Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten? Eine wahrhaft philosophische Frage. Unser Professor, seinerseits Anhänger zweiter Gesinnung, ist deswegen jedoch keineswegs ein missmutiger Kauz. Im Gegenteil. Mit lebhafter Begeisterung reißt er jeden von uns mit. Ein neuer Messwert wird von ihm in kaum bezwingbarer Ungeduld erwartet und, trifft er ins Schwarze, mit lautem Jubel begrüßt. Seine Leidenschaft ist ansteckend, seine Ausdauer leider nicht ganz so sehr.

Aufgeregt vor Freude starrte unser Professor auf den Bildschirm, auf dem sich nach Wochen mühevoller Kleinarbeit nun endlich, ganz langsam, das ersehnte Spektrum vervollkommnete. "Nun gucken Sie doch mal. Schon 10 Counts", frohlockte unser Chef in bester Laune. Nach mehreren Wochen im Labor und diversen Nachtschichten am Stück rang sich unser Diplomand nur noch mühsam ein vermeintlich begeistertes Lächeln ab: "Irre!" "Noch ein paar Wochen, dann haben wir es." Unser Chef strahlte, im Geiste schon die Pläne für die neue Veröffentlichung: "Wissen Sie was, ich gehe jetzt nach Hause. Machen Sie doch solange alleine weiter." Nach Hause? Hilflos, viel zu erschlagen für einen rebellischen Gedanken oder gar ein handfestes Aufbegehren, fügte sich der angehende Wissenschaftler seinem Schicksal. Zuhause, Privatleben? Nur noch eine vage, verkümmerte Idee im Bewusstsein eines Diplomanden im Endstadium. "Wenn ich wiederkomme, sind wir schon einen Schritt weiter." Der Chef war in seinem Element. "Sie kommen doch zurecht," kam es schon gut gelaunt aus Richtung der Tür. Zuhause! Eine Vorstellung wurde wieder lebendig. Der leidgeprüfte Diplomand nahm tapfer seinen ganzen Mut zusammen. "Ich würde dann auch gerne mal eine Pause machen", erklärte er unsicher und fügte entschuldigend hinzu: "Ich müsste mal wieder Brot einkaufen, wissen Sie?"

Unser Chef ist kollegial, keine Frage. Vielleicht hatte er gar nicht gemerkt, dass der Diplomand dem Ende nahe war. Vielleicht hatte er es in seinem eigenen Eifer einfach übersehen. Besorgt beguckte er sich seinen Schüler von oben bis unten, dachte kurz nach, fand eine Lösung und erklärte dann strahlend: "Wissen Sie was? Ich bringe Ihnen einfach eine Stulle mit."


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2000, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH