Wenn Dorothea S. die Tür zu ihrem Klassenzimmer öffnet, freut sie sich jedes Mal aufs Neue. Die pensionierte Gymnasiallehrerin betreut Schüler im "Lerncafé" in Graz, einer ehrenamtlich geführten Einrichtung, die hauptsächlich von Kindern mit Migrationshintergrund besucht wird. Sie erhalten dort kostenfrei Nach­hilfe­unterricht, und Dorothea S. hilft hier ein Mal pro Woche freiwillig aus. Sie hat große ­Freude an ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit: "So viel Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wird, habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Die Kinder sind unglaublich wissbegierig!" Schon so mancher Schüler konnte dank ihrer Unterstützung eine drohende Fünf in Deutsch abwenden.

Ähnlich wie Dorothea S. geht es den meisten freiwilligen Helfern. Wie viele Menschen genau sich in Deutschland sozial engagieren, ist schwer zu sagen; ihre Zahl hängt stark davon ab, wie eng man den Begriff "freiwilliges Engagement" fasst. Laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2009 sind rund 36 Prozent aller Deutschen über 14 Jahren ehrenamtlich tätig. Die meisten davon engagieren sich in einem Sportverein. Aber auch viele gemeinnützige Organisationen könnten ohne Menschen, die unbezahlt mit anpacken, nicht überleben.

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile, dass eine freiwillige Tätigkeit nicht nur denen etwas bringt, die Unterstützung erhalten: Die Ehrenamtlichen selbst werden ebenfalls belohnt – mit mehr als einem guten Gewissen. So deuten verschiedene statistische Untersuchungen darauf hin, dass Menschen mit Ehrenamt glücklicher sind und seltener depressiv werden als ­solche, die sich nicht sozial engagieren. Häufig fühlen sich freiwillige Helfer auch körperlich gesünder. Dieser Effekt zeigt sich vor allem, wenn die ­Betreffenden der gemeinnützigen Arbeit über ­einen längeren Zeitraum nachgehen. Besonders zufrieden sind offenbar Senioren mit Ehrenamt.

Sogar beruflichen Stress federt soziales Engagement ab. Das zeigten 2010 Arbeitspsychologen um Eva Mojza und Sabine Sonnentag von der Universität Konstanz. In einer Tagebuchstudie baten sie 105 erwerbstätige Personen, zwei Wochen lang Aufzeichnungen über ihre Freizeitaktivitäten und etwaige freiwillige Arbeit zu ­machen. Zusätzlich befragten die Forscher ihre Probanden, wie erholt sie sich am Abend fühlten, und beobachteten deren Arbeitsverhalten am ­jeweils darauf folgenden Tag.

Versuchsteilnehmer, die sich nach getaner ­Arbeit noch ehrenamtlich engagierten, konnten besser vom Berufsalltag abschalten. Dieser Er­holungseffekt wirkte sich auch positiv auf den nächsten Arbeitstag aus …