Herr Professor Rüegg, Sie blicken auf eine 60-jährige Forschungserfahrung zurück. Wie hat sich die Psychosomatik in dieser Zeit entwickelt?
Als ich in den 1950er Jahren Medizin studierte, begeisterte mich – wie viele meiner Züricher Kommilitonen – von Weizsäckers Buch "Der kranke Mensch". Viktor von Weizsäcker und andere berühmte Pioniere der Psychosomatik waren der Meinung, in der "Organsprache" des Körpers drückten sich verdrängte psychische Konflikte, Nöte und Wünsche aus. Krankheit galt als eine Art Symbol. Selbst manchen Herzerkrankungen wie Angina pectoris wurde solch ein Symbolcharakter zugeschrieben  man glaubte, es handle sich um eine "Flucht in die Herzkrankheit". Heute ist kaum noch von Organsprache die Rede. Vielmehr gilt die Psychosomatik als Disziplin, die auch naturwissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann …