Eigentlich haben männliche Ameisen im Insektenstaat nicht viel zu sagen. Nach dem Hochzeitsflug mit der Königin, bei der gleich mehrere zum Zuge kommen, werden sie von den Arbeiterinnen kurzerhand aus dem Nest geworfen. Auf das Schicksal ihrer rein weiblichen Nachkommen (Männchen entstehen aus unbefruchteten Eizellen) haben sie aber offensichtlich mehr Einfluss, als bisher gedacht. William Hughes von der Universität Kopenhagen und seine Mitarbeiter fanden heraus, dass es vor allem von den Genen des längst verstorbenen Vaters abhängt, welcher Kaste die Tochter dereinst angehört – ob sie also etwa ein eher kleines, zierliches "Hausmütterchen" oder eine größer gewachsene "Sammlerin und Kriegerin" wird. Bisher galten das Futter und chemische Signale als entscheidend für die spätere Gestalt der Larve. Aber als Hughes und seine Kollegen mit Gentests die Töchter einzelner Männchen der Blattschneiderameise Acromyrmex echinatior identifizierten, stellten sie fest, dass im Durchschnitt 80 Prozent derselben Kaste angehörten. Vermutlich legen die Gene die Reizschwelle fest, ab der eine Larve auf Pheromone oder Futterinhaltsstoffe anspricht, die ihre Kastenzugehörigkeit beeinflussen. Die Forscher spekulieren, dass das Zusammenwirken aus Umweltreizen und Genen eine flexiblere Reaktion auf Umweltänderungen ermöglicht. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 5.8.2003, S. 9394)

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003, Seite 12
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH