Wir Menschen sind besondere Tiere. Die Evolutionstheorie bewährt sich zwar hervorragend bei allem, was wir mit anderen Kreaturen gemeinsam haben ? vom genetischen Code bis zur Arbeitsweise von Muskeln und Nervenzellen. Doch wie steht es mit den unzähligen Merkmalen, in denen wir uns von allen anderen Lebewesen unterscheiden? Mit unserem außergewöhnlich großen Gehirn etwa, oder mit unserer Sprache ? der einzigen mit echter Grammatik? Nur Menschen haben Sinfonien komponiert, fahren Auto, essen Spaghetti mit der Gabel. Nur wir denken über den Ursprung des Universums nach.

Das Problem hiermit ist, dass all dies für das reine Überleben überflüssig erscheint. Mit den Worten von Steven Pinker vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge: "Was die biologischen Ursachen und Wirkungen angeht, ist Musik nutzlos." Dasselbe gilt für Kunst, Schach und höhere Mathematik.

Die klassische (darwinische) Evolutionstheorie kann solchen Luxus nicht leicht begründen. Sie stellt vererbbare Merkmale ins Zentrum. In modernen Begriffen besagt diese Theorie: Gene kontrollieren die Merkmale von Organismen; diejenigen Erbanlagen, die ihren Trägern einen Überlebensvorteil bieten und die Erzeugung zahlreicher Nachkommen begünstigen (welche wiederum diese Gene erben), breiten sich oft im Verlauf vieler Generationen zu Lasten anderer Gene aus. Im Grunde konkurrieren die Gene also miteinander. Mit der Zeit setzen sich diejenigen von ihnen durch, denen es besonders häufig gelingt, an die nächste Generation weitergereicht zu werden.

Kaum ein Wissenschaftler wird die darwinische Theorie aufgeben wollen. Doch so lange diese Theorie nicht erklärt, warum wir Menschen so viel Kraft in Sachen setzen, die überflüssig sind hinsichtlich der zentralen biologischen Aufgabe: unsere Gene weiterzuverbreiten ? wo sollen wir dann nach einer Antwort suchen?

Ich sage: bei den Memen. Meme ? das sind Geschichten, Lieder, Gewohnheiten, Fertigkeiten, Erfindungen, Moden, die wir durch Imitation von anderen Menschen übernehmen. Die menschliche Natur lässt sich durchaus über Evolution erklären, aber nur dann, wenn wir die Evolution von Memen genauso einbeziehen wie die von Genen.

Es ist verlockend, Meme einfach als "Ideen" zu betrachten. Richtiger ist aber, dass sie eine Form von Information darstellen. (Gene sind ebenfalls Information: in DNA geschriebene Instruktionen zum Aufbau von Proteinen.) Die Meme für eine Erkennungsmelodie können im Gehirn eines Menschen gespeichert sein, aber auch auf einer Tonkassette oder auf einem Notenblatt.

Die Vorstellung, dass es Meme gibt und dass sie evolvieren, ist nicht neu. Aber erst in jüngster Zeit sind sie als eine Triebkraft der menschlichen Evolution im Gespräch. Der britische Soziobiologe Richard Dawkins von der Universität Oxford prägte 1976 in seinem Bestseller "Das egoistische Gen" den Begriff "Mem". In diesem Buch fasste er das Grundprinzip der darwinischen Evolution in drei Prozesse: wiederholtes Kopieren von Information; dabei Auftreten von Variationen (Mutationen); und Selektion mancher Varianten (Mutanten) auf Kosten anderer. Unter diesen Vorgaben, zyklisch wiederholt, findet Evolution zwangsläufig statt. Denn dabei erwirbt die Population der überlebenden Kopien allmählich neue Eigenschaften, welche ihre Chancen im Wettbewerb verbessern. Obwohl der Zyklus ohne "Plan" operiert, schafft er aus einem Chaos heraus doch bestimmte Strukturen.

Meme sind eigenständige Replikatoren


Dawkins nannte solchermaßen kopierte Information "Replikator". Gene seien zwar die bekanntesten Replikatoren. Weil Evolution aber im Prinzip mit jedem Replikator stattfinden könne, führte er als Beispiel das Konzept von den Memen ein. Meme werden nicht fehlerfrei kopiert, so wie beim Kopieren der Gene von den Eltern zum Kind gelegentlich Fehler auftreten. Wir schmücken eine Geschichte manchmal noch aus, vergessen ein Wort aus einem Lied, passen eine überkommene Technologie an oder zimmern aus alten Vorstellungen eine neue Theorie. Von den Varianten werden einige wieder, manche oft kopiert, andere sterben aus. Meme sind daher echte Replikatoren. Sie weisen die drei Eigenschaften auf, mit denen ein neuer darwinistischer Evolutionsprozess in Gang gesetzt wird: Replikation (Vervielfachung), Variation, Selektion.

Dawkins erklärt, er habe mit dem neuen Begriff nichts Weltbewegendes im Sinn gehabt. Seine Leser sollten nur verstehen, dass Gene in der Evolution nicht alles sind. Tatsächlich aber steckt in der Idee Sprengstoff. Sind Meme wirklich Replikatoren, dann wetteifern sie wie Gene miteinander darum, kopiert zu werden ? um ihrer selbst willen. Das widerspräche allerdings der von den meisten Evolutionspsychologen vertretenen Vorstellung, dass die menschliche Kultur letztlich den Genen diene. Die eigentliche Funktion von Kultur sei demzufolge, den Genen überleben zu helfen. Der Begründer der Soziobiologie, Edward O. Wilson von der Harvard-Universität in Cambridge (US-Bundesstaat Massachussets), prägte den Ausspruch: Die Gene halten die Kultur an der Leine. Zwar mag nach diesem Konzept die Kultur vorübergehend eine Richtung einschlagen, die der Genausbreitung entgegensteht. Doch auf lange Sicht wird sie von der natürlichen Selektion wieder "auf Kurs" gebracht, wie ein freilaufender Hund, den sein Herr zurückpfeift. Meme wären demnach Sklaven von jenen Genen, welche die Gehirne schaffen, die Meme kopieren. Nach dieser Ansicht gedeihen Meme nur dann, wenn sie diesen Genen bei deren eigener Verbreitung helfen. Sollte jedoch Dawkins darin Recht haben, dass Meme selbst auch Replikatoren sind, dann stellt sich der Zusammenhang anders dar. Dann verfolgen Meme ihre eigenen egoistischen Ziele und replizieren sich wann immer möglich. Sie formen in dem Fall unseren Geist und unsere Kultur ? ohne jede Rücksicht auf die Gene.

Das beste Beispiel dafür sind "virale" Meme. Kettenbriefe, ob aus Papier oder elektronisch, enthalten die Anweisung, sie zu kopieren. Dem verleihen bestimmte Drohungen und Versprechungen Nachdruck. Dabei ist unwichtig, dass solche Druckmittel im Grunde leer sind und der Brief umsonst kopiert wird. Denn diese Meme besitzen eine innere Struktur, die ihre eigene Verbreitung sicherstellt.

Memetische Selbstläufer


Nach Dawkins gilt Gleiches für die Weltreligionen. Von den unzähligen kleinen Kulten mit charismatischen Führern, die in der Menschheitsgeschichte jemals auftraten, waren nur einige wenige zum Überleben gerüstet ? weil sie Kopier-Anweisungen enthielten, denen Drohungen und Lockungen zur Durchsetzung verhalfen. Religionen machen Angst etwa mit ewiger Verdammnis, und sie locken mit immerwährender Seligkeit. Dafür gibt der Gläubige einen Teil seiner Einkünfte her, widmet sein Leben der Verbreitung der Lehre, oder er spendet für herrliche Gotteshäuser, die den betreffenden Memen zur weiteren Vermehrung verhelfen. Manchmal schaden die Meme den Genen sogar direkt ? etwa durch Zölibat.

Natürlich hat nicht jeder Kult (oder Kettenbrief) mit geeigneter viraler Struktur Erfolg. Manche Androhungen und Versprechungen setzen sich stärker durch, sie sind gewissermaßen virulenter als andere. Sie alle wetteifern um die begrenzte menschliche Aufmerksamkeit angesichts von Erfahrung und Skepsis, die in der Virenmetapher quasi als Immunsystem fungieren.

Zugegebenermaßen sind Religionen nicht rein viral bestimmt. Sie vermitteln beispielsweise auch Trost und Geborgenheit. Auch sind beileibe nicht alle Meme Viren. Der allergrößte Teil von ihnen macht die Substanz unseres Lebens aus. Dazu gehören Sprachen, politische Systeme, Geldwirtschaft, Bildung, Wissenschaft, Technologie. All dies sind Meme (oder Zusammenschlüsse von Memen), denn sie werden von einer Person zur anderen übermittelt, und sie ringen in den engen Grenzen des Gedächtnisses und der menschlichen Kultur miteinander um ihr Überleben.

Memetisches Denken führt zu einer neuen Weltsicht. Wer dies verinnerlicht, für den verwandelt sich alles. Aus der Perspektive der Meme ist jeder Mensch eine Vervielfältigungsmaschine für Meme ? ein Vehikel zu ihrer Verbreitung, eine Gelegenheit für sie, sich zu vermehren, und eine Ressource, um die sie konkurrieren. Weder sind wir die Sklaven unserer Gene noch rational frei handelnde Wesen, die Kultur, Kunst, Wissenschaft und Technologie zu ihrem eigenen Vergnügen schaffen. Vielmehr nehmen wir an einem riesigen evolutionären Prozess teil, in dem Meme die evolvierenden Replikatoren darstellen. Dabei sind wir die Mem-Maschinen.

Diese neue Sichtweise ist gleichzeitig überwältigend und bestürzend. Plötzlich umfasst eine einfache Theorie zugleich Kultur und Kreativität wie auch die biologische Evolution. Und offenbar reduziert sie weite Bereiche unseres Menschseins, unseres Tuns und Denkens auf ein geistloses Phänomen. Aber ist diese Sicht überhaupt richtig? Kann die Memetik uns helfen, uns selbst zu verstehen? Ermöglicht sie überprüfbare Vorhersagen, und kann sie echte wissenschaftliche Arbeit leisten? Wenn nicht, wäre die Memetik wertlos.

Nach meiner Überzeugung füllt die These vom Mem als Replikator die bisher vorhandene Lücke in den Theorien zur menschlichen Evolution. Ich glaube, dass die Memetik sehr viel dazu beitragen wird, unsere typisch menschlichen Besonderheiten sowie die Entstehung unserer verflochtenen Kulturen und Gesellschaftsformen zu erklären. Wir Menschen unterscheiden uns von allen anderen Tieren deswegen, weil nur wir irgendwann in grauer Vorzeit das Vermögen erlangten, andere in großem Umfang nachzuahmen. Diese Errungenschaft rief neue Replikatoren auf den Plan: die Meme. Sogleich begannen diese, sich zu vermehren und uns als ihre Kopiermaschinen zu benutzten, ganz ähnlich, wie die Gene die Kopiermaschinerie der Zellen verwenden. Nun begann etwas Einzigartiges, denn fortan entwarfen und formten uns zwei Replikatoren statt der genetische allein. Darum unterscheiden wir uns von den Millionen anderen Arten auf diesem Planeten. So erhielten wir unser großes Gehirn, unsere Sprache und all die anderen "Überflüssigkeiten".

Das menschliche Gehirn ist in etwa so groß, wie die Gene dies überhaupt ermöglichen können ? relativ zum Körpergewicht dreimal größer als die Gehirne unserer engsten Verwandten, der Menschenaffen. Ein so großes Organ heranwachsen zu lassen und zu unterhalten, kostet viel Energie. Auch sterben nicht wenige Mütter und Kinder wegen Geburtskomplikationen bedingt durch die Kopfgröße. Warum hat die Evolution ein so gefährlich großes Gehirn zugelassen? Traditionelle Theorien sehen darin einen genetischen Vorteil: Die Leute konnten wegen ihres Riesenhirns geschickter jagen und besser Nahrung sammeln; oder vielleicht gelang es ihnen dank dessen, kooperativ in größeren Gruppen mit komplexen sozialen Beziehungen zu leben. Die Memetik liefert eine völlig andere Erklärung.

Gene im Dienst der Meme ? und umgekehrt?


Die entscheidende Wende für die Hominiden erfolgte, als das Imitationsvermögen einsetzte. Das geschah vor vielleicht zweieinhalb Millionen Jahren, noch bevor Steinwerkzeuge aufkamen und bevor das Gehirn so stark anwuchs. Echte Nachahmung heißt, eine neue Verhaltensweise oder Technik eines anderen Tiers zu imitieren. Das ist schwierig, erfordert eine Menge Gehirnleistung Bild auf Seite 80) und kommt im Tierreich entsprechend selten vor. Zwar ahmen viele Vögel Gesang nach, und Wale können Töne und Handlungen imitieren. Doch die meisten Tiere sind zu dergleichen nicht fähig. Oft steckt hinter tierischer "Imitation" ? wie zu lernen, was ein Raubfeind ist, und angemessen auf ihn zu reagieren ? lediglich, angeborenes Verhalten auf eine neue Situation anzuwenden. Selbst bei Schimpansen beschränkt sich das Nachahmen auf einige wenige Verhaltensweisen, etwa auf Techniken des Termitenangelns.

Im Prinzip fast alles imitieren zu können, was man bei anderen sieht, stellt eine um vieles schwierigere Aufgabe dar ? auch wenn uns Menschen das offenbar ganz leicht fällt. Entsprechend wertvoller ist diese Gabe. Wer sie besitzt, kann sich bei jeder Gelegenheit von anderen Gelerntes oder Erfundenes aneignen. Wissenschaftler haben 1995 am Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) Kindern und jungen Orang-Utans die gleichen Aufgaben gestellt. Nur die Kinder halfen sich, indem sie bei anderen die besten Tricks abguckten.

Man kann sich gut vorstellen, dass unsere frühen Vorfahren nützliche neue Methoden zum Feuermachen, Jagen, Transportieren oder Zubereiten von Nahrung imitiert haben. Je mehr sich diese frühen Meme ausbreiteten, um so wichtiger zum Überleben wurde zugleich ihr Erwerb. Denn die guten Imitatoren konnten sich besser behaupten. Dadurch verbreiteten sich im Genpool zwangsläufig solche Gene, die für ein größeres, zur Nachahmung fähiges Gehirn sorgten. Und indem sich das Nachahmungsvermögen aller verbesserte, entstand gewissermaßen ein cerebrales Wettrüsten. So stieg der Druck, das Gehirn noch mehr zu vergrößern.

Als nun jeder auf Nachahmung zu setzen anfing, wurde der zweite Replikator sozusagen auf die Welt losgelassen. Das veränderte die menschliche Evolution für immer, denn die Meme begannen, die Herrschaft zu übernehmen. Neben nützlichen Fertigkeiten, wie ein Feuer errichten, kopierten die Leute auch weniger Nützliches, zum Beispiel schicken Körperschmuck. Sie ahmten auch manches Kostspielige nach, etwa kraftraubende, wirkungslose Regentänze. Für die Gene ergab sich nun ein Problem: Wie konnten sie sicherstellen, dass ihre Träger nur die nützlichen Verhaltensweisen kopierten?

Neue Meme können sich über eine Population in einer einzigen Generation ausbreiten ? also viel schneller als die genetische Evolution zu reagieren vermag. Bis sich eine Anlage zum Feuermachen oder eine Abneigung gegen Regentänze endlich genetisch verankert, sind vielleicht schon wieder völlig andere Modetrends aufgetaucht und ziehen die Menschen in ihren Bann. Den Genen bleiben nur langfristige Strategien. So können sie ihre Träger beim Nachahmen wählerischer machen.

Zum Beispiel wäre es sinnvoll, wenn die Gene ihren Trägern eine Neigung einimpften, nur die besten Imitatoren zu kopieren ? also solche Leute, die wohl am ehesten über fehlerlose Versionen der im Augenblick angesagten Meme verfügen (wir würden sie heute "Vorbilder" oder "Trendsetter" nennen). Die besten Imitatoren kennen dann nicht nur eine Menge Überlebenstricks, sondern erlangen darüber hinaus einen hohen Sozialstatus. Das steigert ihre Überlebenschancen noch mehr und hilft ihnen, die Gene zu verbreiten, die sie zu guten Imitatoren gemacht haben.

Ursprung von Sprache im Eigennutz der Meme


In diesem Szenarium verbessern die Gene immer wieder die angeborenen Neigungen ihrer Träger, nur Bestimmtes nachzuahmen. Das dauert allerdings viele Generationen, weshalb solche Entwicklungen stets weit hinter den memetischen hinterher hinken. Ich nenne den Mechanismus, mit dem die Meme die Genselektion kontrollieren, den "memetischen Antrieb", die memetische "Triebkraft": Die untereinander konkurrierenden Meme evolvieren rasch in welche Richtung auch immer, und die Gene müssen reagieren. Sie müssen das Vermögen zum selektiven Imitieren verbessern, also das Gehirn größer und leistungsfähiger machen. Somit fangen erfolgreiche Meme an zu gebieten, welche Gene am meisten Erfolg haben werden. Die Meme schnappen sich die Leine.

Konsequent zu Ende gedacht müsste es sich auszahlen, sich mit den tüchtigsten Imitatoren zu paaren, denn diese sollten in der Regel auch die besten Tricks und Techniken zum Überleben kennen. Dann hätte die sexuelle Zuchtwahl unter Führung der Meme bei der Schaffung unseres großen Gehirns mitgewirkt. Wenn Frauen besonders gute Imitatoren auswählten, halfen sie, die zum Kopieren von religiösen Ritualen, bunten Kleidern, Singen, Tanzen, Malen erforderlichen Gene zu verbreiten. So schlägt sich die memetische Evolution in den Strukturen unseres Gehirns nieder. Dieses Vermächtnis macht uns zu musikalischen, künstlerischen und religiösen Geschöpfen. Unser großes Gehirn ist eine selektierende Imitationsmaschine, in gleichem Maße geschaffen von den Memen und für sie, wie es für die Gene da ist.

Ebenso könnte Sprache ein Ergebnis von Mem-Gen-Koevolution sein. Über den Ursprung und die Funktion von Sprache gelang der Wissenschaft bis heute kein Konsens. Die populärsten Theorien betonen den genetischen Vorteil. So behauptet der Evolutionspsychologe Robin Dunbar von der Universität Liverpool, Sprache ersetze die soziale Fellpflege, indem sie große soziale Gruppen zusammenzuhalten helfe. Der Evolutionsanthropologe und Neurowissenschaftler Terrence Deacon von der Universität Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) vermutet, dass Sprache symbolische Kommunikation ermöglichte, die ihrerseits die Jagdmethoden verbesserte, soziale Bindungen fester werden ließ und die Gruppenverteidigung vereinfachte.

Im Gegensatz dazu erklärt die memetische Theorie Sprache durch die aus ihr resultierenden Überlebensvorteile für Meme. Die Vorstellung dabei ist: Wie bei jedem Replikator behaupteten sich im entstehenden Mempool unserer Vorfahren diejenigen Meme am besten, die sich durch hohe Fruchtbarkeit, Wiedergabetreue und Langlebigkeit auszeichneten, also solche, die viele genaue und langlebige Kopien ihrer selbst hervorbrachten.

Nun sind Laute, und besonders Rufe, in diesem Sinne fruchtbarer als Gesten, denn jeder in Hörweite kann sie vernehmen, sogar wenn er gerade nicht zum Sprechenden oder Rufenden blickt. Auch ist die Wiedergabetreue höher, wenn gesprochene Meme aus diskreten Lauteinheiten (Phonemen) und getrennten Wörtern bestehen ? praktisch digitalisiert sind. Dann entstehen weniger Kopierfehler. Vielleicht konkurrierten im prähistorischen Mempool verschiedene Vokalisations- und andere Verhaltensweisen um die geeignetste Kommunikationsform. Den Wettstreit gewannen gesprochene Wörter. Später boten veränderliche Wortfolgen, Beugungen und Vorsilben Nischen für neue, komplexere Lautmeme.

Wie hätte sich das auf die Gene ausgewirkt? Wieder hätten die besten Imitatoren (die sprachgewandtesten Leute) den höheren Status erlangt, die besten Geschlechtspartner gewonnen und die meisten Nachkommen gezeugt. Im Genpool wiederum wuchs dadurch der Anteil jener Gene, die ihren Trägern zum Nachahmen dieser vorteilhaftesten Laute verhalfen. Meine These: Die erfolgreichen Laute ? Grundlage der gesprochenen Sprache ? trieben die Gene mit der Zeit dazu, ein Gehirn zu schaffen, das gerade diese speziellen Lautäußerungen gut kopierte. So entstand die menschliche Spachfähigkeit. Sie erwuchs auf dem Wettstreit der Meme und einer Mem-Gen-Koevolution.

Siegeszug der Meme


In solch einem Fall evolvieren die Replikatoren (die Meme) gleichzeitig mit ihrer Kopiermaschinerie (dem Gehirn). Dergleichen geschah jedoch nicht zum ersten Mal: Etwas Ähnliches muss sich in den frühesten Stadien irdischen Lebens abgespielt haben, als die ersten replikationsfähigen Moleküle in der Ursuppe entstanden und daraus DNA und die gesamte zelluläre Replikationsmaschinerie evolvierte. Gleichermaßen dürfen wir erwarten, dass die Memkopiermaschine allmählich immer besser wurde ? und das trifft tatsächlich zu. Sprache niederzuschreiben bedeutete hinsichtlich Langlebigkeit und Wiedergabetreue einen riesigen Sprung nach vorn. Sie zu drucken erhöhte ihre Fruchtbarkeit. Und die Kopiermaschinerie verbesserte sich weiter, von der "Schneckenpost" zur E-Mail, vom Telegrafen zum Handy, vom Computer zum Internet. Die moderne Informationsexplosion ist genau das, was wir von einer memetischen Evolution erwarten sollten.

Die memetische Theorie gründet sich auf eine Reihe testbarer Annahmen. So ließe sich anhand von modernen Gehirnaufnahmen prüfen, ob die Imitation anderer wirklich besonders viel Gehirnkraft erfordert, mehr als bei Leuten, welche die Handlung vormachen. Dabei würde sich auch erweisen, ob beim Nachahmen vorrangig jüngere Gehirngebiete arbeiten. Von verwandten Tierarten sollten die besten Imitierer das größte Gehirn aufweisen. Viele geeignete Tiergruppen gibt es zwar nicht, doch Vögel und Wale könnte man immerhin untersuchen.

Vielleicht finden Linguisten Hinweise dafür, dass Grammatik eher optimiert ist, Meme mit hoher Fruchtbarkeit, Wiedergabetreue und Langlebigkeit zu übermitteln, als spezifische Informationen auszutauschen. Außerdem sollten Menschen am liebsten recht sprachgewandte Leute nachmachen und diese auch sexuell attraktiver finden als andere.

Manche der Vorhersagen ließen sich anhand von Modellrechnungen und Computersimulationen testen, wie Evolutionsforscher sie bei der Modellierung von Prozessen einsetzen. Sobald in dem Modellsystem ein zweiter, schnellerer Replikator auftaucht, sollte dies dramatische Konsequenzen haben, analog der Vergrößerung des menschlichen Gehirns beim Erscheinen der Meme. Der zweite Replikator sollte zudem die Evolution des ersten kontrollieren können oder sie sogar anhalten. Gegebenenfalls könnten die Modelle helfen, die Koevolution von Memen und Genen gründlicher zu verstehen. Dass Sprache in einer Population imitationsbegabter Wesen spontan entstehen kann ? diese These ließe sich in Simulationen mit krakeelenden Robotern testen, die nachahmen können.

Die Memetik ist eine neue Wissenschaftsdisziplin, die noch um ihre Anerkennung kämpft. Einige Kritiker haben das Prinzip des Replikators einfach nicht verstanden. Meme sind wie Gene bloß Informationseinheiten, denen es manchmal gelingt, kopiert zu werden, manchmal nicht. Allein in diesem Sinne darf man sie "egoistisch" nennen und ihnen Replikationkraft zusprechen. Meme sind weder magische Einheiten noch herumschwebende platonische Ideale. Sie stellen Information dar, die in spezifischen menschlichen Gedächtnissen, Handlungen und Artefakten sitzt. Auf keinen Fall handelt es sich bei sämtlichen mentalen Inhalten um Meme. Nicht alles, was in unserem Kopf vorgeht, haben wir von jemand anderem übernommen. Selbst wenn man einem Menschen seine gesamten Meme wegnähme, würde er immer noch über ein reiches Spektrum an Wahrnehmungen, Gefühlen, Vorstellungen und auch erlernten Fertigkeiten verfügen, die er irgendjemand abgeschaut hat und niemals mit einem anderen wird teilen können.

Wird die Memetik die Konkurrenz schlagen?


Häufig kommt der Einwand, Meme seien von Genen sehr verschieden. Sicher! Ihre Mutationsraten sind wesentlich höher. Sie sind auch nicht in ein so streng durchorganisiertes System eingebunden, wie es die DNA-Replikation und Proteinsynthese darstellen. Am Besten sieht man Meme nicht in Analogie zu Genen, sondern als neue Replikatoren mit eigenen Methoden des Überlebens und Kopiertwerdens. Sie können überall und zu jeder Zeit multipliziert werden, durch Sprechen oder Schreiben, ob auf Papier oder auf dem Computer, und natürlich, wenn sie auf einen anderen Menschen übergehen.

Viele weitere mögliche Kritikpunkte bleiben, und es gibt noch viel zu tun. Letztlich verdient die Memetik nur dann Erfolg, wenn sie bessere Erklärungen bietet als konkurrierende Theorien und wenn sie stichhaltige und überprüfbare Vorhersagen liefert. Im Gegensatz zu Religionen verfügt der große Memkomplex "Wissenschaft" über Methoden, um inhaltsleere, unlogische oder schlicht falsche Ideen zu verwerfen. An diesen Maßstäben muss sich die Memetik korrekterweise messen lassen.

Literaturhinweise


Darwinizing Culture: The Status of Memetics as a Science. Von Robert Aunger (Hg.). Oxford University Press, 2000.

Darwins gefährliches Erbe. Von Daniel Dennett. Hoffmann und Campe, 1997.

Das egoistische Gen. Von Richard Dawkins.. Ergänzte und überarbeitete Neuauflage. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1994.


Was sind Meme, was nicht?


Viele menschliche Verhaltensweisen stellen eine Mischung dar aus angeborenen, erlernten und imitierten Elementen. Nur was bei anderen nachgeahmt werden kann, gehört zu den Memen oder Memkomplexen. Dazu zählen:

- Geschichten, Anekdoten, Mythen

- Glaube an UFOs, Geister, den Weihnachtsmann

- Haar- und Kleidermode,

- Rassistische Sprüche,

- Bodypiercing

- sexistische Witze

- Kochrezepte, Zigaretten rauchen

- Religionen

- Beifall spenden, Anfeuern

- Erfindungen, Theorien, Wissenschaft

- Sprache, Dialekt, Schlagworte

- Rechtsordnungen, Demokratie

- Lieder, Musik, Tänze

Ein Großteil unseres Tuns und Erlebens gehört nicht zu den Memen, etwa:

- Subjektive Erfahrungen, komplexe Gefühle, Sinneswahrnehmungen

- Konditionierte Reaktionen, z.B. Angst vor dem Geräusch eines Zahnarztbohrers

- Essen, Atmen, Sex

- Kognitive Landkarten, z.B. sich in der näheren Umgebung zurechtfinden

- Angeborenes Verhalten, selbst wenn es andere "ansteckt", z.B. Gähnen, Husten, Lachen

- Assoziationen mit Geräuschen und Gerüchen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2000, Seite 74
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