"Wer glaubt eigentlich an #Hochsensibilität als wissenschaftlich tragfähiges Konzept?" So fragte ich Ende März auf Twitter, als unsere Recherche für das aktuelle Titelthema auf Hochtouren lief. Die Resonanz: Anhänger und Betroffene priesen außergewöhnliche Feinfühligkeit als eine besondere Gabe und versorgten mich umgehend mit Literaturhinweisen. Eine anerkannte Expertin für Hochbegabung twitterte, dass die Studienlage zu dem mutmaßlichen Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Untersuchungsgegenstand und Hochsensitivität dünn sei. Kritik von der Art, dass die "höhere sensorische Verarbeitungssensitivität" – so die fachliche Umschreibung des Phänomens – womöglich eher einen Hype als handfeste Wissenschaft darstelle, schallte mir indes nicht entgegen. Offensichtlich führen die Skeptiker eher in Fachzirkeln und nicht in sozialen Netzwerken das Wort.

Die Erstbeschreibung einer grundlegenden Überempfindlichkeit als Objekt psychologischer Forschung datiert auf das Jahr 1996. Damals legte die Psychologin Elaine Aron gemeinsam mit ihrem Mann den Grundstein jenes schillernden Forschungszweigs, der inzwischen viele Menschen fasziniert, ja berührt. Nach nicht einmal zwei Jahrzehnten darf das Modell geradezu als populär gelten. Die begriffliche Unschärfe und die bis heute unsichere Faktenlage dürften dazu sogar wesentlich beigetragen haben. Umfragen zufolge halten sich bis zu 20 Prozent der Menschen für hochsensibel – was sie etwa daran festmachen, dass sie von Musik und Kunst tief berührt werden, Schmerzen besonders intensiv spüren oder dass viele äußere Reize sie stressen.

Um die Skeptiker innerhalb der Wissenschaft zu überzeugen, müssen die Befürworter Antworten auf Fragen wie diese finden: Wie unterscheidet sich Hochsensibilität von Neurotizismus – jenem gut dokumentierten Persönlichkeitsmerkmal der Differenziellen Psychologie, das sich ebenfalls unter anderem durch starke Empfindlichkeit äußert? Inwieweit ist Hochsensibilität genetisch bedingt? Äußert sie sich in einer messbar anderen Signalverarbeitung im Gehirn? Diese Auffassung vertritt etwa die medizinische Psychologin Elke Van Hoof von der Freien Universität Brüssel. Lesen Sie unser einführendes Interview mit ihr ab S. 12. Anschließend schildert die Bloggerin Julia Bender das Phänomen aus der Perspektive einer Betroffenen (S. 17). Dass es sich insgesamt um ein höchst kontrovers diskutiertes Konzept handelt, bilanziert die Wissenschaftsjournalistin Nele Langosch, die für ihren Artikel ab S. 18 die aktuelle Studienlage ausgewertet hat.

Eine gute Lektüre wünscht Ihr
Carsten Könneker