Bis auf ihren Computer ist Emmanuelle Charpentiers Büro völlig leer. Ihre immer noch verpackten Bilder sind in einer Ecke gestapelt, Umzugskisten mit Büchern und Ordnern stehen aufgereiht im Nachbarraum. Doch in ihrem Labor auf der anderen Seite des Flurs herrscht bereits Hochbetrieb. Als Charpentier im Herbst 2015 nach Berlin umzog, war ihre Forschungsarbeit binnen Wochen wieder voll im Gang – alles andere konnte warten.

Seit 20 Jahren zieht die heute 48-Jährige rastlos von einem Ort zum anderen, während ihre Forschung weiterläuft. Über neun verschiedene Stationen in fünf Ländern kletterte sie die akademische Leiter hinauf und musste ihre Labors immer wieder komplett neu aufbauen. Ihre wissenschaftlichen Durchbrüche gelangen Charpentier zwischen Umzugskartons, jahrelang hatte sie nur kurzfristige Forschungsverträge. Sie war 45, als sie die erste technische Assistentin anstellen konnte. "Mit ihrem Erfindungsreich­tum könnte sie auch auf einer einsamen Insel ein Labor auf­bauen", sagt Patrice Courvalin, ihr früherer Doktorvater am Institut Pasteur in Paris.

Ihr unstetes Leben hat die Mikrobiologin jedoch nicht daran gehindert, jene Maschinerien genau unter die Lupe zu nehmen, mit denen Bakterien ihr Erbgut managen. Char­pentier gilt als eine der maßgeblichen Erfinderinnen der CRISPR/Cas9-Technologie. Dieses System zur gezielten Veränderung von Gensequenzen revolutioniert derzeit die Möglichkeiten biomedizinischer Forscher, Gene zu modi­fizieren und zu analysieren. …