Herr Professor Saß, wie hängen Kriminalität und antisoziale Persönlichkeitsstörung zusammen?
Die Störung ist gerade dadurch definiert, dass sich die Betroffenen nicht an soziale Normen und Gesetze halten. Entsprechend begehen ­nahezu alle Antisozialen kleinere oder größere Delikte. Aber nicht jeder Kriminelle erfüllt die Kriterien einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. Unter Straftätern liegt der Anteil bei etwa 25 bis 30 Prozent, in der Gesamtbevöl­kerung bei rund drei Prozent; je nach Land schwanken die Zahlen.
Inwieweit lässt sich anhand der Diagnose vorhersagen, ob jemand kriminell wird?
Prognosen sind immer Wahrscheinlichkeitsaussagen. Im Einzelfall lässt sich also nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob jemand ein Verbrechen begehen wird. Zwar hat fast jeder mit dieser Diagnose schon mehrfach das Gesetz gebrochen, und die psychiatrische Erfahrung lehrt, dass in einem solchen Fall häufig mit Wiederholung zu rechnen ist. Aber ab und zu kommt es auch vor, dass Menschen über viele Jahre alle möglichen Straftaten begehen und dann plötzlich damit aufhören …