Archäologische Informationen über Siedlungen und Gräber im Osten der Arabischen Halbinsel während des dritten Jahrtausends vor Christus sind spärlich. Andererseits wissen wir von sumerischen Keilschrifttafeln, die größtenteils ab Mitte bis Ende dieses Zeitraums verfaßt worden sind, daß schon damals ein reger Seehandel zwischen Magan (Oman), Sumer (im südlichen Irak), Dilmun (Bahrain mitsamt der benachbarten Küste Arabiens) und Meluhha (in Südpakistan und dem indischen Bundesstaat Gujarat) bestand (Bild 1). Bestätigt werden diese Berichte durch Artefakte südasiatischer Herkunft, die Archäologen in den letzten Jahren auf dem Boden Arabiens und des Zweistromlandes gefunden haben.

Dilmun war aufgrund seiner zentralen Lage am Persisch-Arabischen Golf und seines natürlichen Süßwasserreichtums der Umschlagplatz für die gehandelten Waren. Dort nahmen die großangelegten, gewinnträchtigen Handelsexpeditionen über See ihren Ausgang, die wohlhabende Unternehmer aus Sumer finanzierten und organisierten.

Nach den sumerischen Texten kamen aus Magan unter anderem Schweine, Möbel, Schiffe und Stein – so Diorit für Skulpturen; das Hauptausfuhrgut war freilich Kupfer. Sein Export erreichte einen Höhepunkt zwischen 2500 und 1800 vor Christus, bevor zyprisches und anatolisches Kupfer das aus Magan vom Markt verdrängte.

In dieser Epoche muß das Land bereits über eine soziale Organisation verfügt haben, die über lange Zeit Abbau, Verhüttung und Transport des Metalls zur Küste zu bewerkstelligen und zu finanzieren vermochte. Über die Gesellschaftsform und die kulturellen Leistungen Magans ist allerdings so gut wie nichts bekannt. Bisher unterscheidet man zwei Kulturen, die nach den Namen entsprechender archäologischer Fundorte benannt sind: Die Hafit-Kultur begann Anfang des dritten Jahrtausends und endete vermutlich ungefähr 500 Jahre später; die anschließende Umman-Nar-Kultur (arabisch für "Mutter des Feuers"; die entsprechende Fundstätte liegt an der Küste Abu Dhabis) wird üblicherweise in die Zeit von 2500 bis 1200 vor Christus eingeordnet. Ob sie aus der Hafit-Kultur hervorgegangen ist oder sie teilweise überlappt, ist unklar.

Im Vergleich zum reichhaltigen Nachlaß der sumerischen Kultur sind nur wenige maganische Relikte erhalten. Bisher ist lediglich eine einzige Siedlung der Umman-Nar-Periode in al Maysar eingehend untersucht worden. Andererseits ist Oman geradezu übersät mit Gräbern aus vorislamischer Zeit, die sich vor allem in den Bergen noch in großer Zahl erhalten haben.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der beiden maganischen Kulturen bilden denn auch ihre Grabmale (Bild 2). Kennzeichnend für die Hafit-Kultur sind sogenannte Bienenkorbgräber, rustikale Kammerbauten aus flachen Steinen, die typischerweise zu kreisrunden, von Lage zu Lage stärker nach innen vorkragenden Mauern geschichtet sind; sie befinden sich in aller Regel auf Bergkämmen oder -hängen und enthalten meistens nur ein oder zwei, höchstens aber vier Bestattungen. Dagegen liegen die glattwandigen kollektiven Beinhäuser der Umman-Nar-Kultur in den Ebenen und sind mit bis zu zwölf Metern Durchmesser gewöhnlich um einiges größer. Teils wurde den Toten eine charakteristische Keramik mitgegeben, welche die Datierung erleichtert.

Bei diesem Stand der Erkenntnis war es eine kleine Sensation, als 1993 auf dem breiten Rücken des küstennahen Haggar-Gebirges südöstlich von Maskat, der Hauptstadt des heutigen Sultanats Oman, in einer Flur mit dem Namen Shir auf einem Areal von mehreren Quadratkilometern durch Zufall rund 90 monumentale Steintürme publik wurden, die aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend stammen. Sie waren einem Hubschrauberpiloten bei einem Erkundungsflug über dem Jebel (Berg) Bani Jabri aufgefallen, der darüber berichtete. So erfuhr auch das Archäologenteam des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum, das gerade eine der seit 1976 alljährlich in Zusammenarbeit mit der omanischen Antikenverwaltung in Maskat unternommenen zwei- bis dreimonatigen Grabungen zur Geschichte des Kupferbergbaus im Oman durchführte, von ihrer Existenz. Solche Hinweise von Einwohnern und Besuchern des Sultanats haben Tradition, und wir verdanken ihnen mehrere wichtige Entdeckungen wie die der großen früheisenzeitlichen Festung bei Lizq.

Das östliche Haggar-Gebirge ist ein rauhes Bergland und wegen seiner Wasserarmut und Unzugänglichkeit fast unbewohnt. Nur zu Regenzeiten lohnt es sich, dort Tiere zu weiden. Heute werden die wenigen dauerhaften Bewohner oder die Hirten, die während eines Teils des Jahres auf dem Berg leben, per Kleintransporter, zu Fuß oder notfalls durch Hubschrauber versorgt. Seit sieben Jahren gibt es eine einfache Piste, die nach starken Regenfällen freilich immer wieder unbefahrbar ist. Das nächste kleine Dorf namens Fadhehi in zehn Kilometer Entfernung besteht aus sechs Häusern, ist die meiste Zeit unbewohnt und findet sich auf keiner Landkarte.

Die neuentdeckten Türme liegen verstreut in ungefähr 1800 Meter Höhe auf dem Kamm des einsamen mächtigen Jebel nahe der Stelle, an der vier Wadi-Systeme (Tiwi, Tayin/Khabbah, Daiga und Sh*ab) sich treffen. Sie sind weit von irgendeiner Wasserquelle oder einem für eine Niederlassung geeigneten Ort entfernt. Spuren früher Besiedlung gibt es nicht, und sie wären auf dem nackten Fels auch nur schwer oder gar nicht auszumachen.

Die Türme sind – bei einem Durchmesser von sieben Metern an der Basis bis zu acht Meter hoch erhalten und gleichen äußerlich den rund ein bis zwei Jahrtausende später errichteten Nuraghen auf Sardinien, zu denen ansonsten jedoch keinerlei Verbindung besteht (Bild 2). Die höchsten weisen im Inneren ein bis zu 4,70 Meter aufragendes, konisches Einkraggewölbe auf, das bei dem größten Exemplar noch weitgehend intakt ist. Dagegen trägt der zweithöchste Turm auf einem niedrigen, innen nur 1,60 Meter hohen Gewölbe ein zweites, das noch fast sieben Meter erhalten ist, wobei jedoch der obere Abschluß samt Abdeckung fehlt (Bild 3). Generell ist die Statik einfach, aber solide, so daß die Türme immerhin mehr als 4000 Jahre überdauert haben. Ob sie unterkellert sind, bleibt bis zur Ausgrabung offen.

Die Bauten stehen in zumeist unregelmäßiger Anordnung an den oberen Hangkanten, wo sie von weither sichtbar sind. Man könnte sie deshalb für Wehrtürme halten; dagegen spricht jedoch ihre Abgelegenheit und das Fehlen jeglicher Anzeichen einer Befestigung oder Treppe nach oben. Die einzig plausible Deutung scheint demnach die Nutzung als Grabstätte zu sein. In den größten Türmen ist wie in Bienenkorbgräbern Platz für zwei bis vier Leichname. Allerdings sind oberflächlich keine Skelettreste zu erkennen.

Wahrscheinlich wurde dieser abgelegene Ort als Bestattungsplatz gewählt, weil das Gebirge, das majestätisch aus der flachen, öden Kieselwüste aufragt, die frühen Bewohner der Umgegend tief beeindruckte. Die Bestattungszeremonien dürften als Pilgerfahrten stattgefunden haben.

Bis Grabungen weitere Erkenntnisse bringen, kann man die Türme nur anhand der Architektur zu datieren versuchen. Einige sind außen sorgsam mit glatten, behauenen Steinen verkleidet, während die Oberfläche der anderen aus rauhen Bruchsteinen besteht. Manchmal steht einer der glatten Türme neben einem rauhen, aus dessen Mauerwerk viele Steine herausgebrochen sind. Dies läßt darauf schließen, daß die sorgfältiger verkleideten Türme später mit Material der älteren Nachbarn errichtet wurden.

Die rauhen Türme gleichen in der Bauweise großen Bienenkorbgräbern der Hafit-Kultur. Dagegen wirken die glatten Exemplare mit ihrer sorgfältigen Steinmetzarbeit wie kleinere Versionen der Umman-Nar-Sippengräber, deren schönes Verblendmaterial meine Kollegin Karen Frifelt vom Vorgeschichtlichen Museum in Århus (Dänemark) wegen der hellen Farbe und genau behauenen Form "Zuckerwürfelsteine" getauft hat. Nach alldem hat es den Anschein, als ob die Turmgräber einen Übergang zwischen den beiden bekannten Perioden repräsentieren.

Interessant ist auch die Frage, warum sie allesamt mehr oder weniger stark beschädigt sind. Überraschenderweise liegen die weggebrochenen Steine völlig unbedeckt oben auf dem Erdreich (Bild 2). Dies deutet darauf hin, daß die Zerstörungen relativ jungen Datums sind und keinem praktischen Zweck dienten, zumal es auf dem Berg kaum Häuser gibt, für die Steine gebraucht wurden.

Deshalb liegt es nahe, religiöse Gründe dahinter zu vermuten. Wie man aus arabischen Schriftquellen weiß, wurden Steingebilde – sogar Grabsteine – von frommen Moslems häufig umgeworfen, um zu verhindern, daß sie als Denkmäler eines anderen Glaubens verehrt werden könnten. Solches Eiferertum ist bis in unser Jahrhundert hinein bezeugt.

Inzwischen habe ich in Wadi al Ayn und in Halban zwei weitere Gruppen von Grabturm-Ruinen ausfindig gemacht und vorläufig untersucht. Auch sie liegen an schwer zugänglichen, heute kaum besiedelten Stellen, so daß ihre Zerstörung gleichfalls nicht mit Steinraub erklärt werden kann. Angesichts der massiven Bauweise der Türme und ihrer großen Zahl muß das Niederreißen per Hand jedenfalls ein mühsames Unterfangen gewesen sein.

Was Bilderstürmer nur ansatzweise schafften, könnte allerdings die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in fataler Weise vollenden. Als Folge des Ölreichtums erlebt Oman seit Anfang der siebziger Jahre ein starkes Bevölkerungswachstum, verbunden mit einem Bauboom, durch den inzwischen selbst entlegene alte Grabbauten als Rohstoffquelle ausgebeutet werden. Deshalb ist es wichtig, die Turmgräber schnellstens zu inventarisieren, archäologisch eingehend zu untersuchen und unter Schutz zu stellen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1994, Seite 22
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