An einem Herbsttag im Oktober 2005 stieg Donald MacAdam die Treppen hinab in die Archive der Yale University in New Haven, USA, wo er über 100 Jahre alten Krankenakten brütete und zwischendurch immer wieder handschriftliche Notizen machte. Währenddessen versuchten seine Mitarbeiter im Labor des kanadischen Unternehmens MBVax Bioscience gerade, einen alten Bakterienstamm aus einem Patienten, der 1924 an Scharlach gestorben war, zu kultivieren, und experimentierten dabei auch mit Techniken aus angestaubten Lehrbüchern. Unter anderem züchteten sie die Mikroben auf Rinderhackfleisch, wie es im 19. Jahrhundert durchaus gängig war.

Wozu der Blick in die Vergangenheit? Die Forscher arbeiteten daran, eine durchschlagende Krebstherapie zu entwickeln. Hierfür versuchten sie ein therapeutisches Verfahren zu rekonstruieren, das ein junger amerikanischer Arzt namens William Coley gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte – und mittlerweile weit gehend in Vergessenheit geraten war.

Coley hatte Bakterien benutzt, um das Leben seiner Krebspatienten zu verlängern. Im Jahr 1890 starb eine seiner ersten Patientinnen an einem Sarkom, einem Tumor des Stützgewebes. Tief erschüttert durchforstete der Arzt die medizinische Literatur, um irgendein Behandlungsverfahren gegen Krebs zu finden. Er stieß auf einen Bericht über einen Patienten, dessen Sarkom nach einer bakteriellen Infektion der Haut verschwunden war. Coley gelang es, den Mann ausfindig zu machen, und stellte fest, dass der Patient – sieben Jahre nach der Infektion – immer noch tumorfrei war. …