersten anatomisch modernen Menschen in Europa, der sich vor etwa 30000 Jahren als Künstler betätigt. In jedem Diorama agieren mehrere computergesteuerte Rekonstruktionen von Hominiden, und auf einem Monitor erläutert derjenige Wissenschaftler, der die Fossilien entdeckt hat, die von ihm geschaffene Szene. Die zugehörigen Knochenfunde sind als Abgüsse in Vitrinen ausgestellt.

Der dritte Teil der Ausstellung enthält zahlreiche interaktive Elemente, die Bezug nehmen auf das zuvor Gesehene und Erlebte. So können die Besucher zum Beispiel Steinwerkzeuge in die Hand nehmen oder ihre Muskelkraft mit der eines Neandertalers messen. In einer Schlußszene wird – etwas provozierend – der Mensch unserer Tage dargestellt.

Eine Sonderschau "Die Urmenschen von Baden-Württemberg" im Rahmen dieser Ausstellung präsentiert erstmals alle vier Urmenschenfunde von Baden-Württemberg an einem Ort im Original: den Unterkiefer des Homo heidelbergensis aus Mauer, das Bruchstück eines Neandertaler-Oberschenkelknochens aus dem Hohlenstein im Lonetal, der in Steinheim an der Murr entdeckte Schädel des Homo steinheimensis und den Reilinger Urmenschen, dessen Schädel 1978 aus den Rheinschottern bei Reilingen südwestlich von Heidelberg geborgen wurde. Diese Sonderschau wurde durch eine Kooperation des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart mit dem Geologischen Institut der Universität Heidelberg sowie dem Ulmer Museum ermöglicht.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1999, Seite 130
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