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Bewusstsein

Bei Anruf wach

Ein Mann, der im Wachkoma liegt, kann plötzlich wieder sprechen - wenn sein Vater ihn anruft! Aus diesem "Telefonsyndrom" schlussfolgert der Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran, wie unser Gehirn das Selbst konstruiert.
Am Apparat?

Jason Murdoch wurde stationär in einer ­Rehaklinik in San Diego behandelt. Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma bei einem Autounfall in der Nähe der mexikanischen Grenze lag er fast drei Monate in einem Wachkoma (akinetischem Mutismus), bevor mein Kollege Subramaniam Sriram ihn untersuchte. Infolge einer Schädigung des ante­rioren zingulären Kortex (ACC nach Anterior Cingulate Cortex) konnte Jason weder gehen noch sprechen oder irgendwelche anderen Handlungen ausführen. Sein Schlaf-wach-Rhythmus war normal, aber er war bettlägerig.
Im Wachzustand schien er aufmerksam und bewusst zu sein (wenn das das richtige Wort ist, denn Wörter verlieren viel von ihrer Eindeutigkeit, wenn sie solche Zustände beschreiben sollen). Manchmal – jedoch nicht immer – zeigte er leichte Schmerzreaktionen, indem er die betroffene Gliedmaße wegzog. Er konnte seine Augen bewegen, oft folgten sie Leuten, die vorbeikamen. Aber erkennen konnte er niemand – noch nicht einmal seine Eltern oder Geschwister. Er vermochte weder zu sprechen noch Sprache zu verstehen und auch sonst nicht sinnvoll mit Menschen zu interagieren.
Doch wenn Mr. Murdoch, sein Vater, ihn aus dem Nachbarzimmer anrief, wurde Jason plötzlich lebhaft und gesprächig, er erkannte seinen Vater und unterhielt sich mit ihm. Aber nur so lange, bis Mr. Murdoch ins Zimmer zurückkehrte. Dann verfiel Jason wieder in seinen halb bewussten "Zombie-Zustand". Jasons Symptomkomplex hat einen Namen: das Telefonsyndrom. Man konnte ihn nach Belieben zwischen diesen beiden Zuständen wechseln lassen, wenn man dafür sorgte, dass sein Vater direkt anwesend war oder nicht.
Vergegenwärtigen Sie sich einmal, was das bedeutet! …

1-2/2013

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 1-2/2013

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  • Literaturtipp

Dieser Beitrag ist ein exklusiver Vorabdruck aus:
Ramachandran, V. S.: Die Frau, die Töne sehen konnte. Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn. Rowohlt, Reinbek 2013
(erscheint am 18. Januar 2013)