Gibt es in der Philosophie einen Fortschritt, der dem Erkenntnisgewinn der Naturwissenschaften vergleichbar wäre? Auf den ersten Blick scheint das Denken der Philosophen immer wieder um dieselben alten Fragen zu kreisen, ohne sie je abschließend lösen zu können. So das Problem der Willensfreiheit: Wenn die Welt Gesetzen folgt, bestimmen sie auch unser Handeln – also sind wir nicht frei. Doch wenn wir handeln, erleben wir uns nicht nur als frei, sondern werden auch für unsere Taten zur Verantwortung gezogen – also sind wir doch frei.

Der Philosoph Peter Bieri, der an der Freien Universität Berlin lehrt, vermittelt dem Leser das spannende Erlebnis eines echten Fortschritts der Philosophie. Bieris Methode ist einerseits phänomenologisch. Er beschreibt alltägliche Szenen und Erfahrungen so unvoreingenommen, eingehend und plausibel, dass der Leser sich diesen Schilderungen nicht entziehen mag, sondern gern zugibt: Ja, genau so ist es. Andererseits ist Bieris Phänomenologie durch die Schule der sprachkritischen Philosophie gegangen; er ist stets auf der Hut, nicht einer Suggestion durch nahe liegende Sprechmuster zum Opfer zu fallen. Diese Verbindung von Phänomenologie und Sprachkritik macht den großen Reiz des Buches aus. Man wird Zeuge eines Fortschritts der philosophischen Methode, und man ist bei der Ernte der Resultate dabei.

Zunächst erlebte ich als Leser allerdings nicht diesen Gewinn, sondern eine Enttäuschung. Ich hatte erwartet, Bieri werde das Problem der Willensfreiheit in der speziellen, zugespitzten Form behandeln, wie es sich durch die moderne Hirnforschung aufdrängt. Je mehr die Wissenschaft Denkvorgänge als hirnphysiologische Prozesse zu beschreiben vermag, desto mehr scheint sie unser subjektives Erleben als pure Illusion zu entlarven (siehe auch Bieris Beitrag in Spektrum der Wissenschaft 10/1992, S. 48). Wir meinen eine Farbe zu erleben, aber "in Wahrheit" verarbeiten spezielle Hirnregionen bestimmte Sinnesdaten in Form elektrochemischer Impulse. Wir meinen eine willkürliche Handlung auszuführen, aber "in Wahrheit" laufen kausal bedingte Reaktionen auf bestimmte Reize ab.

Tatsächlich befasst sich Bieri in seinem Buch nicht mit diesem Problem der Willensfreiheit als Widerspruch zwischen subjektiv erlebter Freiheit und objektiver Naturgesetzlichkeit der Hirnvorgänge. Am Ende des Buches erkennt der Leser, dass das Problem sich erledigt hat. Der Autor schafft es stillschweigend aus der Welt, indem er anhand plastisch geschilderter Alltagssituationen die Schimäre unbedingter Freiheit entlarvt.

Das Wort "frei" suggeriert uneingeschränkte Handlungsspielräume; es bezieht sein Pathos aus der negativen Erfahrung, durch allerlei Hindernisse, Regeln, Fesseln eingeschränkt zu sein; wir möchten frei von solchen Widerständen sein (sogar, ergänzt der mitdenkende Leser, von den "Gesetzen", denen die Hirnvorgänge "gehorchen"). Andererseits möchten wir, wenn wir eine Absicht verfolgen, frei zu diesem Handlungsziel sein. Wie Bieri nun zeigt, wäre es unmöglich, ein gewolltes Ziel "frei" zu erreichen, wenn wir zugleich völlig frei von Bedingungen, Regeln, vorgegebenen Tatsachen wären – insbesondere (so ergänzt der mitdenkende Leser) frei vom regelmäßigen Funktionieren unseres Gehirns. (In einem solchen Ausnahmefall müsste ein Täter vor Gericht als unzurechnungsfähig freigesprochen werden.)

Freiheit existiert nur als bedingte Freiheit. Unser Wille agiert in einem strukturierten Feld; er hat eine Vorgeschichte. Das enthebt uns nicht der Verantwortung für das, was wir tun – selbst wenn es im Nachhinein aussieht, als ob "alles so kommen musste".

Um solche Einsichten zu erzeugen, kommt Bieri immer wieder auf Dostojewskis Romanhelden Raskolnikov aus "Verbrechen und Strafe" (besser bekannt unter dem Titel "Schuld und Sühne") zurück, dessen Mordtat wir aus der Innenperspektive so intensiv miterleben, als wäre es unsere. Sind "wir" für die Tat verantwortlich, oder dürfen wir auf mildernde Umstände plädieren, da uns Dostojewski die Tat doch so plausibel macht, als hätte Raskolnikov gar nicht anders handeln können? Die Antwort ist nicht leicht – Bieri braucht ein ganzes Buch dafür –, doch die Mühe lohnt sich.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002, Seite 112
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