Leslie Lemke ist Pianist. Mit 14 Jahren spielte er Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 fließend und ohne jeden Fehler, nachdem er es einige Stunden zuvor das erste Mal in seinem Leben im Fernsehen gehört hatte. Niemals hatte er auch nur eine Klavierstunde genommen – und dabei ist es bis heute geblieben. Lemke ist blind, geistig retardiert und hat eine zerebrale Lähmung. Dennoch singt und spielt er tausende Stücke, gibt Konzerte in seiner Heimat USA und im Ausland. Darüber hinaus improvisiert und komponiert er.

Die Kunstwerke des Schotten Richard Wawro genießen internationales Renommee. Zu den Sammlern gehören sogar Margaret Thatcher und Papst Johannes Paul II. Ein Londoner Kunstprofessor war "wie vom Donner gerührt", als er die Ölkreidezeichnungen sah, die Wawro als Kind gemalt hatte. Er bezeichnete sie als "phänomenale Arbeiten, ausgeführt mit der Präzision eines Technikers und dem Weltblick eines Poeten". Wawro ist autistisch.

Kim Peek ist ein wandelndes Lexikon. Mehr als 7600 Bücher kennt er auswendig. Er kann für jede US-amerikanische Stadt und jeden Landkreis die dorthin führenden Highways benennen, inklusive der dazugehörigen Vorwahlnummern, Postleitzahlen, Fernsehsender und Telefongesellschaften. Wer ihm das Geburtsdatum verrät, erfährt sogleich den jeweiligen Wochentag, ebenso den Wochentag, an dem man 65 Jahre alt wird "und sich zur Ruhe setzen kann". Peek erkennt die meisten klassischen Musikstücke und weiß sowohl das Datum der Erstaufführung oder -veröffentlichung wie auch den Geburtsort des Komponisten nebst dessen Geburts- und Sterbetag. Auch Peek ist geistig retardiert, bei vielen grundlegenden Verrichtungen des Alltags deshalb auf seinen Vater angewiesen. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten lieferten die Inspiration für die Figur des Raymond Babbitt, den Dustin Hoffman 1988 in dem Kinoerfolg Rain Man spielte.

Drei Schicksale – eine Gemeinsamkeit: Lemke, Wawro und Peek verfügen über ungewöhn-liche, ja spektakuläre, aber auf wenige Gebiete begrenzte Inselbegabungen, die in frappierendem Gegensatz zu ihren geistigen Entwicklungs-

störungen, inklusive Autismus, stehen. Fachleute sprechen vom Savant-Syndrom. Mindestens die Hälfte aller bekannten Fälle ist autistisch, die übrigen weisen andere Entwicklungsstörungen auf. Anteilig betrachtet: Bei etwa jedem zehnten autistischen Menschen und ungefähr bei einer von 2000 Personen mit Hirnschädigung oder geistiger Retardation treten Inselbegabungen auf.

Noch erscheint vieles am Savant-Syndrom rätselhaft. Doch die Fortschritte bei den bildgebenden Verfahren, die sogar Hirnprozesse sichtbar machen, erlauben nun eine umfassendere Beschreibung. Zugleich stützen die Ergebnisse eine lange diskutierte Theorie, wonach eine Schädigung der linken Hirnhälfte mitspielt. Noch faszinierender sind Berichte über plötzlich auftretende Inselbegabungen bei Menschen mit bestimmten Formen der Demenz. Vielleicht schlummert in jedem von uns ein bisschen von diesem Genie?

Bereits 1789 erschien eine Beschreibung des Savant-Syndroms in der wissenschaftlichen Literatur. Benjamin Rush, der "Vater der amerikanischen Psychiatrie", schilderte darin die Fähigkeiten von Thomas Fuller, blitzschnell im Kopf zu rechnen. Obwohl Fuller von der Mathematik kaum mehr verstand als simples Zählen, gab er auf die Frage, wie viele Sekunden ein Mensch im Alter von 70 Jahren, 17 Tagen und 12 Stunden be-reits gelebt hat, innerhalb von anderthalb Minuten die richtige Antwort: 2210500800 Sekunden – unter Berücksichtigung von 17 Schaltjahren.

Erst 1887 wurde die bemerkenswerte Koexistenz fehlender und überragender Fähigkeiten ausführlicher erörtert. Damals beschrieb J. Langdon Down – bekannt vor allem für die Erkennung des nach ihm benannten Down-Syndroms, früher auch Mongolismus genannt – zehn Menschen mit Inselbegabungen. Diese bemerkenswerten Personen hatte er während seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Direktor des Earlswood-Heimes in London kennen gelernt. Er prägte den Begriff des idiot savant: eine Kombination aus der damals akzeptierte Klassifikation des "Idioten", als Menschen mit einem Intelligenzquotienten von weniger als 25, und einem Abkömmling des französischen Wortes savoir für "wissen".

Inzwischen sind etwa hundert "Inselbegabte" fachlich beschrieben. Daher wissen wir, dass solche Menschen im Allgemeinen einen Intelligenzquotienten zwischen 40 und 70 besitzen – vereinzelt aber auch bis zu 114 Punkte erreichen. Das männliche Geschlecht dominiert bei Inselbegabung; auf eine Frau kommen vier bis sechs Männer. Das Syndrom kann angeboren sein, tritt aber beispielsweise auch nach einer Hirnhautentzündung oder Hirnverletzung auf.

Das Repertoire herausragender Fähigkeiten ist meistens beschränkt. Gewöhnlich betrifft es Talente der rechten Hirnhälfte, also vornehmlich nichtsymbolische, künstlerische, visuelle und motorische Begabungen. Dazu gehören Musik, bildende Kunst, Rechenfertigkeiten sowie eine Reihe weiterer Fähigkeiten, zum Beispiel mechanischer oder räumlicher Art. Im Gegensatz dazu steht die linke Hirnhälfte für Fähigkeiten, die eher sequenziell, logisch und symbolisch sind, darunter Sprache und Sprechen.

Die meisten Menschen mit musikalischer Inselbegabung besitzen ein absolutes Gehör und spielen mit verblüffender Leichtigkeit Musikins-trumente, überwiegend Klavier. Einige sind sogar in der Lage, schwierige Werke zu komponieren. Aus irgendeinem Grund geht ihre musikalische Begabung – wie im Falle von Lemke – anscheinend oft mit Blindheit und geistiger Behinderung einher. Eines der bekanntesten Beispiele war "Der blinde Tom" Bethune, der von 1849 bis 1908 lebte. Zu seiner Zeit feierte man ihn als "das achte Weltwunder". Obwohl er keine hundert Wörter sprechen konnte, spielte er ganz wunderbar mehr als 7000 Stücke auf dem Klavier, viele davon selbst komponiert. (Kürzlich nahm der Musiker John Davis einige von Bethunes Kompositionen auf und brachte sie als CD auf den Markt.)

Wenn Menschen mit Savant-Syndrom bildend künstlerisch veranlagt sind, drücken sie sich mit unterschiedlichen Mitteln aus, am häufigsten jedoch in Zeichnungen und Skulpturen. Eine verblüffende Leistung vollbringt Alonzo Clemons: Der Künstler kann zum Beispiel innerhalb von weniger als zwanzig Minuten die perfekte Replik eines Tieres erstellen, das er nur flüchtig auf dem Fernsehbildschirm gesehen hat. Jedes Detail seines Wachsmodells stimmt haargenau – jede Faser, jeder Muskel ebenso wie die Proportionen.

Die mathematisch begabten Savants können unglaublich schnell rechnen und haben oft ein besonderes Faible für Primzahlen. Erstaunlicherweise ist das so genannte Kalenderrechnen, wie Peek es beherrscht, nicht auf Menschen mit mathematischen Inselbegabungen beschränkt, sondern tritt anscheinend mit vielen unterschiedlichen Fähigkeiten gepaart auf.

Lernen ohne zu begreifen

Andere Leistungen sind seltener zu beobachten, etwa die Fähigkeit, viele fremdsprachige Wörter und Phrasen auswendig zu lernen, ohne sie jedoch zu verstehen. Dazu gehören auch herausragende Kenntnisse in Gebieten wie Geschichte, Neurophysiologie, Statistik oder Navigation. Eine verstärkte Sensibilität für Gerüche, taktile oder visuelle Reize kommt ebenfalls vor. Unter die eher seltenen Talente fallen auch besondere räumliche Fähigkeiten. Die musikalisch begabte, blinde Ellen kann beispielsweise in einem dichten Wald ihren Weg finden, ohne irgendwo dagegen zu laufen. Ihre Savant-Talente erstrecken sich auch auf ein perfektes Zeitgefühl. Entdeckt wurde es, als Ellens Mutter ihr eines Tages erlaubte, sich die "Dame von der Zeitansage" im Telefon anzuhören. Anscheinend stellte Ellen ihre innere Uhr danach, als sie eine kurze Weile der automatischen Zeitansage gelauscht hatte. Seitdem kann sie jedenfalls ohne Uhr auf die Sekunde genau sagen, wie spät es gerade ist – zu jeder Jahreszeit.

Inselbegabungen hängen stets mit einem ungewöhnlichen Gedächtnis zusammen: eng fokussiert und tiefgehend, aber rein schematisch und praktisch ohne inhaltliches Verständnis für die Sache. Einige frühe Beobachter sprachen treffend von einem "Gedächtnis ohne Begreifen". Down selbst benutzte den Ausdruck "verbale Adhäsion". Einer seiner Patienten war ein Junge, der das sechsbändige Werk "Geschichte des Verfalls und Untergangs des Römischen Reiches" des britischen Historikers Edward Gibbon gelesen hatte und Wort für Wort vortragen konnte, ohne auch nur etwas davon zu verstehen.

Obwohl Menschen mit Inselbegabungen viele Talente, etwa ein gutes Gedächtnis, gemeinsam haben, unterscheiden sie sich enorm im Grad der Ausprägung. Einige von ihnen konzentrieren sich auf triviale Dinge wie das Auswendiglernen von Sportstatistiken oder Autokennzeichen und erreichen dabei gewisse Erfolge. Talentiertere Personen haben musikalische oder künstlerische Fähigkeiten, die deutlich über dem liegen, was man von Menschen mit ihrer Behinderung erwarten würde. Nur wenige entwickeln jedoch so he-rausragende Eigenschaften, dass diese auch bei einem nicht behinderten Menschen auffielen. Heu-te dürften weniger als fünfzig Personen weltweit mit derartigen Inselbegabungen bekannt sein.

Welches besondere Talent auch immer einen Savant auszeichnet – meist begleitet es ihn sein ganzes Leben. Regelmäßiger Gebrauch unterstützt die Fähigkeit und kann sie manchmal sogar noch verbessern. Und in fast allen Fällen blieben die Begabungen trotz aller Befürchtungen erhalten, wenn die Person Sprache, soziales Verhalten und Alltagsfähigkeiten erwarb. Tatsächlich helfen die Begabungen den Menschen häufig, sich eine Art geregelten Tagesablauf oder ein normales Leben aufzubauen.

Wenn auch Experten inzwischen die Fähigkeiten von Menschen mit Inseltalenten besser charakterisieren können, gibt es dennoch keine umfassende Theorie, die beschreibt, wie und warum diese Personen tun, was sie tun. Den erfolgreichsten Modellen zufolge veranlasst eine Schädigung der linken Hirnhälfte die rechte Hälfte, den Verlust auszugleichen. Seit mehreren Jahrzehnten deuten Hinweise in diese Richtung. Bei einer 1975 durchgeführten pneumo-enzephalografischen Untersuchung an 17 autistischen Patienten wiesen allein 15 davon Schäden in der linken Hirnhälfte auf. (Dies war ein schmerzhaftes bildgebendes Verfahren, bei dem ein Arzt Luft als Röntgen-Kontrastmittel in die Flüssigkeit einbrachte, die das Gehirn umgibt und seine Hohlräume füllt. Die Technik wird mittlerweile nicht mehr angewandt.)

Weiteren Rückhalt erhielt die Theorie durch eine Studie von T.L. Brink aus dem Jahre 1980. Der Psychologe vom Crafton Hills College in Kalifornien beschrieb darin den dramatischen Fall eines neunjährigen Jungen, der nach einer Schussverletzung der linken Hirnhälfte stumm, taub und rechtsseitig gelähmt war. Nach dem Unglück entwickelte das Kind eine ungewöhnliche mechanische Inselbegabung: Er konnte Fahrräder mit Gangschaltungen reparieren und machte technische Erfindungen, wie einen Sandsack, der pendelte und wippte wie ein richtiger Box-Gegner.

Auch die Ergebnisse von Bernard Rimland vom Autism Research Institute in San Diego sprechen für einen Zusammenhang zwischen Veränderungen der linken Hirnhälfte und dem Savant-Syndrom. Rimland unterhält die größte Datenbank der Welt über autistische Menschen, mit mehr als 34000 Patienten. Er stellte fest, dass die Inselbegabungen von Autisten meistens Funktionen der rechten Hirnhälfte betreffen, während ihre am schlechtesten entwickelten Fähigkeiten mit der linken Hirnhälfte in Verbindung stehen.

In den späten 1980er Jahren lieferten Norman Geschwind und Albert M. Galaburda eine denkbare Erklärung für einige Ursachen der linksseitigen Hirnschädigungen – und für die relative Häufigkeit von Inselbegabungen bei Männern. Die beiden Neurologen von der Harvard-Universität wiesen darauf hin, dass die linke Hirnhälfte ihre Entwicklung normalerweise später abschließt als die rechte Hälfte. Damit unterliegt sie längere Zeit allen möglichen vorgeburtlichen Einflüssen, von denen manche schädlich sein können.

Im männlichen Fetus kann zirkulierendes Testosteron als einer dieser ungünstigen Faktoren wirken, indem es in der empfindlicheren linken Hirnhälfte das Wachstum verlangsamt und die neuronalen Funktionen beeinträchtigt. Infolgedessen kompensiert die rechte Hirnhälfte öfter den Ausfall bei Männern, wird größer und dominanter. Nicht nur beim Savant-Syndrom ist ein Ungleichgewicht zu Lasten des männlichen Geschlechts zu verzeichnen, sondern auch bei anderen zentralnervösen Fehlfunktionen wie Legasthenie, verzögertem Sprechen, Stottern, Hyperaktivität und Autismus.

Ausgleichende Gerechtigkeit?

Neuere Ergebnisse über viel spätere Schädigungen der linken Hirnhälfte weisen interessanterweise ebenfalls in diese Richtung. 1998 untersuchte Bruce L. Miller von der Universität von Kalifornien in San Francisco fünf ältere Patienten mit frontotemporaler Demenz (FTD), einer frühzeitigen Einbuße an geistigen Fähigkeiten, bedingt durch Störungen in Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns (Kasten unten). Diese Patienten hatten parallel zum Auftreten und Fortschreiten ihrer Demenz künstlerisches Talent entwickelt. Sie waren in der Lage, akribisch genaue Kopien von Kunstwerken herzustellen und konnten wunderbar malen. Wie bei Personen mit dem Savant-Syndrom verfügten sie über eine visuelle, keine verbale Begabung. Messungen mit einem modernen bildgebenden Verfahren, das die Hirndurchblutung erfasst, ergaben vor allem linksseitige Schäden. Gleiches stellte Miller dann bei sieben weiteren Patienten fest, die nach dem Beginn der Erkrankung musikalische oder andere künstlerische Fähigkeiten entwickelt hatten.

Zusammen mit Kollegen verglichen er und Craig Hou von der Washington University die Bilder der Demenz-Patienten mit jenen eines neunjährigen, künstlerisch veranlagten Autisten mit dem Kürzel DB. Bei ihm war der Neocortex teilweise besser, der linke Schläfenlappen hingegen schlechter durchblutet. Die "Neuhirnrinde" ist an höheren kognitiven Funktionen beteiligt, der Schläfenlappen hingegen hat mit gewissen Aspekten des Gedächtnisses und mit Emotionen zu tun. Miller hofft, weitere Personen mit künstlerischen Inselbegabungen überprüfen zu können. Denn der Umstand, dass ältere Patienten mit frontotemporaler Demenz, die neue Talente entwickelt haben, die gleichen pathologischen Befunde aufweisen wie der neunjährige DB, ist schon ziemlich bemerkenswert. Es ist gut möglich, dass Forscher demnächst in der Lage sein werden, die neurologischen Besonderheiten des Savant-Syndroms präzise zu benennen.

Schwieriger wird es wahrscheinlich, das scheinbar grenzenlose Gedächtnis von Savants physiologisch zu charakterisieren. Mortimer Mishkin vom National Institute of Mental Health in Bethesda (Maryland) hat hierfür eine Unterteilung der neuralen Schaltkreise vorgeschlagen. Danach wäre ein höherer Schaltkreis zwischen der Hirnrinde und dem tiefer gelegenen limbischen System zuständig für das so genannte semantische Gedächtnis, das als Wissens- oder Faktengedächtnis fungiert. Ein niederer Schaltkreis zwischen Hirnrinde und einem als Streifenkörper bezeichneten Hirnkern wäre für das – ursprünglichere – Gewohnheitsgedächtnis verantwortlich, das fachlich meist prozedurales Gedächtnis genannt wird. Wenn wir beispielsweise Fahrrad fahren, ohne über das Wie nachdenken zu müssen, dann ist diese Funktionseinheit im Spiel. Die Gedächtnisleistungen beim Savant-Syndrom scheinen von eben dieser Art zu sein.

Dieselben Faktoren, die Schäden in der linken Hirnhälfte verursachen, könnten auch die höheren Gedächtnis-Schaltkreise mitschädigen. Was hieße, dass Menschen mit Savant-Syndrom sich auf die ursprünglicheren, aber verschonten Schaltkreise des prozeduralen Gedächtnisses stützen müssten. Möglicherweise lassen Hirnschäden – gleich ob nun durch Hormone, Krankheiten, vorgeburtliche oder spätere Verletzungen bedingt – in einigen Fällen gewisse Fertigkeiten der rechten Hirnhälfte entstehen, die mit dem prozeduralen Gedächtnis zusammenhängen. Unter diesen Umständen könnte dann das Savant-Syndrom auftreten.

Das Geniale in uns anzapfen

Neu auftauchende Inselbegabungen bei dement gewordenen Personen werfen die grundlegende Frage auf, welche verborgenen Talente in jedem von uns schlummern. Entsprechend bemühen sich einige Forscher, das hervorzulocken, was sie den "kleinen Rain Man in jedem von uns" nennen. Ein dabei eingesetztes experimentelles Verfahren ist die wiederholte transcraniale magnetische Stimulation. Es arbeitet mit starken lokalen Magnetpulsen, welche die Nerventätigkeit beeinflussen, sie teils lahm legen, teils fördern.

Tracy Morell von der University of South Australia, Robyn L. Young von der Flinders University in Adelaide und Michael C. Ridding von der Adelaide University beeinflussten mit solchen Magnetpulsen jene Region des linken Schlä-fenlappens, die bei FTD-Patienten geschädigt war. Nur zwei der 17 getesteten gesunden Freiwilligen entwickelten vorübergehend mehrere Talente, wie Kalenderrechnen, künstlerische Fähigkeiten und ein verbessertes prozedurales Gedächtnis. Andere entdeckten sporadisch einzelne neue Begabungen an sich, die ebenfalls nur wenige Stunden anhielt. Die Wissenschaftler nehmen deshalb an, dass Inselbegabungen in der normalen Bevölkerung wie bei behinderten Personen nur zu einem geringen Prozentsatz vorkommen.

Dennoch glauben viele Experten an die Möglichkeit, das Geniale der Inselbegabungen anzapfen zu können. Allan Snyder und John Mitchell vom Centre for the Mind in Canberra, Australien, sind der Ansicht, diese Gehirnprozesse liefen in allen Menschen ab, würden jedoch durch anspruchsvolleres, begreifendes Denken überlagert. Autistische Menschen mit Savant-Syndrom, so folgern sie, haben privilegierten Zugang zu niederen Informationsebenen, die normalerweise nicht durch Introspektion erreichbar sind.

Auch wir meinen, dass jeder Mensch über einige der Schaltkreise und Voraussetzungen verfügt, die für Inselbegabungen spezifisch sind. Allerdings sind sie weniger zugänglich – zum Teil, weil unsere Gesellschaft eher auf Fähigkeiten der linken Hirnhälfte ausgerichtet ist. Dennoch kann man mitunter Elemente der Savant-Eigenschaften in sich selbst finden: in jenen Momenten, wenn man gerade den unerwarteten Durchbruch bei einer Sache schafft oder eine neue Fähigkeit an sich entdeckt. Manche Prozeduren liefern Hinweise auf riesige Mengen schlummernder Erinnerungen in jedem von uns. Zu Tage treten sie teils bei Hypnose oder unter dem Einfluss eines Entspannung vermittelnden Barbiturats, teils bei Hirnstimulationen während einer neurochirurgischen Operation. Auch Träume haben die Macht, diese Erinnerungen zu wecken oder neue Fähigkeiten zu befördern.

Kein Modell von der Arbeitsweise des Gehirns ist vollständig, solange es nicht das seltene Savant-Syndrom erklären kann. Jetzt, da es Techniken gibt, die Struktur und Funktion des Gehirns auch ohne äußere Eingriffe zu untersuchen, können entsprechende Studien mit detaillierten neuropsychologischen Tests bei solchen Menschen kombiniert werden. Wir hoffen, dass der anekdotische Charakter der Fallstudien, wie er im vergangenen Jahrhundert typisch für die wissenschaftliche Literatur auf diesem Gebiet war, bald ersetzt wird durch Vergleiche zwischen verschiedenen Gruppen, behinderter wie nicht behinderter, mit unterschiedlich stark ausgeprägten Begabungen.

Das Savant-Syndrom bietet einzigartige Einblicke ins Gehirn, gerade was die strittige Frage anbelangt, ob es nur eine einzige allgemeine oder viele verschiedene Formen von Intelligenz gibt. Außerdem könnte es zum Verständnis der Mechanismen beitragen, die das Gehirn flexibel in seiner Entwicklung und Arbeit machen sowie Schäden kompensieren oder reparieren – alles Forschungsgebiete von immenser Bedeutung, um Erkrankungen wie Schlaganfall, Lähmungen und Alzheimer zu durchschauen und zu behandeln.

Doch die wissenschaftliche Seite des Savant-Syndroms ist nur das eine. Denn die Gesellschaft kann viel lernen von diesen bemerkenswerten Menschen und ihren ebenso bemerkenswerten Familien, Betreuern, Therapeuten und Lehrern. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dürfte sein, dass ihre Persönlichkeit bei weitem nicht durch die neuralen Vorgaben festgelegt ist. Vielmehr entwickeln sich Savants dank der Unterstützung, Zuversichtlichkeit, Beharrlichkeit und Liebe jener Personen, die für sie sorgen. Am Savant-Syndrom erfahren wir wohl mehr über das menschliche Gehirn und die Menschlichkeit als jemals zuvor.

Literaturhinweise


Hochbegabte, Wunderkinder und "Savants". Von Ellen Winner in: Intelligenz, Spektrum der Wissenschaft Spezial 3, S. 40, 1999.

Extraordinary People: Understanding Savant Syndrome. Von Darold A. Treffert. IUniverse. com, 2000.

Emergence of Artistic Talent in Frontotemporal Dementia. Von B. Miller, J. Cummings, F. Mishkin et al. in: Neurology, Bd. 51, Nr. 4, S. 978, 1. Oktober 1998.


Autismus und Inselbegabung


Seit dem Film Rain Man mit Dustin Hoffman als autistischem Raymond Babbitt ist diese Entwicklungsstörung einem breiteren Publikum vertraut. Erstmals beschrieben wurde sie 1943 von Leo Kanner an der Psychiatrischen Kinderklinik der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (Maryland).

Seine elf jungen Patienten hatten gewisse Eigenschaften gemein:

- Sie sonderten sich von der Außenwelt ab,

- wiederholten beispielsweise stereotyp einfache Laute, Sätze und Bewegungen,

- sträubten sich gegen jede Veränderung ihres gewohnten Umfeldes,

- besaßen merkwürdig eingeschränkte Interessen,

- neigten zu regelrecht ritualisierten Routinen,

- zeichneten sich durch Fähigkeiten aus, die angesichts der Defizite bemerkenswert erschienen. Kanner sprach von Inselbegabungen.

Als Heranwachsende gelang es einigen, sich sozial recht gut anzupassen. Dennoch blieben ihre Interessen eingeengt, ihre Fähigkeit zur Kommunikation und zu zwischenmenschlichen Beziehungen beeinträchtigt.


Mit dem Savant-Syndrom leben


Ein paar vereinzelten Berichten zufolge verlieren Menschen mit Savant-Syndrom ihre besondere künstlerische Begabung, wenn man sie ermutigt, besser sprechen zu lernen. Der bekannteste dieser Fälle ist wahrscheinlich Nadia, ein autistisches Mädchen, das im Alter von drei Jahren erstaunliche Bilder zeichnete. Als sie sieben wurde, kam sie auf eine Schule für autistische Kinder, die vorwiegend die sprachlichen Fähigkeiten förderte. Im Teenageralter konnte Nadia tatsächlich besser sprechen, dafür war sie aber nicht mehr in der Lage, brillante und komplizierte Zeichnungen anzufertigen.

Dieses Entweder-oder zwischen Begabung auf der einen und Sprache oder Sozialisation auf der anderen Seite haben wir in unserer Arbeit nicht beobachtet. Stattdessen haben sich die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Menschen mit Savant-Syndrom als eine Stärke erwiesen, auf die sie bauen und die sie als Ariadnefaden auf dem Weg zu einem normaleren Leben nutzen konnten. Das Talent hilft diesen Personen, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern, ihr Sprachvermögen zu erweitern und unabhängiger zu werden. Es gibt ihnen ein Gefühl von Erfüllung, das ihnen wiederum erlaubt, mehr am Geschehen in der Welt teilzunehmen. Der musikalisch talentierte Leslie Lemke wurde lebhafter, begann Konzerte zu geben und mit dem Publikum zu interagieren. Der autistische Maler Richard Wawro fühlt sich inzwischen glücklich und aufgeregt, wenn er eine Arbeit abgeschlossen hat, und liebt Feierlichkeiten. Gedächtniskünstler Kim Peek hat die soziale Isolation durchbrochen, in der er sich vor dem Film Rain Man befand. Jetzt fährt er durchs Land und spricht mit Hunderten von Schulklassen.

Glücklicherweise ist der Ansatz, sowohl die Inselbegabungen als auch die Fähigkeiten für ein normales Leben zu fördern, inzwischen ein anerkanntes Verfahren.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2002, Seite 44
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