Richard Dawkins wertet Leben und Entwicklung der biologischen Vielfalt aus anderer Perspektive als Charles Darwin (1809 bis 1882), der Begründer der Evolutionstheorie. Er stellt nicht wie dieser individuelle Organismen mit ihren Anpassungen und Existenzbedingungen in den Vordergrund, sondern die Gene. Wie er seit den siebziger Jahren in seinen Büchern über Evolution und natürliche Selektion auseinandersetzt, sind eigentlich sie in den Lebewesen die maßgeblichen Egoisten. Die erfolgreichen Erbsequenzen ermöglichen ihren Wirten, lange genug zu leben, um sich in Konkurrenz mit anderen fortzupflanzen. So sorgen die Gene für ihren eigenen Fortbestand – in diesem Sinne sind die Organismen lediglich deren Überlebensmaschinen. Nicht ein großer Plan stehe – so Dawkins – hinter der Reichhaltigkeit des Lebens; vielmehr habe es sich in all seiner Komplexität allein wegen des Überlebenswettkampfes von DNA entwickelt. Der folgende Artikel basiert auf adaptierten Passagen aus dem vierten Kapitel von Dawkins' neuem Buch "River Out of Eden", in dem Dawkins unter demselben Aspekt auch verschiedene der großen Seinsfragen aufgreift, zum Beispiel die nach dem Ursprung des Lebens, nach der Herkunft des Menschen und nach seiner Stellung in der Welt. (Die vorliegende Fassung ist eine freie, in einigen sachlichen Details auch korrigierende Übertragung des für Scientific American eingerichteten Textes; sie greift der deutschen Übersetzung des Buches nicht vor.) Der Titel des Buches spielt auf die biblische Schöpfungsgeschichte an: "Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme" (Genesis, Kapitel 2, Vers 10). In Dawkins' Bild fließt DNA – genetische Information – von Generation zu Generation durch die Zeitläufte. Wenn der Strom sich teilt, entstehen getrennte Arten. Diese Fähigkeit der Erbinformation bewährt sich an Hindernissen, vergleichbar Untiefen oder Sandbänken – eine Analogie zur Wirkungsweise der natürlichen Selektion.

Ich kann einfach nicht glauben", schrieb Charles Darwin, "daß ein gü- tiger und allmächtiger Gott absichtlich Schlupfwespen geschaffen hätte, damit ihre Larven lebendige Raupen langsam von innen auffressen." Beispiele für solche scheinbaren Grausamkeiten, die Darwin an seinem Glauben zweifeln ließen, finden sich bei Tieren viele. So beobachtete der französische Insektenforscher Jean-Henri Fabre (1823 bis 1915; siehe Spektrum der Wissenschaft, November 1994, Seite 102), wie Grabwespenweibchen, um ihren Nachwuchs mit frischem Futter zu versorgen, Kerbtiere durch gezielte Einstiche in die einzelnen Nervenknoten des Bauchmarks lähmen, ohne sie zu töten.

Ob das Gift die Beute zugleich betäubt oder lediglich jede Bewegungsfähigkeit hemmt, etwa wie das Nervengift Curare, während die Empfindungen erhalten bleiben, weiß man nicht. Uns mutet grausam an, wenn das Opfer im Vollbesitz seiner Sinne ist, sich aber nicht wehren kann. Die Natur jedoch ist nicht grausam – nur, wie wir sehen werden, erbarmungslos gleichgültig.

Dies zu begreifen fällt uns Menschen sehr schwer. Wir können einfach nicht gelten lassen, daß die Dinge weder gut noch böse sein sollen, weder uns feindlich gesinnt noch uns gewogen, sondern einfach indifferent: unempfänglich für Leid und ohne jede Zweckgerichtetheit.

Der Mensch sucht schon von seiner Natur her nach Absichten und Zielen, nach Motiven und Hintergründen. Er kann sich kaum davon lösen, allem einen Sinn und Plan zu unterstellen. Das ist nur allzu verständlich für ein Verstandestier, das sich mit Maschinen, Kunstwerken, Geräten und anderen intentionell angefertigten Artefakten umgibt – ein Lebewesen, dessen Denken und Handeln vor allem eigenen künftigen Belangen gilt.

Nach dem Zweck eines Autos, eines Dosenöffners, eines Schraubenziehers oder einer Stimmgabel zu fragen macht Sinn. Daß man eine entsprechende Frage formulieren kann, bedeutet allerdings nicht, daß dies angebracht oder vernünftig wäre. Sich nach der Temperatur oder vielleicht der Farbe von – sagen wir – Eifersucht oder einem Gebet zu erkundigen ist unsinnig. Sosehr es zulässig ist, den Grund für das Schutzblech am Fahrrad oder den Kariba-Staudamm in Simbabwe wissen zu wollen, sowenig hat jemand irgendeinen Anspruch auf eine Antwort, der nach dem Sinn eines Wackersteins, eines Unglücks, des Mount Everest oder des Universums fragt. Mitunter ist ein "Warum" oder "Wozu" eben unpassend, wie ehrlich es auch gemeint sein mag.

Irgendwo zwischen Scheibenwischer oder Dosenöffner und Felsen oder das Universum andererseits gehören Lebewesen. Man kann kaum anders, als ihren Körpern und einzelnen Organen in hohem Maße Zwecke zuzuerkennen. Insbesondere die Theologen konnten sich dem in ihrem Denken, Folgern und Urteilen nicht entziehen, ob man nun Thomas von Aquin (um 1225 bis 1274) mit seinen Begründungen für die Seele nimmt oder die Reihe weiterführt bis zu dem Anglikaner William Paley (1743 bis 1805), mit dessen Schriften sich auch Darwin auseinandersetzte. Paley fand, wenn schon eine simple Uhr einen Uhrmacher erfordere, müßten doch auch die so viel komplizierteren Lebewesen unbedingt von einem göttlichen Schöpfer entworfen worden sein. Heutige Kreationisten, die sich für Wissenschaftler halten, pflegen ähnlich zu argumentieren.


Kalkulationen zur Optimierung

Den wahren Prozeß, der Flügel, Augen, Schnäbel, Brutinstinkt und all die anderen scheinbar so klug eingerichteten Lebensphänomene hervorgebracht hat, versteht man heute gut. Es ist die natürliche Auslese oder Darwinsche Selektion. Darwin erkannte, daß die heutigen Organismen deswegen existieren, weil ihre Vorfahren Merkmale trugen, dank deren sie und ihr Nachwuchs besonders gut gediehen. Individuen, die solcher Fitness ermangelten, konnten sich – so der Gedanke – schlechter durchsetzen und vergleichsweise wenig fortpflanzen, wenn überhaupt.

Man staunt, daß das Prinzip der Evolution erst in den letzten 150 Jahren ergründet wurde. Selbst unter gebildeten Zeitgenossen Darwins, die bei Felsen, Flüssen und Finsternissen längst nicht mehr nach deren Zweck fragten, ging es ohne weiteres an, dies bei Lebewesen zu tun. Mittlerweile lassen sich das nur noch wissenschaftlich unbedarfte Leute einfallen – wozu freilich immer noch der größte Teil der Menschheit zählt.

Darwins Lehrsatz, die natürliche Selektion bevorzuge solche Individuen mit den besten Voraussetzungen für Überleben und Fortpflanzung, besagt anders ausgedrückt: Sie begünstigt jene Gene, die sich über viele Generationen hinweg reproduzieren. Man kann die beiden Formulierungen zwar gleichsetzen, doch die Sache aus Sicht der Gene zu betrachten hat einige Vorzüge. Deutlich wird dies, wenn man zur Untersuchung von Evolutionsprozessen zwei Konzepte aus anderen Sparten adaptiert: reverse engineering im wörtlichen Sinne (gemeint ist damit sonst das Umsetzen eines mit konventionellen Methoden entwickelten Objekts in eine digitale Darstellung zur Weiterverarbeitung auf dem Computer) und die Nutzenfunktion der Ökonomen.

Ersteres regt an zu folgender Denkoperation: Angenommen, ein Ingenieur habe einen offensichtlich von Menschenhand gefertigten Gegenstand vor sich, dessen Funktion er nicht kennt, von dem er aber glaubt, daß er zu etwas nutze ist oder war. Diese Arbeitshypothese veranlaßt ihn, sich das Ding von allen Seiten zu betrachten und vielleicht auseinanderzunehmen, immer mit der Frage im Hinterkopf: "Wenn ein Objekt leisten soll, was ich mir vorstelle, hätte ich es dann so konstruiert wie dieses hier? Oder eignet es sich viel besser für einen anderen Zweck, nämlich etwa den oder jenen?"

Ein Relikt der vorelektronischen Ära und inzwischen fast so obsolet wie ein Artefakt der Bronzezeit ist der Rechenschieber, ohne den noch vor wenigen Jahrzehnten kein Ingenieur auskommen konnte. Sollte – eventuell schon wenige Generationen nach uns – ein Archäologe solch ein Gerät finden, wird er womöglich überlegen, daß man damit gerade Linien ziehen könnte oder auch ein Brot schmieren. Aber wozu dann die bewegliche Stange in der Mitte? Und was sollen die logarithmischen Skalen, die gar nicht wirken wie zufällige oder bloß dekorative Striche? Vielleicht brächte das den Finder auf die richtige Idee: War dies etwa ein geniales Hilfsinstrument, um komplizierte Rechenoperationen wie Multiplikation und Division rasch auszuführen, als es noch keine Computer gab? Wie man an diesem Beispiel sieht, führt die Annahme einer intelligenten ökonomischen Konstruktion auf den richtigen Weg.

Der andere Terminus, Nutzenfunktion, meint Maximierungsprozesse. Nicht viel anders als Architekten und Ingenieure suchen Wirtschaftsstrategen und Sozialplaner nach optimalen Lösungen. Utilitaristen wollen "das höchste Glück für möglichst viele." (Besonders im Großbritannien des 19. Jahrhunderts begründete sich aus dieser Maxime die wohlfahrtsstaatliche Sozialpolitik.) Andere betreiben skrupellos ihr eigenes Wohlergehen auf Kosten der Gemeinschaft.

Analysiert man mit der eben am Rechenschieber beschriebenen Vorgehensweise das Verhalten von Regierungen, wird man unter Umständen bei einem Staat feststellen, daß Vollbeschäftigung und allgemein hoher Lebensstandard oberste Ziele der Politik sind. In einem anderen Land hingegen mag es vornehmlich um die Erhaltung der Macht des Präsidenten gehen, anderswo wiederum um den Wohlstand des Herrschergeschlechts; hier kümmert sich ein Sultan hauptsächlich um die Größe seines Harems, dort ein Kabinett um die politische Stabilität des Nahen Ostens oder die des Erdölpreises. Wichtig ist, daß es mehr als eine Nutzenfunktion geben kann und daß nicht immer offensichtlich ist, worauf Einzelpersonen, Unternehmen oder Regierungen abzielen.


Kampf der Gene

Doch kehren wir zur Welt der Organismen zurück. Was könnte deren Nutzenfunktion sein? Vorstellen ließen sich etliche; doch wird sich zeigen, daß sie letztlich alle auf eine hinauslaufen. Effekthalber wollen wir uns vorstellen, daß ein göttlicher Ingenieur die Lebewesen gemacht habe. Die Aufgabe soll sein zu rekonstruieren, was er dabei wohl maximieren wollte – was mithin die Nutzenfunktion Gottes ist.

Ein Gepard wirkt durch und durch wie ein wundervoller Entwurf, der zu etwas gut ist, und es sollte nicht schwerfallen, Sinn und Nutzenfunktion zu ermitteln. Das Tier ist wie gemacht für die Gazellenjagd. Zähne, Krallen, Augen, Nase, Beinmuskulatur, Rückgrat und Gehirn sind gerade so, wie man erwarten würde, wenn Gottes Absicht die Maximierung getöteter Gazellen wäre.

Betrachtet man demgegenüber aber eine Gazelle, scheint in ihr genau das gegenteilige Bestreben verwirklicht zu sein, und auch mit gleicher Perfektion: daß sie dem Jäger entkommt und er verhungert. Kurz – die beiden Kreaturen scheinen von rivalisierenden Gottheiten geschaffen.

Sollte dennoch derselbe Schöpfer den Tiger und das Lamm, den Gepard und die Gazelle gemacht haben, worauf wollte er dann hinaus? Ist er ein Sadist, der sich an Gladiatorenspielen erbaut? Möchte er die Säugetierpopulationen Afrikas in für die Natur tragbaren Grenzen halten? Geht es ihm darum, daß die Einschaltquoten bei David Attenboroughs Fernsehfilmen steigen? Für jeden Zusammenhang wäre eine Nutzenfunktion durchaus vorstellbar. Selbstverständlich sind sie sämtlich falsch.

Die wahre Nutzenfunktion des Lebens – das, was in der Natur maximiert wird – ist das Überleben von DNA, von Erbinformation. Doch diese DNA liegt nicht frei vor; sie ist in Körpern von Lebewesen eingeschlossen, derer sie sich nach Kräften bedient. Gensequenzen in Geparden maximieren ihren Fortbestand dadurch, daß sie den Organismus befähigen, Gazellen zu schlagen. Und Sequenzen in Gazellen wiederum verbessern ihre Überlebenschancen, indem sie genau entgegengesetzte Ziele fördern. Die Nutzenfunktion bleibt dieselbe: der Weiterbestand von DNA.


Die Funktion von Schönheit

Mit diesem Prinzip, hat man es erst einmal erkannt, lassen sich viele ansonsten schwer begreifbare Erscheinungen erklären – auch die energiezehrenden, oft geradezu lächerlich anmutenden Anstrengungen von Tiermännchen, sich vor Weibchen ins beste Licht zu rücken. Man denke nur an auffallende, doch äußerst hinderliche Körperstrukturen, die attraktiv wirken. Nicht weniger Aufwand erfordern manche Werberituale – wie der Aufzug bei Wahlen zur Miss World, nur daß dabei die Männchen sich auf der Bühne spreizen. Der Vergleich kommt einem bei Vögeln mit gemeinsamer Arenabalz geradezu zwingend in den Sinn; schöne Beispiele dafür sind Birkhähne oder Kampfläufer. Die Männchen prahlen in dem Rund nach Kräften mit ihrer Schönheit – oft haben sie einen bizarren Federschmuck, den sie dramatisch entfalten und dessen Wirkung sie noch durch eigenartige Bewegungen und besondere Laute unterstreichen; unterdes schauen die Weibchen von der Tribüne aus zu und treffen ihre Wahl.

Selbstverständlich gibt das Vokabular, dessen ich mich hier bediene, nur meine subjektive, anthropomorphe Sicht wieder. Eine Birkhenne findet einen Hahn mit seinem Gehopse, der dabei gluckst, als würden Sektkorken knallen, gar nicht bizarr oder befremdlich – allein darauf kommt es an. Manchmal haben Vogelweibchen sogar das gleiche Schönheitsempfinden wie wir; das Resultat ist dann ein männlicher Pfau oder Paradiesvogel.

Der Gesang der Nachtigall, der Schwanz eines Fasans, das Leuchten von Glühwürmchen, die in allen Regenbogenfarben prankenden Korallenfische – alles ist Maximierung von Schönheit. Daß sie uns ästhetisch anspricht, ist dennoch Zufall, gewissermaßen ein erfreulicher Nebeneffekt, denn für uns sind solche Schaustellungen nicht entstanden. Gene, die Männchen für Weibchen attraktiv machen, werden automatisch in kommenden Generationen wieder auftauchen. Erst die eine Nutzenfunktion gibt den vielfältigen Ausprägungen von Schönheit Sinn: Die Größe, die fleißig optimiert wird, wo immer sich Leben rührt, ist einzig der Fortbestand jener DNA, die für all das, was wir hier zu verstehen suchen, verantwortlich ist.

Diese Kraft sorgt manchmal für merkwürdige Auswüchse. Der Putz eines Pfauenhahns ist dermaßen gewichtig und hinderlich, daß er bei einer nützlichen Tätigkeit ernstlich stören würde – wozu diese Tiere ohnehin wenig Neigung verspüren. Ihr Gesang kostet Singvogelmännchen gefährlich viel Zeit und Energie. Damit erhöhen sie nicht nur das Risiko, Raubfeinde anzulocken, sondern versäumen auch die Futtersuche. Jemand, der sich mit Zaunkönigen auskennt, behauptete, ein Revierinhaber habe sich regelrecht zu Tode gesungen. Gäbe es (was nicht zutrifft) eine Nutzenfunktion für das Wohl der Art oder auch nur für das Überleben der einzelnen Männchen, würde sie die Dauer des Gesangs, das Ausmaß angeberischer Balz sowie Zahl und Härte von Rivalenkämpfen sicherlich strikter in Grenzen halten.

Betrachtet man die natürliche Selektion allerdings zugleich aus Sicht der Gene statt nur unter dem Aspekt des Überlebens und der Fortpflanzung von Individuen, läßt solch übersteigertes Verhalten sich leicht erklären. Eben weil Zaunkönig-Gesang in Wahrheit den Fortbestand von DNA maximiert, kann im evolutiven Gang der Dinge nichts die Ausbreitung von Erbanlagen aufhalten, die Männchen für Weibchen attraktiv machen, auch wenn sie weiter zu nichts gut sind. Das heißt, falls bestimmte Gene Männchen mit Qualitäten ausstatten, die Weibchen aus irgendeinem Grunde mögen, dann überleben diese Gene wohl oder übel, selbst dann, wenn sie einige ihrer Träger gelegentlich in Gefahr bringen mögen.


Der Party-Effekt

Ein liebenswerter Zug von Menschen ist, mit Wohlergehen das Wohl aller und öffentliche Wohlfahrt zu assoziieren, im weiteren dann auch das Wohl der Gruppe, der Art oder sogar des Ökosystems. Die Nutzenfunktion Gottes allerdings, wie sie sich darstellt, wenn man die Mechanismen der natürlichen Auslese im einzelnen betrachtet, hat enttäuschenderweise mit derlei utopischen Visionen gar nichts zu tun. Sicherlich maximieren Gene in manchen Situationen ihr eigenes Wohlergehen, indem sie dem Organismus selbstlose Kooperation oder sogar Selbstaufopferung einprogrammieren; aber das Gruppenwohl ist stets nur zufälliges Beiwerk, nie vorrangiges Ziel.

Genauso lassen sich Exzesse im Pflanzenreich mit Gen-Egoismus erklären. Warum beispielsweise sind manche Waldbäume so hoch? Einfach um Konkurrenten zu überragen. Eine rücksichtsvolle Nutzenfunktion würde sie sämtlich niedrig halten. Dann bekämen alle gleich viel Sonnenlicht und könnten sich die Investition in dicke Stämme und eine massive Verwurzelung sparen.

Nur – die natürliche Selektion käme nicht umhin, ein Individuum mit einer Mutation, die es ein bißchen höher streben läßt, zu begünstigen. Sobald eines damit anfängt, müssen die anderen folgen. Nichts kann das Spiel aufhalten, und die Eskalation geht weiter, bis sämtliche Bäume in lächerliche, unökonomische Höhe wachsen. Aber solche herabsetzenden Attribute wird nur ein rationaler, wirtschaftsstrategischer Geist dafür finden – einer, der in Begriffen wie Effizienzmaximierung denkt und nicht in solchen wie Überleben von DNA.

Im täglichen Leben begegnen einem Analogien zuhauf. Man denke nur an Cocktail-Parties, auf denen man sich heiser redet. Das kommt, weil jeder so laut wie möglich spricht. Könnte man sich einigen zu flüstern, würde man sich ebensogut verstehen, dabei die eigene Stimme schonen und viel Kraft sparen. Indes funktionieren solche Abmachungen nicht oder allenfalls bei strengem Reglement. Immer gibt es einen Spielverderber, der aus Egoismus ein bißchen lauter wird; notgedrungen müssen die anderen sich gleicherweise Gehör verschaffen. Ein stabiles Gleichgewicht ist erst erreicht, wenn alle so lauthals tönen wie sie irgend können, also viel phonstärker, als vernünftig wäre.

Immer wieder wird kooperative Zurückhaltung das Opfer der ihr innewohnenden Instabilität. Gottes Nutzenfunktion erweist sich selten als von größtem Nutzen für möglichst viele. Im unordentlichen Gerangel um egoistische Vorteile verrät sie ihre Ursprünge.


Ein Universum von Gleichgültigkeit

Greifen wir den pessimistischen Ton vom Anfang wieder auf: Die Maximierung des Fortbestands von DNA – das heißt nicht Verordnung von Glück. Solange das Molekül nur weitergegeben wird, ist es egal, wer oder was dabei Schaden nimmt. Um Leid bekümmern Gene sich nicht – sie scheren sich überhaupt um nichts. Für die Gene von Darwins Schlupfwespen ist es schlichtweg besser, wenn die Raupe lebt, also beim Verzehr frisch ist, egal wie qualvoll das für sie sein mag. Eine mitleidige, gütige Natur würde zumindest das geringe Zugeständnis einer Betäubung machen. Aber die Natur ist nicht gütig und nicht gemein, sie nimmt weder für noch gegen Leiden Partei. Für Elend interessiert sie sich in keiner Weise, es sei denn, es geht um das Überleben von DNA. Ein Gen, das Gazellen kurz vor dem Gerissenwerden bewußtlos machte, wäre leicht denkbar. Aber hätte es in der natürlichen Auslese eine Chance? Nur, wenn eben diese seine Wirkung ihm auch dazu verhülfe, sich zu verbreiten. Weil das aber kaum plausibel ist, muß gehetztes und gestelltes Wild, so ist zu vermuten, horrende Angst und grausame Schmerzen durchmachen. Das Ausmaß von Leid unter den Lebewesen übersteigt die Vorstellungskraft. Während ich diesen Satz schreibe, werden Tausende von Tieren bei lebendigem Leib zerrissen, rennen andere um ihr Leben, werden wieder andere von Parasiten langsam inwendig aufgefressen; Abertausende jeglicher Art verhungern, verdursten, sterben an Krankheiten. Und das muß so sein. Falls denn einmal für eine Population Überfluß herrscht, läßt das Gesetz des Lebens sie automatisch anwachsen und ihn ausschöpfen – bis der natürliche Zustand von Hunger und Elend wiederhergestellt ist. Manchen geht es gut, manchen geht es schlecht, darin ist kein Sinn und keine Gerechtigkeit zu finden. Das Universum stellt sich für uns gerade so dar, wie es sein müßte, wenn im Tiefsten weder Gestaltung noch Zweck, weder Gut noch Böse, nichts außer unbarmherziger Gleichgültigkeit ist. Wie der unglückliche englische Dichter Alfred Edward Housman (1859 bis 1936) es sagte:
Denn die Natur, die herzlose, geistlose Natur, wird sich nicht kümmern, noch wird sie wissen.
Die DNA kümmert sich nicht und weiß von nichts. Sie ist einfach da. Und wir tanzen nach ihrer Pfeife.

Literaturhinweise

- Das egoistische Gen. Von Richard Dawkins. Springer, New York 1978. Überarbeitete Neuauflage, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1994.

– Der blinde Uhrmacher. Von Richard Dawkins. Kindler, München 1987.

– The Extended Phenotype: The Long Reach of the Gene. Von Richard Dawkins. Oxford University Press, 1989.

– River Out of Eden. A Darwinian View of Life. Von Richard Dawkins. Basic Books, New York 1995. (Die deutsche Übersetzung erscheint bei Bertelsmann, München, in der Reihe Science Masters voraussichtlich im Herbst 1996.)

– Evolution. Von Mark Ridley. Blackwell Scientific Publications, 1993.

– Darwin's Dangerous Idea: Evolution and the Meanings of Life. Von Daniel C. Dennett. Simon & Schuster, 1995.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1996, Seite 94
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