Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer Brücke. Unter Ihnen rast eine führerlose Straßenbahn auf fünf nichtsahnende Gleisarbeiter zu. Neben Ihnen steht ein sehr dicker Mann, schwer genug, um die Bahn zu stoppen. Würden Sie ihn hinunterstoßen, um die Arbeiter zu retten? Anders gefragt: Würden Sie einen Menschen opfern, damit fünf andere überleben?
Dies ist ein klassisches Dilemma, für das es keine ethisch einwandfreie Lösung gibt. Um zu ergründen, wie wir moralische Entscheidungen treffen, hat es Forschern auf der ganzen Welt gute Dienste geleistet. Als die Psychobiologin Molly Crockett von der University of Cambridge das Gedankenexperiment mit Probanden in ihrem Labor durchspielte, stellte sie fest, dass etwa vier von zehn den dicken Mann im Zweifelsfall von der Brücke stoßen würden, die übrigen entschieden sich dagegen.
In einem zweiten Versuchsdurchgang sah das Ergebnis allerdings ganz anders aus: Die Teilnehmer schreckten eher davor zurück, dem unbeteiligten Mann zu schaden – der Anteil derer, die ihn auf die Gleise schubsen würden, sank deutlich. Was war passiert? Crockett hatte die moralische Grundeinstellung ihrer Probanden chemisch manipuliert – mit Hilfe des Neurotransmitters Serotonin …