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Molekularmedizin

Neue Hoffnung bei chronischem Schmerz

Oft sind individuell veränderte Moleküle der Grund für ständige Pein. Das bedeutet aber auch: Man könnte sie gezielt mit maßgeschneiderten Medikamenten angreifen.
Giftiger Schmerzstiller

"Fahr aber zum Supermarkt, nicht zum Burger King, die von da schmelzen zu schnell", schärfte Jama Bond ihrem Mann ein, als er spätabends wieder einmal aufbrechen musste, um ihr Eiswürfel zu besorgen. Damals war sie 38 Jahre alt und hochschwanger. Für ihre rot geschwollenen, brennenden Füße brauchte sie säckeweise Eis. Sie hatte ganz normal in einem Büro gearbeitet – bis im vierten Schwangerschaftsmonat dieser heftige Dauerschmerz einsetzte, der sie völlig außer Gefecht setzte. Sie hielt das Brennen nur aus, wenn sie die Füße, zum Schutz gegen Hauterfrierungen mit Mülltüten umwickelt, die ganze Zeit in Eiswasser hielt. Alle Berührungen waren qualvoll, Duschen wurde höllisch.

Jama Bond litt unter einer Erythromelalgie (nach griechisch: erythros = rot, melos = Glied und algos = Schmerz) – einer sehr seltenen Erkrankung, bei der Hände oder Füße ­extrem empfindlich schon für milde Wärme und sanften Druck sind. Das Leiden kann angeboren sein, doch häufig tritt es wie in ihrem Fall ohne erkennbaren Grund auf. Ein Zusammenhang mit Schwangerschaft ist nicht bekannt. Von einer Erythromelalgie werden unter einer Million Menschen rund ein Dutzend heimgesucht. An diversen anderen Formen chronischer Schmerzen leiden jedoch erstaunlich viele: nach manchen Schätzungen mindestens jeder Zehnte, nach anderen noch deutlich mehr. Auch bei diesen Patienten lässt sich die Ursache oft nicht feststellen. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Rücken- und Kopfschmerzen sowie ­Arthritis, also Gelenkentzündung (nicht zu verwechseln mit Arthrose, Gelenkabnutzung).

In einigen Industrieländern sind davon mehr Menschen betroffen als von Diabetes, Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen. Und chronischer Schmerz verursacht insgesamt höhere Kosten, wenn man nur die medizinische Versorgung und die Arbeitsausfälle berücksichtigt. Das persönliche Leid lässt sich fast nicht ermessen. Vielen Betroffenen droht Arbeitsunfähigkeit. Oft bekommen sie Depressionen, schwere Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen, werden alkohol- beziehungsweise drogenabhängig. So mancher von ihnen begeht Selbstmord. Die amerikanische Schmerzberaterin Linda Porter, Direktorin an den National Institutes of Health in Bethesda (Maryland), nennt chronische Schmerzen ein Riesenproblem der öffentlichen Gesundheit, das keineswegs die ihm gebührende Beachtung findet und schon gar nicht adäquat angegangen wird. …

11/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 11/2015

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  • Quellen

Denk, F. et al. Pain Vulnerability: A Neurobiological Perspective. In: Nature Neuroscience 17, S. 192  –  200, 2014

Diochot, S. et al.: Black Mamba Venom Peptides Target Acid-Sensing Ion Channels to Abolish Pain. In: Nature 490, S. 552 –  555, 2012

Waxman, S. G. et al.: Regulating Excitability of Peripheral Afferents: Emerging Ion Channel Targets. In: Nature Neuroscience 17, S. 153 – 163, 2014

Yang, S. et al.: Discovery of a Selective Nav1.7 Inhibitor from Centipede Venom with Analgesic Efficacy Exceeding Morphine in Rodent Pain Models. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 110, 1534 – 1539, 2013