Probe aufs Exempel
© Gehirn und Geist / Manfred Zentsch
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernProbe aufs Exempel

Ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, sitzt am Klavier. Die Lehrerin, die ­neben ihr steht, verfolgt jede Bewegung ihrer Finger mit Argusaugen. Ich ­betrachte die Szene von außen, sehe und höre, wie sich die Schülerin mit der Mondscheinsonate abmüht. Dieses Mädchen – bin ich.

Ich schlafe nicht, bin aber auch nicht hellwach. Mit geschlossenen Augen liege ich auf einem schwarzen Ledersessel und tauche ab in die Welt in meinem Kopf. Jedes Mal, wenn die Stimme des Therapeuten erklingt, wird mir bewusst, wo ich eigentlich bin: in einer Praxis für Hypnotherapie nahe Heidelberg. Der Gedanke währt aber immer nur kurz, dann zieht es mich wieder in die Traumwelt zurück.

Die Stimme schlägt vor, das Mädchen von der bösen Lehrerin zu befreien. Also führe ich die Dame aus der Szene hinaus, quer durch das Zimmer, den Flur entlang, zu einer Wendeltreppe, ­wo ich mich von ihr verabschiede. Dann setze ich mich selbst, so wie ich heute bin, auf den Platz der Schülerin.

Ich spüre die kalten Tasten an den Fingerspitzen, den Stoffbezug des Hockers, da erklingt ­Beethovens Klavierstück erneut. Beinah mühelos gleiten meine Finger über die Klaviatur. Mit gut vernehmbarer Stimme fordert der Therapeut mich nun auf, langsam ins Hier und Jetzt zurückzukehren.

Es dauert einen Moment, bis ich wieder ganz ankomme. Als ich die Augen öffne, empfängt mich das matte Licht der Praxis. Mir gegenüber sitzt der Psychotherapeut Stefan Junker. Um mich in Trance zu versetzen, brauchte er weder ein Pendel noch ein Mantra. "Seriöse Hypnose hat nichts mit Zauberei zu tun", betont Junker. Wie kommt es aber zu diesem sonderbaren, schlafähnlichen Zustand? Und was bewirkt er?

Hypnotherapeuten bedienen sich heute unterschiedlicher Techniken, um ihre Klienten in Trance zu versetzen …