Krieg nach innen und außen, Hungersnot und Tod und allen voran die Pestilenz im Sinne von Krankheit, Seuche und Verderben – den Menschen der christlichen Welt waren die vier Apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes (Kapitel 6, Verse 1 bis 8; Bild 1) bis weit in die Neuzeit eine immerwährende reale Bedrohung. Infektionskrankheiten sind in den Industriestaaten inzwischen zwar als Todesursache weit zurückgedrängt, doch außerhalb davon dominieren sie noch heute. Ihr Tribut: insgesamt ein Drittel aller jährlichen Todesfälle weltweit. Bis ins frühe 20. Jahrhundert haben schwere, flächenbrandartige Seuchen auch Mitteleuropa heimgesucht. Die gefürchtetste von allen, die Beulenpest, raffte bei ihrer großen Welle Mitte des 14. Jahrhunderts etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas dahin. Von ihrer letzten Pandemie in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts blieb unser Kontinent zwar weitgehend verschont; sie forderte in aller Welt über fünf Jahrzehnte etwa zwölf Millionen Opfer, vor allem in den Hafenstädten (Spektrum der Wissenschaft, April 1988, Seite 114).

Eine weitere große Geißel, die Cholera, befindet sich erneut auf einem großen Seuchenzug um die Erde und sucht derzeit besonders Südamerika heim. Wie der Schwarze Tod wird sie von Bakterien verursacht und durch soziale Mißstände, beengte Wohnverhältnisse und mangelnde Hygiene gefördert. Bei geeigneter Therapie, insbesondere Ausgleich der erheblichen Flüssigkeitsverluste, ist diese durch heftige Durchfälle gekennzeichnete Infektionskrankheit nun allerdings längst nicht mehr so gefährlich wie früher (Spektrum der Wissenschaft, Juli 1991, Seite 98).

Die Pocken, einst nicht minder gefürchtet, waren über Jahrhunderte dauerhaft in der Bevölkerung der Alten Welt verbreitet – sie waren endemisch. Erst mit der Kolonialisierung wurden sie in alle Teile der Erde verschleppt. Einen Höhepunkt erreichten die Pockenepidemien in Europa im 18. Jahrhundert. Den Ausbrüchen fielen überwiegend Kinder und Jugendliche zum Opfer. Wer diese von Mensch zu Mensch übertragene Virusinfektion als Kinderkrankheit überlebt hatte, war für immer dagegen gefeit. Erwachsene erkrankten deshalb seltener – wie die österreichische Kaiserin Maria Theresia (1717 bis 1780), die im Alter von 51 Jahren die Infektion überstand.

In Europa hat man die Pocken oder altdeutsch Blattern (was soviel wie Bläschen oder Pusteln bedeutet) als eigenständiges Krankheitsbild erst mit der Neuzeit von anderen Leiden, insbesondere vom Generalisationsstadium der nun grassierenden Syphilis, unterschieden. Beide Bezeichnungen verweisen ebenso wie der aus dem lateinischen stammende Fachbegriff Variola (wörtlich: scheckig) auf die typischen Symptome an Haut und Schleimhäuten.

Nach einer anfänglichen Fieberphase mit schwerem Krankheitsgefühl, die nach einer Inkubationszeit von durchschnittlich zwölf Tagen beginnt und zwei bis vier Tage anhält, entstehen kleine bis linsengroße rötliche Flecken, die sich in der Regel vom Kopf her über den Körper ausbreiten. Diese Roseolen entwickeln sich im Verlauf weniger Tage zu Knötchen (Papeln) und dann zu Bläschen (Vesikeln), die gelegentlich einen zentralen Nabel zeigen. Gefüllt sind sie mit einer zunächst klaren, eiweißhaltigen Flüssigkeit (Lymphe) voller Viruspartikel. Durch Einwandern weißer Blutkörperchen wandeln sie sich in eitrige Pusteln um, die meist aufbrechen. Bei unkompliziertem Verlauf trocknen sie schorfig ein und heilen unter Bildung von Krusten und starkem Juckreiz schließlich narbig ab. Bei Befall der Augenoberfläche oder des Gehirns sind Blindheit beziehungsweise bleibende Hirnschäden die Folge.

Das Virus vermehrt sich zunächst in den oberen Atemwegen, breitet sich über den Blutweg auch in innere Organe aus und vermehrt sich schließlich in den Epidermiszellen der Haut. Anfangs wird es durch Sekrete des Nasenrachenraumes übertragen, später durch den Inhalt der Bläschen sowie durch die Krusten.

Bei der schlimmsten Form, den hämorrhagischen Pocken, volkstümlich auch schwarze Blattern genannt, ist die Inkubationszeit kürzer, und es treten schwere Blutungen (Hämorrhagien) in Haut, Schleimhaut und inneren Organen auf. Betroffene sterben dann meist innerhalb einer Woche. Die Sterblichkeit bei der häufigsten Form, der Variola major, liegt bei 20 bis 40 Prozent. Daneben gibt es die klinisch gutartigeren Milchpocken (Variola minor), auch weiße Blattern genannt, mit etwa ein bis fünf Prozent Letalität; eine biologisch abgeschwächte Erreger-Variante und ihre Krankheit werden als Alastrim (brasilianisch für brennender Zunder) bezeichnet. Sie verleiht keinen Dauerschutz gegen die echten Pocken.


Variolation und Vakzination

In asiatischen Ländern war man seit Jahrtausenden mit verheerenden Pockenepidemien vertraut und hatte aus der vielfachen Beobachtung heraus, daß ein Überstehen der Erkrankung vor neuerlichem Befall schützt, die Variolation entwickelt – Jahrhunderte, bevor Louis Pasteur (1822 bis 1895) und Robert Koch (1843 bis 1910) die Rolle spezifischer Erreger für die Entstehung von Infektionskrankheiten nachwiesen und Wege für die Impfprophylaxe bahnten.

In China wurde die Variolation bereits elfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung beschrieben: Man verrieb eingetrocknete Pockenkrusten im Mörser und schnupfte den Staub. In Indien ritzten wandernde Brahmanen-Priester Krustenmaterial in die Haut ein; und aus der Türkei berichtete Lady Mary Wortley Montague, die Frau des britischen Gesandten in Konstantinopel, ab 1716 in ihren Briefen, wie der Inhalt von Pockenvesikeln ebenfalls durch Hautritzung (Skarifikation) inokuliert wurde. Hatte der Impfling die dann zwar ausbrechende, aber meist schwächer verlaufende Erkrankung, die sogenannten künstlichen Blattern, überstanden, war er für den Rest seines Lebens immun. Dieses Vorgehen war offensichtlich so erfolgreich, daß Lady Montague, die selbst die Blattern überlebt hatte, ihre eigenen Kinder variolisieren ließ; ihre Empfehlung verhalf dem Verfahren im frühen 18. Jahrhundert zunächst in England und dann zunehmend auch auf dem Festland zur Verbreitung.

Die Maßnahme war allerdings, auch wenn man Pustelmaterial von nur mild Befallenen benutzte, keineswegs harmlos – der in seiner Pathogenität nicht zu kontrollierende Lebendimpfstoff löste nicht selten echte Pocken mit schwerer Haut- und Hirnbeteiligung aus; ein bis zwei Prozent der Kinder starben sogar. Dies wie auch die bleibenden Schäden diskreditierten die Variolation, deshalb wurde nach Alternativen gesucht.

Schließlich halfen genaue Beobachtung und Weitsicht weiter. Die Landbevölkerung wußte, daß man sich bei der täglichen Melkarbeit mit Kuhpocken harmlos anstecken konnte – schlimmstenfalls entwickelten sich geschwürig zerfallende Bläschen an den Händen (meist dort, wo Schrammen oder andere Verletzungen bestanden hatten), dafür war man später aber vor den echten Pocken geschützt oder erkrankte nur geringfügig. Dies veranlaßte den englischen Arzt Edward Jenner (1749 bis 1823), den Pustelinhalt von einer mit Kuhpocken infizierten Magd als "Vakzine" (nach lateinisch vacca, Kuh) zu verwenden: Er inokulierte am 14. Mai 1796 den achtjährigen James Philipps damit am Arm. Nach etwa einer Woche stellten sich eine zunehmende Lymphknotenschwellung und Schmerzen in der zugeordneten Achselhöhle sowie leichtes Fieber ein – Reaktionen, die später als typisch für die Vakzinierung erkannt wurden und die bald folgenlos zurückgingen; lediglich die an den beiden Impfstellen entstandenen eitrigen Bläschen hinterließen eine Narbe.

Jenner war durchaus nicht der erste, der Kuhpockenlymphe inokulierte. So berichtete ein englischer Arzt bereits 1765 vor der Medizinischen Gesellschaft in London über ihre schützende Wirkung, und in Schleswig-Holstein hatte ein Hauslehrer 1791 die Kinder seines Prinzipals damit geimpft. Jenners großes Verdienst liegt vielmehr darin, daß er die bis dahin von der Landbevölkerung gelegentlich empirisch betriebene Vakzination objektiv und zweifelsfrei auf ihre Schutzwirkung gegenüber den Pocken überprüfte – wenn auch durch einen aus heutiger Sicht ethisch bedenklichen Menschenversuch.

In seinem später veröffentlichten Bericht schrieb er: "Um mir größere Gewißheit zu verschaffen, ob dieser vom Virus" (damals im Sinne von Gift gebraucht) "der Kuhpocken in so milder Form infizierte Knabe gegen Variola immun wäre, unterzog ich ihn am 1. Juli der Impfung mit der aus einer Pustel entnommenen Blatternmaterie. Sie wurde auf beiden Armen nach Vornahme mehrerer Einstiche und Schnitte sorgfältig übertragen, doch zu einem Ausbruch der Blattern kam es nicht. Es traten dieselben Erscheinungen an den Armen auf, wie sie an einem Knaben sich einzustellen pflegen, welchem der Blatternstoff inseriert worden ist, nachdem er entweder Variola oder Kuhpocken durchgemacht hatte". Es gab also nur eine lokale Reaktion: Die Blatternviren vermehrten sich zwar noch am Inokulationsort, doch das dank der vorhergehenden Vakzination nun viel schneller aktivierbare Immunsystem brachte die Testinfektion umgehend unter Kontrolle und merzte die Erreger aus.

Jenner erkannte deutlich das Potential der Kuhpockenlymphe: Sie verlieh nicht nur Schutz, die Vakzination war auch gemessen an den Folgen der Variolation (den künstlichen Blattern) arm an Nebenwirkungen. Dennoch versuchte er vergeblich, seine Erfahrungen und die daraus abgeleiteten Empfehlungen bei der hochangesehenen Royal Society in London zu veröffentlichen. Die Vereinigung lehnte die Publikation wegen "mangelnder Überzeugungskraft der vorgelegten Daten" ab, so daß Jenner seinen Bericht auf eigene Kosten erst 1798 veröffentlichte.

Die Vakzinierung selbst war jedoch im Ergebnis so überzeugend, daß sie auch auf dem Festland die gefährliche Variolation bald völlig verdrängte. Geimpft wurde entweder mit frischer Lymphe von Pusteln einer erkrankten Kuh oder – zunächst häufiger – von Kind zu Kind mit dem Inhalt einer ausblühenden Impfpustel. Jenners erprobtes Konzept war auch ohne den Segen des wissenschaftlichen Establishments nicht mehr aufzuhalten.


Die Bekämpfung der Pocken in Deutschland

Bereits 1801 wurden in München die Bayrische Landesimpfanstalt sowie 1803 in Berlin und Köln die Schutzblattern-Anstalten gegründet; 1803 waren in Deutschland schon 17000 Menschen vakziniert. Im Jahre 1807 ordnete Napoleon die Vakzinierung seiner Truppen an; bis 1814 hatten in Russland zwei Millionen Menschen sie erhalten, und bis 1816 schließlich hatten Bayern, Dänemark, Schweden und Frankreich sie zur Pflicht gemacht.

Methodische Fortschritte ergaben sich, als ein italienischer Wissenschaftler 1845 in Neapel begann, das Impfvirus systematisch auf der Rückenhaut künstlich infizierter Kälber zu vermehren. Die entnommene Pustellymphe wurde später auf einen definierten Virusgehalt eingestellt (ohne daß man den Erreger schon hätte identifizieren können) und – methodisch noch begrenzt – auch auf Freiheit von hirnschädigenden Nebenwirkungen überprüft.

Die Vakzinierung ließ die Zahl der pockenbedingten Todesfälle beträchtlich fallen: Vor ihrer Einführung verzeichnete man beispielsweise in Schweden, Westfalen und Berlin jeweils 2050, 2643 und 3422 Opfer während eines bestimmten Jahres, gut fünf Jahrzehnte später – für das Jahr 1856 – nur noch 158, 414 beziehungsweise 176 Tote.

Weitere Fortschritte in der Bekämpfung ergaben sich in Deutschland erst nach der Reichsgründung. Im Verlauf des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871 und anschließend hatte es noch mehr als 125000 Pockentote in der Zivilbevölkerung gegeben. (Die Epidemie war zunächst in Frankreich ausgebrochen; rückkehrende Soldaten hatten sie dann weiterverschleppt.) Reichskanzler Otto von Bismarck brachte am 5. Februar 1874 ein Impfgesetz ein, das nach entsprechender Beratung bereits am 8. April 1874 im Reichsgesetzblatt veröffentlicht wurde. Es sah eine Erstimpfung aller gesunden Kinder bis zum zweiten und eine Wiederholung im zwölften Lebensjahr vor. Für den Fall eines Ausbruchs waren sogenannte Abriegelungsimpfungen in der Bevölkerung (solche im Umfeld von Erkrankten) vorgeschrieben.

Die Zahl der Erkrankungen nahm in Deutschland in der Folge erheblich ab. Sie lag bis 1915 zwischen 100 und 400 Fällen pro Jahr, stieg aber im Verlauf des Ersten Weltkriegs auf erschreckende 3028 im Jahre 1917 und auf mehr als 5000 dann 1919. Nach 1922 fiel sie schnell ab; von 1930 an, selbst über den Zweiten Weltkrieg hinweg, gab es nur noch vereinzelte Erkrankungen.

Mit der Zunahme des internationalen Flugverkehrs registrierte man jedoch zwischen 1957 und 1972 in der Bundesrepublik wieder neue Fälle: Bei insgesamt elf Ausbrüchen erkrankten 89 Personen, zehn davon starben. Die Infektion war jeweils von außen, aus Endemiegebieten eingeschleppt worden. Dies gilt auch für den letzten Pockenfall in Deutschland, der 1972 in Hannover bei einem Kosovo-Jugoslawen auftrat – der Moslem hatte sich bei einer Pilgerfahrt angesteckt, seine glücklicherweise milde Erkrankung aber schließlich gut überstanden (Bild 2).


Die weltweite Ausrottung

Bereits auf der Vollversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) des Jahres 1958 brachte die russische Delegation den Antrag ein, mit vereinten Kräften dieser Geißel der Menschheit ein Ende zu machen. Das globale Ausrottungsprogramm kam aber erst 1967 in Gang. Technischer Fortschritt ermöglichte damals das Herstellen gefriergetrockneter, gegen die Tropenhitze stabilisierter Vakzine für die nötigen Massenimpfungen.

Anhand der Impfnarben ließ sich der Durchimpfungsgrad der Bevölkerung leicht kontrollieren: Bei mehr als 95 Prozent, so vermutete man, wäre die Infektkette wirksam unterbrochen. Daß selbst diese hohe Rate nicht ausreichte, zeigten dann aber die Erfahrungen in Ländern der Dritten Welt. Zusätzlich waren noch eine dichte epidemiologische Überwachung und Feldarbeit durch ein Netz von angelernten Gesundheitshelfern und hochengagierten internationalen Experten erforderlich, um lokale Ausbrüche schnell zu erkennen.

Wirksame Isolierung der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen sowie frühe Abriegelungsimpfung halfen schließlich, Kontinent für Kontinent pockenfrei zu machen. Die jeweils letzten Fälle registrierte man in Südamerika 1971, in Indonesien, West- und Zentralafrika 1972 und in Indien 1975. Die weltweit letzte Erkrankung an endemischen Pocken wurde am 26. Oktober 1977 bei Ali Maow Maalin, einem Hospitalkoch, in Süd-Somalia festgestellt. Der junge Mann gesundete – die natürliche Seuche (die endemischen Pocken also) war, wie sich in der Folge zeigte, damit tatsächlich erloschen.

Zur Absicherung hatte ein Expertengremium der WHO eine Wartefrist von zwei Jahren gesetzt. In dieser Zeit wurden Hunderte von Verdachtsfällen aus aller Welt diagnostisch abgeklärt. Die meisten erwiesen sich als atypische Windpockeninfektion, verursacht durch einen Erreger aus der Familie der Herpesviren (Bild 3 rechts); kein einziges Mal lautete die Diagnose Pocken (Bild 3 links). Für die Meldung weiterer Blatternfälle waren hohe Belohnungen ausgesetzt, doch weder dies noch intensive epidemiologische Feldarbeit und Kontrollen förderten neue zutage. So konnte die WHO am 8. Mai 1980 in ihrer 33. Vollversammlung feierlich und förmlich feststellen: "(1) Smallpox eradication has been achieved throughout the world. (2) There is no evidence that smallpox will return as an endemic disease" (die Erde ist frei von endemischen Pocken, für eine künftige Rückkehr gibt es keinerlei Hinweise).

Der Erfolg bei dieser Seuche ist der Verkettung mehrerer günstiger Umständen zu verdanken:

- Der Erreger hat nur den Menschen zum Wirt; es gibt weder ein tierisches Reservoir (wie bei der Tollwut) noch einen tierischen Zwischenwirt (wie beim Gelbfieber die Gelbfiebermücke). Das Variolavirus kann sich folglich nur von einem Infizierten auf nicht-immune, empfängliche Kontaktpersonen ausbreiten. Eine dauerhafte Unterbrechung der Infektkette mußte die Seuche zum Erlöschen bringen.

- Nach einer überstandenen Pockeninfektion, die klinisch meist leicht erkennbar ist, besteht lebenslanger Schutz, und der Erreger verschwindet aus dem Körper. Es gibt keine latent oder chronisch werdenden Pocken und damit auch keine chronischen Virus-Ausscheider, die – klinisch möglicherweise unerkannt – über lange Zeiten die Bevölkerung hätten gefährden können.

- Die Einführung der Elektronenmikroskopie hatte die Labordiagnostik der Infektion erheblich beschleunigt. Der Zeitgewinn von ein bis drei Tagen gegenüber dem herkömmlichen Virusnachweis durch Züchtung in Zellkultur oder auf der Embryonalmembran bebrüteter Hühnereier ermöglichte rechtzeitige Quarantänemaßnahmen und Abriegelungsimpfungen.

- Nicht zuletzt stand mit der Massen- und Abriegelungsvakzinierung ein wirksamer Impfschutz zur Verfügung. Allerdings – ohne die koordinierten, über die Grenzen der im Kalten Krieg befangenen Macht- und Ideologieblöcke hinweg wirksamen Anstrengungen der WHO wären die notwendigen Impf- und Überwachungsprogramme nicht vorstellbar gewesen.


Vernichtung der letzten Pockenvirus-Vorräte

Mit dem Ausrotten der Seuche war das Variolavirus selbst noch nicht von der Erde verschwunden. Es existierte zur Erforschung pathogener Mechanismen in zahlreichen größeren Laboratorien weiter – als Virusvorrat (tiefgefroren in flüssigem Stickstoff), als konserviertes klinisches Material von Pockenfällen und mehr und mehr in Form klonierter Teile seines Erbguts. Die Virusvorräte dienten zunächst auch noch zur Kontrolle in der Diagnostik bei Verdacht auf Pocken.

Außerdem galt während des Kalten Krieges in Ost und West das Variolavirus, trotz seiner nicht unmittelbar einsetzenden biologischen Wirkung, noch als potentielles Kampfmittel. Die Streitkräfte betrieben gut ausgerüstete infektiologische Laboratorien – zum Schutz vor den Gefahren einer biologischen Kriegsführung vakzinieren die weiterhin sehr vorsichtigen Russen und US-Amerikaner ihre Armeeangehörigen noch heute. Das schreckliche Krankheitsbild der Pocken, die relativ einfache Gewinnung hochinfektiöser Virusvorräte und die relativ große Stabilität der Viren, wenn als Aerosol versprüht, ließen den Erreger als Kampfmittel geeignet erscheinen. Erst mit dem Abbau der Ost-West-Konfrontation verlor dieses Gruselszenario seine Schrecken.

Aus Besorgnis über mögliche Unfälle in den Hochsicherheitslabors, aber auch über einen vorstellbaren Mißbrauch bei terroristischen Aktionen forderte die WHO darum schon im Juni 1991, die Zahl der Pockenvirus-Vorräte erheblich zu vermindern. Weltweit gibt es nun nur noch Depots bei den zwei von der WHO autorisierten Institutionen: bei der amerikanischen Seuchenbehörde, also den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta (Georgia), und am Staatlich-Russischen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Kolzowo bei Nowosibirsk.

In Fachkreisen ist über die Zukunft dieser Vorräte ein erbitterter, häufig die Prinzipien des jeweiligen Weltverständnisses widerspiegelnder Streit ausgebrochen. Für den weiteren Erhalt sprechen sich unter anderem engagierte Wissenschaftler aus, die um ihr Forschungsobjekt fürchten. Daneben gibt es Stimmen, die sich um die Erhaltung der Artenvielfalt der Erde sorgen und grundsätzlich fragen, ob dem Menschen denn überhaupt das Recht zur bewußten Auslöschung einer Spezies gleich welcher Entwicklungshöhe zukomme.

Dieses konservative Argument erscheint im Falle eines hochgefährlichen Erregers als wenig realistisches Verfechten eines an sich achtenswerten Prinzips. Die Pocken, jahrhundertelang eine Ursache von Entstellung, Blindheit, Hirnschäden und vorzeitigem Tod, sind gerade erst vor 200 Jahren – dank Jenners riskantem Experiment und seiner wissenschaftlichen Weitsicht – bekämpfbar geworden; und seit dem Ende dieser natürlichen Bedrohung sind kaum zwei Dekaden vergangen. Nunmehr das verursachende Variolavirus der Erde erhalten zu wollen entspringt einem unreflektierten Mystizismus: Seine versehentliche oder bewußte Freisetzung käme die immer weniger geschützte Weltbevölkerung teuer zu stehen.

Nicht minder grundsätzlich ließe sich auch fragen, ob mit der Vernichtung der letzten Pockenvirus-Vorräte wirklich Leben ausgemerzt werde. Das krankmachende Agens braucht, wie alle anderen Viren, den biochemischen Apparat einer Wirtszelle zur Vermehrung: Viruspartikel wachsen nicht, teilen sich nicht und haben keinen eigenen Energiestoffwechsel – mithin fehlen ihnen per Definition wesentliche Merkmale des Lebendigen.

Pragmatiker in der Virologie, Infektiologie und Epidemiologie befürworten einhellig die schnelle Vernichtung der letzten Virusvorräte – aus mehreren Gründen.

Mit der endgültigen Ausrottung der endemischen Pocken braucht man den Erreger nicht mehr als Kontrollmaterial im Labor, um Verdachtsfälle abzuklären – dieser Zweck ist, wie die noch in den siebziger Jahren wichtige Pockendiagnostik selbst, obsolet. Die letzten Vorräte stellen statt dessen, bedingt durch den immer geringer werdenden Impfschutz in der Bevölkerung, eine zunehmende Gefahr dar. Auch bei sachkundig angemessenem Umgang mit dem Variolavirus ist menschliches oder technisches Versagen nie gänzlich auszuschließen. Selbst nachdem die endemischen Pocken weltweit ausgerottet waren, starb im August 1978 in Birmingham die ungeimpfte Photographin eines mikrobiologischen Instituts, nachdem dort der Erreger beim Training für den Pockenalarmfall versehentlich in die Luft freigesetzt worden war. Der verantwortliche Institutsleiter erhängte sich.

Wegen der Gefahren beim Umgang wird das Virus in die Risikogruppe 4, die höchste, eingeordnet – zusammen mit dem Ebola-, dem Marburg- und dem Lassavirus, bei denen es sich um neue, erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts aufgetauchte Erreger handelt (Spektrum der Wissenschaft, August 1995, Seite 38). Nur in Hochsicherheitslaboratorien der Klasse L4 (ausgestattet mit separiertem Belüftungssystem, geschlossenen Schutzanzügen mit Fremdbelüftung und besonderen Verhaltensvorschriften) darf damit gearbeitet werden. Dennoch sind auch unter L4-Bedingungen – bei grob fahrlässigem Umgang – zunächst unerkannte Infektionen vorstellbar. Während der klinisch wenig charakteristischen Inkubationszeit von etwa zwölf Tagen vermehren sich eingeatmete Variolaviren anfangs lokal an der Eintrittspforte, also im Nasenrachenraum, und können durch Husten als Tröpfcheninfektion weitergegeben werden. In einer Bevölkerung ohne Impfschutz würden sich die Pocken dann wie ein Flächenbrand ausbreiten.

Auch das Argument, die letzten Virusvorräte müßten zur weiteren Aufklärung von spezifischen Pathogenitätsmechanismen konserviert werden, hat an Gewicht verloren. Dank der Gentechnik ist inzwischen das gesamte Erbgut verschiedener Variolavirus-Isolate bekannt; für die Forschung an einzelnen Virusproteinen sind die codierenden Abschnitte kloniert verfügbar. Mit der Vernichtung der Partikel ginge somit dem Genpool der Erde nichts Wesentliches verloren.

Aufgrund dieser Argumente hat sich der Exekutivrat der WHO in seiner 97. Sitzung am 24. Januar 1996 dafür ausgesprochen, die beiden jetzt noch bestehenden Virusvorräte zusammen mit den inzwischen klonierten Komplett-Genomen (Erbmaterial verschiedener Isolate als jeweils durchgehendes intaktes Stück) und den klinischen Proben bis zum 30. Juni 1999 zu vernichten. Mit dieser Terminsetzung bekräftigt er eine frühere Entscheidung der WHO-Vollversammlung und der Pocken-Beratergruppe, die am 31. Dezember 1993 nach längerer erbitterter Diskussion um das Für und Wider ein Moratorium von fünfeinhalb Jahren festgelegt hatten, um einen breiteren Konsens zu finden. Die endgültige Vernichtung soll im Mai 1996 auf der 49. WHO-Vollversammlung förmlich beschlossen werden.


Kein Aus für die Impfviren

Neben dem Variolavirus des Menschen gibt es weitere Pockenviren bei vielen Säugern (das Kuhpockenvirus ist nur eines davon), beim Geflügel und bei Insekten, doch befallen sie im allgemeinen nur ihre jeweils eigene Wirtsart. Schwere Erkrankungen können hingegen noch die Affenpocken beim Wechsel auf den Menschen verursachen; aber obgleich jährlich mindestens 30 bis 50 solcher gravierenden Infektionen aus Regionen tropischen Regenwaldes gemeldet werden, vermögen sich die Erreger anscheinend nicht weiter in der Bevölkerung auszubreiten. Allerdings können andere, normalerweise harmlose Pockenviren tierischer Herkunft – etwa von der Katze, aber auch dem Rind – abwehrschwachen Menschen ebenfalls gefährlich werden. Das gilt übrigens auch für die Impfstämme des Vacciniavirus, das sich inzwischen stark von seinem mutmaßlichen Urahn, dem Kuhpockenvirus, unterscheidet. Als die Ausrottung der endemischen Pocken absehbar war, hatte die Bundesrepublik 1975 die entsprechende Impfpflicht zunächst für Kleinkinder aufgehoben, die Revakzinierung der Zwölfjährigen dann mit Gesetz vom 18. Mai 1976. Die bewährte Vakzine war nämlich nicht frei von Nebenwirkungen; bei einem unter 50000 bis 100000 Impflingen trat als gefürchtetste Komplikation eine Hirnentzündung auf. Ihre Nachteile überwogen schließlich ihren möglichen Nutzen, so daß Fachleute trotz eines global noch minimalen Infektionsrisikos für die Aufhebung der Impfpflicht im Land plädierten. Auch nach der nun absehbaren Vernichtung der letzten Variolavirus-Vorräte wird die Vakzinierung selbst nicht völlig überflüssig. In der molekularbiologischen Forschung nutzt man das Vacciniavirus inzwischen als besonders fassungsfähige Genfähre; selbst große Fremdgene lassen sich einbauen und somit sonst nur schwer darstellbare Proteine biotechnologisch herstellen oder rekombinante Impfstoffe erzeugen (ein neuartiger Tollwutimpfstoff für Füchse besteht beispielsweise aus einem abgewandelten Vacciniavirus, dem ein wichtiges Gen des Tollwutvirus eingepflanzt wurde). Zum Schutz vor Unfällen mit hochkonzentrierten Vacciniavirus-Suspensionen müssen die damit umgehenden Mitarbeiter gentechnischer Laboratorien regelmäßig geimpft werden. Mit dem Erfolg der Pockenelimination im Rücken hat sich die WHO 1989 die Ausrottung von Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln, Diphtherie und Neugeborenen-Tetanus bis zum Jahre 2000 durch breite Impfprogramme und präzise epidemiologische Überwachung und Feldarbeit zum Ziel gesetzt. Die Einhaltung des Termins scheint allerdings heute schon fraglich. Beispielsweise setzt die vergleichsweise hohe Ansteckungskraft (Kontagiosität) der Masern höhere Hürden als bei den Pocken. Ferner lassen politisch instabile Verhältnisse, etwa im früheren Ostblock, Infektionskrankheiten wie die Diphtherie wieder aufflackern und durch den gesteigerten Reiseverkehr zum weltweiten Problem werden. Die sechs ins Visier genommenen Kinderkrankheiten können global nur durch hohe Impfbeteiligung zurückgedrängt werden; und ihre Ausrottung ist nur mit geschärftem Problembewußtsein und hohem Engagement von Bevölkerung und Gesundheitsbehörden zu erreichen. Im Falle der Pocken wurde zunächst lange an der Durchführbarkeit gezweifelt: In vielen Regionen seien die Verhältnisse zu schwierig, eine fatalistische Haltung gegenüber der Seuche sei weit verbreitet, und überhaupt habe man etwas Ähnliches noch nie erreicht. Mit dem Vorbild der erfolgreichen Auslöschung der Pocken sollte das Programm 2000 der WHO jedoch leichter zu schaffen sein – ebenso die wirksame Zurückdrängung von Hepatitis B und C, von Cholera und anderen aktuellen Seuchen, AIDS als eine der neu aufgetauchten Viruserkrankungen nicht ausgenommen.

Literaturhinweise

- Mass Vaccination Programs in Developing Countries. Von W. H. Foege und D. L. Eddins in: Progress in Medical Virology, Band 15, Seiten 205 bis 243, 1973.

– An Introduction to the History of Virology. Von A. P. Waterson und L. Wilkinson. Cambridge University Press, 1978.

– Statistik meldepflichtiger übertragbarer Erkrankungen. Von H. P. Pöhn und G. Rasch. BGA-Schriften, Band 5, 1993. MMV Medizin Verlag, München 1994.

– Smallpox and its Eradication. Von F. Fenner, D. A. Henderson, I. Arita, Z. Jezek und I. D. Laduyi. World Health Organization, Genf 1988.

– Virologie in Deutschland. Von K. Munk. S. Karger, Freiburg, Basel 1995.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1996, Seite 36
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