"Vor zirka fünf Monaten habe ich die Diagnose 'klinisch isoliertes Syndrom' bekommen. In zwei Wochen steht ein Kontroll-MRT an, und ich sitze derzeit zwischen allen Stühlen, da ich weder beruflich noch privat über meine Ängste und Hoffnungen sprechen kann. Ich stehe kurz vor der Übernahme einer Abteilungsleitung und fühle mich absolut nicht wohl dabei, auch weil ich unsicher bin, wie ich meinem Arbeitgeber gegenüber reagieren soll."

Krankheitsgeschichten wie diese aus einem Patientenforum im ­Internet habe ich in meiner 20-jährigen Tätigkeit als Neurologe häufig gelesen. Die Betroffenen kommen mit typischen Symptomen wie Sehstörungen oder Taubheitsgefühlen in Armen oder Beinen zu uns in die Ambulanz. Wir setzen daraufhin unseren Diagnoseapparat in Gang: neurologische Untersuchung, Bestimmung der Leitungsgeschwindigkeit zentraler Nervenbah­nen, Magnetresonanztomografie (MRT) sowie die Untersuchung des Nervenwassers, auch Liquor genannt.
Danach kann die Diagnose multiple Sklerose (MS) lauten. Doch das ist keineswegs immer so eindeutig. Sind bestimmte Kriterien nicht erfüllt – zeigt das MRT-Bild beispielsweise nicht die typischen Veränderungen im Gehirn –, sprechen wir zunächst von einem "klinisch isolierten Syndrom" (KIS).
Neurologen stecken jedes Mal in einem Dilemma, wenn Patienten nach ihrer individuellen Prognose fragen. Wir wissen zwar, dass etwa die Hälfte aller KIS-Patienten innerhalb der nächs­ten zwei Jahre eine MS entwickeln. Doch ob und wann ein neuer Schub kommen wird, kann niemand sagen. Die multiple Sklerose hängt damit wie ein Damoklesschwert über den Betroffenen. Wir brauchen deshalb dringend Methoden, MS früher und dennoch zuverlässig zu diagnostizieren – ein Wunsch, der in den Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit gerückt ist …