Während ich in einem Baumstamm ein enges, zehn Zentimeter tiefes Bohrloch präpariere und Honig hineingieße, habe ich in Buschi neben mir zwar keine große Hilfe, aber einen äußerst aufmerksamen Zuschauer. Ort des Geschehens ist eine baumbestandene Freianlage für Menschenaffen im Zoo von Osnabrück. Kaum habe ich mich etwas entfernt, als Buschi nach kurzem vergeblichem Bemühen, die Süßigkeit mit den Fingern aufzustippen, zum nächsten Baum läuft und einen dünnen Ast abbricht. Zurück am Honigversteck beißt er sich daraus einen Stocherstab zurecht und tunkt ihn in das Loch (Bild 1).

Was Buschi hier tut – sich spontan ein Gerät zu basteln und es effektiv zu benutzen – galt lange als typisches Beispiel für die Werkzeugintelligenz von Schimpansen. Doch Buschi ist ein Orang-Utan.

Wir lernten uns kennen, als er noch kein halbes Jahr alt war. Seitdem hat er in verschiedenartigsten Experimenten gezeigt, was sein sich entwickelnder Verstand zu leisten vermag. Als Sechsjähriger hat er erstmals stellvertretend für seine Artverwandten etwas vorgeführt, das man bis dahin nur Schimpansen zugetraut hatte.

Selbst heute noch halten viele Forscher und Laien unsere nächsten Verwandten unter den Primaten für die intelligentesten Menschenaffen, sind sie doch in vieler Hinsicht am menschenähnlichsten – der zierlichere Bonobo oder Zwergschimpanse (Pan paniscus) anscheinend mehr noch als der Gemeine Schimpanse (Pan troglodytes). Nun stellt sich immer mehr heraus, daß der Orang-Utan (Pongo pygmaeus) seinen geistig beweglichen äquatorialafrikanischen Vettern an Findigkeit in nichts nachsteht; und allmählich beginnen wir zu verstehen, wieso die roten Menschenaffen Südostasiens uns so anders vorkommen. Wir können ihre Eigenart sogar viel besser deuten als die von Gorillas (Gorilla gorilla), die unter den Pongiden in dieser Hinsicht zur Zeit noch die meisten Rätsel aufgeben.

Daß man insbesondere den Orang-Utan in seiner Intelligenz unterschätzt hat, liegt großenteils am phlegmatischen, ausgesprochen unkommunikativen Verhalten erwachsener Tiere im Zoo. So lebhaft es bei den Schimpansen fast stets zugeht, so wenig ist im Gehege der Orangs los. Meist kauern sie nur reglos in einer Ecke, möglichst noch bis über den Kopf mit Holzwolle zugedeckt. In seinem natürlichen Habitat, den Regenwäldern Sumatras und Borneos, lebt der "Waldmensch" – nichts anderes heißt das malaiische orang-hutan – als Einzelgänger; insbesondere die erwachsenen Männchen gehen sich in der Regel aus dem Wege. Lediglich mit seinem Nachwuchs hält ein Weibchen jahrelang fest zusammen.

Dies erklärt zum einen, warum diese Menschenaffen in Intelligenztests oft so schlecht abschnitten: Ältere Individuen lassen sich einfach nicht zum Mitmachen bewegen. Nur im kindlichen Alter sind Orang-Utans kontaktfreudig und gehen auf den Experimentator ein.

Zum anderen haben erst langfristige Freilandstudien und Untersuchungen des Lebensraumes seit Ende der sechziger Jahre gezeigt, in welcher besonderen Weise sie ihre geistigen Fähigkeiten einsetzen und weshalb dies eine Anpassung an ihre Umwelt ist. Orang-Utans unterscheiden sich in ihrer Lebensstrategie deutlich von Schimpansen oder Gorillas: Als Einzelgänger benötigen sie andere soziale Taktiken als die gruppenlebenden Verwandten, und als größte baumlebende Säugerart (Gorillas und auch Schimpansen halten sich im Gegensatz zu ihnen viel auf dem Boden auf) müssen sie ökologisch und geographisch ausgesprochen kompetent sein, um sich in den höheren Etagen des tropischen Regenwaldes sicher und möglichst energiesparend zu bewegen und dennoch ausreichend zu versorgen. Orang-Utans sind darum ein eindrucksvolles Beispiel dafür, daß wir andere Lebewesen nicht anthropozentrisch bewerten, vielmehr sie von ihrer Evolutionsgeschichte und ihrer jetzigen ökologischen Einnischung her zu verstehen suchen sollten.


Herantasten an artfremde Intelligenz

Der Introvertiertheit der Orang-Utans im Zoo, ihrer mäßigen Ansprechbarkeit und geringen Neigung zu sozialen Kontakten steht ein auffallender Ideen- und Erfindungsreichtum gegenüber. Das betrifft auch den Umgang mit der Einrichtung ihres Geheges. Manche zwirnen sich aus Holzwolle Schaukelseile, andere zerreißen Säcke in Bahnen und knoten sich daraus Schnüre oder Hängematten; und beim Zoopersonal kursieren etliche Anekdoten über ihren scheinbar destruktiven Tatendrang, vor dem kein Schloß, kein Einbau sicher ist – so auch der Spruch: "Auf einen Orang kommen drei Klempner." Keinen erfahrenen Pfleger wundert es noch sonderlich, wenn sein starker Pflegling wieder einmal in einer Nacht die Kachelwand komplett nur mit dem Finger abgepult hat.

Die Orang-Utans des Osnabrücker Zoos haben mich oft mit unerwarteten Einfällen überrascht. Doch ob sie nun aus einem fest installierten, dicken Brett eine Latte herausbissen, die sie als Brechstange einsetzten, ob sie sich aus kurzen Stöcken, die sie mit Holzwolle umwickelten, einen langen schienten, mit dem sie eine Kette durch das Gitter zu zerren vermochten, ob sie aus einer Kletterstange mit den Zähnen lange, dünne Späne abzogen, die ihnen als Angelrute dienten, oder sich zum gleichen Zweck aus einem Autoreifen bis 13 Zentimeter lange Gummistreifen herausbissen, ob sie Zweige so lange zurechtkauten, bis ein Holzstück wie ein Vierkantschlüssel in das Steckschloß der Käfigtür paßte, oder ob sie mit den Lippen die Blattspreite von großen Salatblättern abzupften und die Mittelrippe wiederum als Angel benutzten – meist gelang es nicht, die Tiere im Experiment zum gleichen Verhalten zu bewegen.

Orang-Utans sind ihre eigenen Lehrmeister. Sie lassen sich auch nicht anleiten. Stur und hartnäckig probieren sie selbst so lange herum, bis sich der Erfolg einstellt. Nur die beiden Jungtiere, der zu Anfang meiner Untersuchungen noch sehr unsichere Buschi und der damals vierjährige, schon ziemlich geschickte Mano, ließen sich von mir lenken und machten bei meinen Experimenten mit.

Da langfristige Freilandbeobachtungen an Menschenaffen erst in den sechziger Jahren begannen, kannte man bis dahin ihr Verhalten nur aus Tiergärten. Die Möglichkeiten, ihnen Gehege einzurichten und sie sich abwechslungsreich betätigen zu lassen, waren aber wegen ihrer Größe, Körperkraft und Erfindungsgabe bei knappen Etats begrenzt. Erst in neuerer Zeit und unter Kenntnis ihrer geistigen Wendigkeit gestaltet man ihr Zoodasein abwechslungsreicher – gerade auch mit regelrechten Beschäftigungsprogrammen, die ihre mentalen Fähigkeiten fordern. So wird ihnen die Nahrung nicht mehr einfach vorgesetzt, sondern sie müssen sich dafür anstrengen. Honig in Ritzen von Kletterbäumen etwa bietet ihnen heute jedes große Menschenaffenhaus; in künstlichen Termitenhügeln wird anderes Futter versteckt, und Käferlarven müssen sie aus Plastikröhren oder hohlen Hölzern pulen, was nur mit Hilfe eines Stöckchens gelingt, das sie sich erst herrichten müssen.

Jahrzehntelang hatte man das kognitive Leistungsvermögen von Primaten in Verhaltenstests erforscht. Intelligenz ist ja nicht direkt zu sehen, sondern nur aus den Reaktionen auf gewisse Umstände erschließbar. Die Idee zu solchen Versuchen geht vor allem auf zwei Wissenschaftler zurück: den amerikanischen Psychologen Robert M. Yerkes (1876 bis 1956), den Begründer des dann nach ihm benannten Primatenzentrums in Atlanta (Georgia), und einen der Urheber der Gestaltpsychologie, den in Tallin (Estland) geborenen, in Deutschland und – von 1935 an – in den USA tätigen Wolfgang Köhler (1887 bis 1967). Die beiden Pioniere der Primatologie wiesen unabhängig voneinander erstmals einsichtiges Verhalten von Menschenaffen experimentell nach.

Köhler hat als Direktor der Anthropoiden-Forschungsstation der Preußischen Akademie der Wissenschaften auf Teneriffa zwischen 1913 und 1920 mit Schimpansen gearbeitet (Spektrum der Wissenschaft, Februar 1991, Seite 68) – außerdem aber experimentierte er, wie wir erst seit kurzem wissen, mit Orang-Utans. Diese Versuche erbrachten allerdings wenig Aufschluß, was zweifellos in der Lebensgeschichte der Tiere und nicht in einem artspezifischen Begabungsmangel begründet ist. Den Schimpansen legte er Leckerbissen außer Reichweite vor das Gitter oder hängte sie an die Decke und verteilte im Käfig Stöcke oder Kisten. Schon fast legendär ist, wie der junge Schimpanse Sultan sich mit einem Stock Bananen angelte, wie er ein andermal zwei Stäbe zusammensteckte und nun erst ein genügend langes Werkzeug hatte, oder wie er Kisten heranschleppte und übereinanderstapelte, dann den wackligen Turm erkletterte und die Frucht abpflückte.

Köhler wollte herausfinden, ob Menschenaffen "intelligentes Verhalten von der Art des am Menschen bekannten" zeigen würden. Das Besondere und Neue an seinen und Yerkes Versuchen war, daß die Menschenaffen vor Aufgaben gestellt wurden, deren Lösung sie allein finden konnten, und zwar nicht durch blindes Herumprobieren und allmähliches Einschleifen einer Erfolgsstrategie, sondern durch Einsicht in das Problem und Suche nach Hilfsmitteln, also im Prinzip durch einen schöpferischen Akt. Als Anzeichen für Einsicht deutete er insbesondere, wenn ein Individuum kurz innehielt und die Dinge nur betrachtete, bevor es dann – auf Anhieb – etwas Passendes, zum Ziel Führendes tat. Köhler hielt die Unterbrechung der Tätigkeit für eine Denkpause, in der das Tier sich die Lösung überlegte.

Ähnliches habe ich auch bei den Orangs beobachtet: Die Tiere saßen angesichts einer Leckerei, die ich weit vor dem Gitter auslegte, ruhig da, schauten von ihr weg zum Käfiginventar und holten sich erst nach dieser kurzen Besinnung das nötige Werkzeug, das sie manchmal sogar erst präparieren mußten – als hätten sie die Handlung zunächst geistig vorweggenommen.

Gegen Köhlers Deutung gab es allerdings auch Einwände. Die Menschenaffen – so das Hauptargument – würden die Lösung nicht durch Nachdenken finden, sondern vielmehr im Spiel entdecken, sozusagen mit den Händen statt mit dem Kopf. Auch dies habe ich bei den Orangs gesehen: Mano etwa erhielt mehrere kurze Stöcke und versuchte zuerst, mit einem eine Süßigkeit zu angeln, doch konnte das nicht gelingen. Er wandte sich schließlich ab und begann, nur mit den Stöcken zu hantieren. Als er plötzlich entdeckte, daß sie sich ineinanderstecken ließen, unterbrach er sein Spiel sofort, schaute kurz zu dem Bonbon, steckte die Stöcke fest zusammen, begab sich damit wieder an das Gitter und fischte sich nun die Leckerei. Sicherlich sind Lernerfahrungen, auch mehr oder minder absichtslos gewonnene, eine wichtige Voraussetzung für einsichtiges Handeln.

Aus heutiger Sicht erscheint Köhlers Ansatz als ungenügend, generell die Intelligenz von Menschenaffen zu erkennen, weil er nur deren quasi technische Komponente prüfte. Wieder waren es Schimpansen, die sozusagen ihrerseits den Primatenforschern beibrachten, auf andere Verstandesmerkmale zu achten, nämlich die sozialen. Opportunistische Koalitionen sowie Tricks und Täuschungsmanöver im Umgang mit Artgenossen belegen eindrucksvoll, daß die findigen Strategen ihre mentale Kapazität keinesfalls vorrangig zum Werkzeuggebrauch einsetzen, sondern für ihre Beziehungen in der Gruppe. Die Mittel, wie Schimpansenmänner nach Machtpositionen streben, erinnern an das von Moralvorstellungen nicht gehemmte Ränkespiel, das der italienische Politiker, Historiker und Schriftsteller Niccolo Machiavelli (1469 bis 1527) als Strategie zu Gewinn und Bewahrung unumschränkter Macht empfahl: "Der Fürst muß ein begabter Heuchler und Täuscher sein." In Anlehnung daran sprechen Primatenforscher von einer geradezu machiavellistischen Intelligenz bei diesen Tieren. Eine heute viel vertretene These ist denn auch, daß ihre hohe geistige Kapazität evolutionär im Sozialverhalten wurzele – und letztlich eigennützigen Zwecken diene wie andere scheinbar sozial motivierten Verhaltensstrategien auch.

Immer mehr verblüffende soziale Leistungen der Schimpansen kommen in den neueren Forschungen zutage. Eine der interessantesten Fragen ist mittlerweile, wie weit diese Kompetenzen wohl reichen – ob die Menschenaffen vielleicht sogar die geistigen Zustände, die Wünsche und Absichten von Artgenossen erfassen, also quasi deren Gedanken lesen und sich in sie einfühlen oder deren Vorstellungen für eigene Zwecke manipulieren können.

In dieser neuen Sicht umfaßt Intelligenz oder auch Einsicht mehrere geistige Fähigkeiten, die sich zum Teil überlappen und es deshalb so schwierig machen, solche schillernden Begriffe exakt zu definieren:

- die Fähigkeit, zu generalisieren und zu abstrahieren und so altes Können auf neue Situationen zu übetragen;

- die Fähigkeit, sich komplexe Gegebenheiten vorzustellen, sei es im Sinne eines Verständnisses für mechanische Werkzeugeigenschaften oder die Logik von Sozialbeziehungen, sei es im Sinne eines empathischen (einfühlenden) Verständnisses von Artgenossen;

- die Fähigkeit, auf der Grundlage vorhandener mentaler Vorstellungen neues Verhalten zu generieren, das heißt zu denken und zu planen.

Nach heutigem Wissen sind nur die Großen Menschenaffen auf solcherart umfassende Intelligenz spezialisiert; Tieraffen dagegen scheint sowohl das mechanische wie auch das empathische Verstehen zu fehlen (Spektrum der Wissenschaft, Februar 1993, Seite 88).


Grenzen des Artenvergleichs

Soviel Erstaunliches inzwischen über die geistigen Leistungen von Schimpansen bekannt ist, so zurückhaltend sollte man die wenigen Beobachtungen dazu an Orang-Utans bewerten. Schon viele der früheren Intelligenzvergleiche zwischen den Menschenaffen waren unbefriedigend, weil sie den Tieren nicht gerecht wurden.

Zum einen arbeitete man in der Regel mit sehr wenigen Individuen, deren Verhalten man als repräsentativ für die Art nahm. Das kann aber mitunter problematisch sein. Auch merkte ich bald, daß Orangs in vielen der klassischen Versuche aus anatomisch oder ökologisch bedingten Gründen und wegen ihres sozialtypischen Mangels an Motivation benachteiligt sind.

Allein schon ihr Körperbau ist so deutlich an das Baumleben angepaßt, daß sie sich auf einem glattem Käfigboden höchst unbeholfen bewegen. Sie suchen ihn denn auch nur ungern auf und rutschen mit vorgebeugtem Oberkörper auf dem Hintern herum. Am Boden zu laufen oder aufrecht zu sitzen, was Schimpansen mühelos tun, fällt ihnen schwer, ebenso sich auf die Hinterbeine aufzurichten, denn ihre ausgeprägten Greiffüße bleiben eingerollt, so daß sie auf der Fußaußenkante stehen, statt die Sohle aufzusetzen.

In der Kriechposition, die sie bei den Tests meist einnehmen müssen, haben sie nun einen denkbar schlechten Überblick über die Versuchsanordnung. Auch ihr spontanes Verhalten hindert sie daran, die experimentelle Anordnung erst einmal zu mustern; vielmehr neigen sie dazu, dargebotene Gegenstände gleich mit allen Vieren zu ergreifen und hineinzubeißen. Des weiteren lenken störende Objekte im Vordergrund, ein Gitter etwa, sie so stark ab, daß dies die Lernleistung beeinträchtigt. Darin zeigt sich wohl ebenfalls eine Anpassung an das Baumleben: Um Augenverletzungen zu vermeiden, müssen sie in ihrem Lebensraum unbedingt auf Äste und Zweige im Gesichtsfeld achten. Schon Köhler schrieb: "Ein Orang muß sich in fortwährendem Verstoß gegen seine Natur verhalten, wenn er sich aus Gründen der Vergleichbarkeit mit den Schimpansen auf dem freien Grundfeld der Intelligenzprüfungen bewegen muß. Mit einiger Übertreibung könnte man sagen, daß es dem Orang als Versuchsperson auf dem Boden manchmal ähnlich gehen wird wie dem Menschen, dessen gar nicht einsichtiges Verhalten geprüft wird, während er doch schwebt."

Besonders eindrucksvoll sind die Unterschiede im Neugier- und Spielverhalten. Alle Primaten haben eine angeborene Lerndisposition, die sich besonders auch darin zeigt; aber die Ausrichtung des Interesses kann doch anders sein. Zum Beispiel wurde gemessen, wie viele verschiedene Manipulationen sie mit einem für sie neuen Gegenstand, etwa einem Seil, anstellten. Von den Menschenaffen, die dabei erwartungsgemäß besser als Tieraffen abschnitten, fiel den Orang-Utans am meisten ein. Auch in der Qualität der Manipulationen waren Orangs führend, besonders viele Einfälle hatten sie für solche Hantierungen, die letztlich Grundlage jeden Werkzeuggebrauchs sind.

Diese Arteigenheit prägt sich mit zunehmendem Alter immer deutlicher aus. In der Kindheit spielen Orangs ebenso gerne wie Schimpansen mit Sozialpartnern. Dieses Interesse verliert sich bei ihnen aber allmählich, und besonders die Männchen werden Artgenossen gegenüber immer intoleranter. Ihr starkes Interesse für Objekte hingegen ist so frappant, daß man Orang-Utans als "Dingannäherungstiere" charakterisiert hat. Nach Untersuchungen von Biruté M. F. Galdikas und ihren Mitarbeitern, die im Tanjung-Puting-Nationalpark in Borneo seit 1971 wilde und ausgewilderte Orang-Utans beobachten, ist deren Manipulierverhalten ebenso komplex wie das symbolisch-vorbegriffliche Denken dreieinhalbjähriger Menschenkinder.

Zwar hatte schon Köhler bei Schimpansen die verschiedensten Arten von Werkzeuggebrauch gesehen, doch erst seit den Beobachtungen der englischen Forscherin Jane Goodall in Tansania seit Anfang der sechziger Jahre wissen wir, daß auch die freilebenden Artgenossen sehr oft Utensilien benutzen und sich diese im Bedarfsfall sogar herstellen. Beispielsweise fischen sie mit Stöcken Termiten aus deren Bauten oder Ameisen aus Baumhöhlen und angeln mit langen Ruten im Boden lebende Treiberameisen; sie verwenden Ästchen als Riechsonde, wischen sich mit Blättern sauber oder kauen sich daraus Schwämme, mit deren Hilfe sie Wasser aus Baumlöchern saugen. Westafrikanische Schimpansen übertrumpfen dies noch: Sie knacken mit dicken Aststücken und Steinen, die ihnen als Hammer dienen, sechs verschiedene Sorten harter Nüsse, wobei sie das Werkzeug passend zur Härte der Frucht wählen – oft nehmen sie sogar gleich den richtigen Hammer mit. Übrigens unterweisen die Weibchen ihren Nachwuchs in diesem Gebrauch.

Wilde Orang-Utans dagegen scheinen irgendwelche Objekte praktisch nicht als Mittel zum Nahrungserwerb zu benutzen. Die Pioniere der Freilandforschung – John McKinnon, der früher an der Universität Oxford war, David A. Horr vom Peabody-Museum für Archäologie und Ethnologie der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und Peter Rodman vom kalifornischen Primatenzentrum in Davis – beobachteten an wilden Orang-Utans nichts von dem, was sich mit dem vielseitigen Werkzeugverhalten wilder Schimpansen vergleichen ließe. Auch Biruté Galdikas hat in 15000 Stunden Beobachtung nie gesehen, daß Orangs bei der Futterbeschaffung ein Werkzeug verwendeten; nur einmal kratzte sich ein Orang-Mann mit einem Stöckchen am After. Ähnliches hat Jito Sugardjito gesehen, der heute am Nationalen Biologischen Institut in Bogor (Indonesien) arbeitet. Auf Sumatra beobachtete Herman Rijksen von der School of Environmental Conservation Management in Bogor, wie ein junges Männchen eine stachelige Frucht schützend mit einem Stück Holz anfaßte, das er aus 15 Metern Entfernung geholt hatte. Die jüngsten Freilandbeobachtungen des Holländers Chris Schürmann, jetzt Den Haag, und von John Mitani von der Universität von Michigan in Ann Arbor brachten diesbezüglich keine neuen Erkenntnisse. Nur bei Revier- oder Rangauseinandersetzungen werfen Orangs mit Ästen, die sie dazu eigens abbrechen, nach dem Feind oder Konkurrenten.

Orang-Utans scheinen mit ihrer Finger- und Beißkraft auszukommen, wo Schimpansen ein Hilfsmittel gebrauchen müssen. Termiten- oder Bienennester graben sie mit ihren großen Hakenhänden einfach aus dem Boden aus, ebenso wie Pflanzenknollen. Extrem hartschalige Früchte, die wir nur mit einer Machete zu öffnen vermögen, können sie zerbeißen. Notfalls nehmen sie eine Nuß zwischen die Backenzähne, die einen besonders dicken Zahnschmelz haben, und pressen den Kopf noch gegen einen Baumstamm, den sie dazu umarmen; dieser Trick hat den weiteren Vorteil, daß alle Krümel gleich im Mund landen. Die begehrten Durians, Früchte mit extrem stacheliger Schale (durian ist malaiisch für "Stachel"), entschärfen Orangs mit den Zähnen, andere Stachelfrüchte schleifen sie zum Beispiel an einem Baumstamm ab.

Meine Zoo-Orangs dagegen waren mit Werkzeugen aller Art genauso erfinderisch und flexibel wie Schimpansen. Ohne Anleitung gelang ihnen alles, was Schimpansen in den klassischen Tests gemeistert hatten: Sie bauten sich aus Kisten Türme, machten aus kurzen Stöcken, die sich zusammenstecken ließen, lange Angeln, und sowohl Buschi als auch Mano kauten sich einen Schwamm aus Blättern, als ich vor dem Käfig eine Dose mit Saft befestigte (Bild 2).

Wenn sie selbst Werkzeuge erfanden, reihten sie dabei sogar mehr Einzeltätigkeiten aneinander, als dies Köhler bei Schimpansen beobachtet hatte.

So spalteten sie dicke Holzstöcke in schlankere Späne, von denen sie zwei oder drei anspitzten, so daß die Enden in hohle Eisenstäbe paßten, die sich auf diese Weise zu einem langen Angelwerkzeug zusammenstecken ließen. Um beispielsweise eine in mehr als zweieinhalb Meter Höhe aufgehängte Leckerei zu erreichen, montierten die Tiere aus fünf solchen Eisenstücken einen zwei Meter langen Schlagstock. Versteckte ich die Einzelteile in der Freianlage ringsum hinter Bäumen, so suchten die Orangs so lange, bis sie das benötigte Set beisammenhatten (Bild 3).

Sie vermochten zudem mindestens ebensogut längere Handlungsketten im voraus zu planen, wie wir gleich sehen werden. Im Zoo Bristol hat ein Orang-Mann sogar Steinwerkzeuge selbst gemeißelt: Mit einem Hammerstein schlug er von einer Gesteinsknolle scharfkantige Splitter ab, mit denen er dann die Verschnürung einer Kiste zerschnitt. Gleiches hat man bei Gemeinen Schimpansen bislang nicht beobachtet, wohl aber kürzlich bei einem Bonobo.


Planvolles Handeln

Jürgen Döhl, der inzwischen an der Universität Bielefeld arbeitet, hat für Schimpansen Intelligenztests erdacht, mit denen sich klar prüfen läßt, ob das Tier tatsächlich den Handlungsablauf im vorhinein geistig strukturiert. In den offenen Versuchsaufbauten nach dem Prinzip Köhlers vermag der Menschenaffe sein Verhalten nämlich im Prinzip noch zu korrigieren, während er schon agiert. Er könnte beispielsweise mit einem Stock zuerst nur herumfuchteln und erst dabei darauf kommen, daß er damit schlagen muß, damit die Banane vom Haken an der Decke fällt. Wieweit er einsichtig handelt oder nach Versuch und Irrtum, läßt sich unter Umständen schwer ermessen.

Döhl dagegen konfrontierte seine Probanden mit einer Wahlsituation. Er stellte verschiedene Kästen mit komplizierten Verschlüssen auf, in denen jeweils sichtbar ein Werkzeug lag, mit dem sich eines der Schlösser öffnen ließ. In einem der Kästen lag eine Belohnung. Um an sie heranzukommen, mußte das Tier die Kästen in einer bestimmten Reihenfolge öffnen – also gewissermaßen einem Umweg folgen. Falsche Lösungswege, die praktisch auch möglich waren, führten nicht zum Ziel.

Ein Schimpanse hatte diese Aufgaben mit immer neuen Kombinationen und unter wechselnden Bedingungen souverän gemeistert. Gleiches wollten wir an den Orangs testen. So machten wir den sechsjährigen Buschi mit den Schlüssel-Schloß-Kombinationen vertraut (auch der Schimpanse hatte die einzelnen Mechaniken zuvor ausprobieren dürfen). Buschi saß dann in den Tests zunächst sekundenlang still, manchmal fast eine halbe Minute lang, was für einen Orang-Utan, der gerne alles sofort im Wortsinne begreift, schon eine achtbare Leistung ist. Nur mit Kopf- und Augenbewegungen verriet er, daß es in ihm arbeitete und er die einzelnen Möglichkeiten durchmusterte. Dann führte er die Manipulationen zügig durch und gelangte ohne zu Stocken zum Ziel (Bild 2 rechts).

Umfassender als im allgemeinen die Tieraffen vermögen Menschenaffen ihre Einsichten zu generalisieren und auf neue Situationen zu übertragen. Übertrieben ausgedrückt könnte man das Denkvermögen von Pavianen oder Rhesusaffen als eine Art punktueller Intelligenz bezeichnen, also als das Prinzip, eine bestimmte Lösung jeweils nur für eine bestimmte Konstellation parat zu haben, sich aber mit der Übertragung auf einen sehr ähnlichen Fall unter Umständen schwer zu tun. Die großen Menschenaffen – und da bilden Orang-Utans keine Ausnahme – haben breitere Zugriffsmöglichkeiten auf ihr Wissen.

Dies läßt sich besonders gut an der Herstellung und Handhabung von Werkzeugen erkennen. Die Orang-Frau Suma etwa dürfte oft schon Späne aus dem Futterbrett zu verschiedenen Zwecken herausgebissen haben. Das tat sie auch zielsicher und rasch, als ich Leckerbissen vor ihren Käfig legte – sie muß gewußt haben, wie das Problem zu lösen war. Außerdem halte ich für wahrscheinlich, daß sie den Umgang mit selbst verfertigten Angelstöcken bereits in dem großen baumbestandenen Freigehege gelernt hatte, in dem die Orangs sich viel aufhalten durften.

Ein Lösungsprinzip zu wissen bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, daß man sich den kompletten Handlungsablauf in allen Details auch tatsächlich vorstellt. Bis heute ist unklar, inwieweit Menschenaffen bei der Werkzeugherstellung überhaupt den Gebrauchswert des Objektes antizipieren können, denn viele der in Tests erforderlichen Manipulationen ließen sich auch einfach durch Versuch und Irrtum erklären.

Dennoch dürfte ein gewisses Problemverständnis vorliegen. Dies zeigte mir besonders Mano, als er vier lose Stockteile mit den Händen so zusammenhielt, daß zumindest optisch ein gerader, langer Stab entstand. Auch probieren die Tiere nicht blind herum, sondern prüfen nach jedem Arbeitsschritt, ob das entstehende Gerät der angestrebten Funktion näherkommt. Dieses Verhalten wirkt tatsächlich, als ob sie mitdächten.


Selbstbetrachtung

Im Jahre 1970 zeigte der Psychologe Gordon Gallup von der Universität des Bundesstaates New York, daß Schimpansen sich im Spiegel selbst zu erkennen vermögen. Dieses Experiment war ein Meilenstein in der Intelligenzforschung an Menschenaffen, denn es bewies erstmals, daß sie etwas für menschliche Denkoperationen und überlegtes Handeln Grundlegendes können: sich selbst betrachtend – sozusagen von außen – wahrzunehmen.

Die Tieraffen – Bärenmakaken und Rhesusaffen – dagegen, die Gallup ebenfalls über längere Zeit mit Spiegeln konfrontierte, lernten nicht, daß die tobenden, wütenden Wesen ihnen gegenüber nicht aggressive, angreifende Widersacher waren.

Ich selbst habe solche Versuche mit mehreren Primatenarten durchgeführt: mit Gibbons, Mandrills, Mantelpavianen, Bartaffen, Kapuzinern und Klammeraffen. Sie alle – selbst die Gibbons, die man zu den Kleinen Menschenaffen zählt – verhielten sich nicht im geringsten so, als ob sie sich erkannten; vielmehr bedrohten sie das Gegenüber oder suchten es mit Demutsgesten zu beschwichtigen.

Die Schimpansen dagegen, denen ich einen großen Spiegel vor das Käfiggitter hängte, benahmen sich nur anfangs ebenso, doch plötzlich hielten sie – offensichtlich verblüfft – inne und betrachteten nun das Bild, das sich ihnen bot, äußerst interessiert, wobei sie in der Regel ihren Körper verdrehten oder manipulierten. Ein Weibchen beispielsweise benutzte den Spiegel zu ausgiebigem Zähneputzen, ein anderes, um seine Menstruationsschwellung gründlich zu inspizieren.

Besonders eindrucksvoll verlief dieser Test jedoch mit den Orang-Utans. Der voll erwachsene Tuan, der sich generell völlig desinteressiert und apathisch gab, wenn ich ihn zu einem Intelligenztest verleiten wollte, wurde beim ersten Anblick seines Konterfeis sofort sehr tätig und lebhaft. Erregt begann er, vor dem Spiegel drohend zu imponieren und zu gähnen – wie bei der Konfrontation mit einem Rivalen. Dies währte aber nicht lange, dann kroch er wieder in seine Ecke und schielte allenfalls hin und wieder zu der irritierenden Erscheinung. Dort blieb er bei dem Experiment auch in den nächsten Tagen.

Nach einer Woche aber, als er dem Spiegelbild zuerst wieder gedroht hatte, hielt er plötzlich mitten in der Bewegung inne und öffnete und schloß nun sehr langsam den Mund – achtmal hintereinander, wobei er äußerst konzentriert hinschaute. Anscheinend hatte er nun erfaßt, wen er da sah.

Dies bestätigte sich, als ihm der Pfleger später mit der Handfläche einen Farbfleck auf die Stirn tupfte, ohne daß er es merkte. Er stutzte, als er später wieder in den Spiegel sah, und rieb die Farbe ab (Bild 4, links und Mitte).

Auch die Orang-Frau Suma und der Halbstarke Mano müssen sich selbst erkannt haben. Suma untersuchte zunächst mit einem Stab den Spiegelrahmen. An den folgenden Tagen vollführte sie – immer mit Blick zum Spiegel – akrobatische Turn- und Tanzübungen und schnitt Grimassen, wobei sie die ulkigsten Laute von sich gab. Dann entdeckte sie das Schmücken: Sie holte sich ein Salatblatt und legte es sich vor dem Spiegel auf den Kopf (Bild 4, rechts). Wie Tuan und später Mano war sie über einen Farbfleck auf der Stirn verdutzt und putzte sich vor dem Spiegel sauber.

Gallup war der Ansicht, das Verhalten vor dem Spiegel beweise, daß Schimpansen eine Art Selbstbewußtsein hätten. Nach seiner Meinung ist sich ein Lebewesen seiner selbst bewußt, sowie es selbst zum Objekt seiner Aufmerksamkeit wird. Diese Auffassung ist nicht unumstritten. So meinen die Kritiker, das Selbsterkennen bedeute nur ein besonders ausgeprägtes Körperbewußtsein.

Doch vielleicht ist das Verhalten der Menschenaffen angesichts ihres Spiegelbildes nicht nur ein Indiz für Selbstbewußtsein, sondern sogar allgemeiner dafür, daß ihr Verstand auf einer bestimmten, übergeordneten Abstraktionsebene operiert, was außer ihnen wohl nur dem Menschen möglich ist. Norbert Bischof von der Universität Zürich argumentiert, daß dem Selbsterkennen ein Begreifen von synchroner Identität zugrunde liegt, also die Kompetenz, sich beispielsweise vorzustellen, daß ein Objekt auch an einen anderen Ort verschoben werden könnte und trotzdem immer noch dasselbe bleibe. Dies ist auch die Voraussetzung für Werkzeugintelligenz: Der Orang kann sich in seiner Phantasie ausmalen, daß die Kiste sich unter die Banane an der Decke schieben läßt und sich dann immer noch zum Draufklettern eignet – ebenso wie er von sich selbst zu denken vermag, daß er auf diesem Untersatz weiter nach oben reicht. Beim Spiegel wird diese Gleichsetzung noch mit einer Wahrnehmung verknüpft. (Auch Menschen müssen lernen, was sie sehen, wenn sie mit ihrem Konterfei konfrontiert sind; bei Kindern reift ein solches Vorstellungsvermögen erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres.)

Nun schafft diese Kompetenz die Voraussetzung für entscheidende geistige Entwicklungen, insbesondere für die Sprache, die ein Symbol für eine Sache setzt. Vor allem aber lenkt sie das Sozialverhalten in völlig neue Bahnen, indem sie ermöglicht, das Innenleben eines Artgenossen zu verstehen, sich also in dessen Situation zu versetzen (Empathie zu empfinden). Es gibt Indizien dafür, daß Menschenaffen dies können.

Inwieweit Menschenaffen ein Kommunikationssystem erlernen können, daß unserem Umgang mit Sprache entspricht, ist noch umstritten. Daß sie ein Grundverständnis für Symbolik haben, scheint vielen Wissenschaftlern sehr wahrscheinlich.

Dafür sprechen auch die Beobachtungen an dem Orang Chantek (malaiisch für "schön"), den Lyn Miles von der Universität von Tennessee in Knoxville in einem parkähnlichen Gelände aufzog. Er gebraucht 140 Symbole der amerikanischen Taubstummen-Zeichensprache sinnvoll, wobei er gleichermaßen mit den Füßen wie mit den Händen gestikuliert, was ihm niemand gezeigt hat. Wenn er den Namen eines neuen Objekts nicht kennt, streckt er seiner Lehrerin die Hände entgegen – eine Aufforderung, sie ihm richtig zu formen. Und er gebraucht von allein mehrere Zeichen in Folge.

Auch um seine menschlichen Partner zu täuschen, benutzt er die Symbolsprache, so das Zeichen für "schmutzig", wenn er im Bad nur spielen möchte, was er eigentlich nicht darf. Läßt man ihn im Glauben, den Trick nicht durchschaut zu haben, und folgt ihm dann dorthin, setzt er sich – ohne Resultat – auf die Toilette.


Ökologische Experten

Wozu nun brauchen Orang-Utans solche Art von Intelligenz? Die Frage nach der Zweckursache, nach den Selektionsfaktoren der Intelligenz, läßt sich nur durch verhaltensökologische Forschung an wilden Orang-Utans beantworten.

Ihr evolutionärer Wanderweg führte diese Menschenaffen aus dem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Indochina über die malaiische Halbinsel in einen Lebensraum, der während des Pleistozäns je nach Meeresspiegelhöhe in seinen Grenzen schwankte: Sundaland, einmal einheitliche Landmasse, einmal Inselwelt, immer aber Tropenwald, zerteilt durch unzählige Flüsse, welche die Orang-Utans nur am schmalen Oberlauf überqueren konnten. Von der Südspitze der malaiischen Halbinsel erreichten sie Sumatra, von dort Borneo und Java. Heute leben sie nur noch in Reliktarealen Nord-Sumatras und Borneos. Durch den Feinddruck des Menschen wurde ihre Verbreitung seit deren Erscheinen immer mehr eingeengt, und inzwischen muß man um ihr Überleben fürchten.

Die ersten Freilandbeobachtungen machten glauben, daß Orang-Utans im Regenwald ein eintöniges, dumpfes Dasein fristeten: Fressen, Rasten, Fressen, Schlafen – tagaus, tagein im gleichen Rhythmus – schienen ihre einzigen Unternehmungen.

Dieses Lebensbild war gründlich falsch. Die neuere Forschung offenbart immer mehr, wie kompliziert und anspruchsvoll die Existenz eines so großen baumlebenden, fruchtfressenden Säugetiers ist.

Nicht nur sind Orangs die schwersten Tiere mit dieser Lebensweise – sie behaupten sich auch in einem der artenreichsten Ökosysteme der Erde. Der malaiische Regenwald beherbergt wesentlich mehr Spezies als der afrikanische. Nach 60 Millionen Jahren ununterbrochener Evolution wachsen dort mehr als 600 Baumarten (ein Mischwald gemäßigter Breiten hat nur 34), davon allein 73 Arten aus 14 Gattungen von Feigen, deren Früchte eine wichtige Nahrung des Orangs sind. Insgesamt beherbergt beispielsweise Borneo reichlich 10000 Pflanzenspezies (in Großbritannien sind es 1408).

Wie die Orangs sich daraus ihre Nahrung zusammenstellen wirkt, als würden sie sich an einem ausgeklügelten Diätplan orientieren. Selbst reife Feigen vertilgen sie keineswegs wahllos, wann und wo immer sie welche finden, sondern anscheinend mit System. Außerdem verzehren sie die Früchte von 160 weiteren Pflanzen und insgesamt etwa 400 verschiedene Pflanzenteile. Die Angaben über das Nahrungsspektrum schwanken allerdings zum Teil extrem zwischen den verschiedenen Wohngebieten.

Orangs verhalten sich aber, als wüßten sie nicht nur, welche Teile einer Pflanze besonders nahrhaft und welche giftig sind, sondern auch, wo sich die für sie wichtigen Natriumsalze oder die essentielle Aminosäure Tryptophan anreichern und von welchen Früchten man besser nur die Samen kaut, die Schale wegen der vielen unverdaulichen Faser- oder Gerbstoffe aber besser ausspuckt. Und sie sorgen für eine ausgewogene Mischung von Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten.

All diese erstaunlich genauen Unterscheidungen zwischen ähnlichen Pflanzen oder deren Teilen treffen erwachsene Tiere nur mit den Augen, nie durch Ausprobieren. Die Komplexität ihres Verhaltens läßt sich noch gar nicht ermessen, weil wir über die meisten Inhaltsstoffe der ausgewählten Nahrung bisher kaum etwas wissen. Man darf annehmen, daß die Tiere solche Erfahrungen in der Jugend während des langen Zusammenlebens mit der Mutter erwerben.

Wie erwähnt, machen sie dabei von Werkzeugen so gut wie gar nicht Gebrauch. Sogar in menschlicher Obhut aufgezogene Tiere, die in den ursprünglichen Lebensraum eingewöhnt wurden, praktizieren allenfalls zu Beginn noch ihre früheren Tricks aus dem Zoo und geben sie in dem Maße auf, wie sie die Alltagsroutinen ihrer wilden Artgenossen annehmen.

Trotzdem haben sie durchaus intelligente Lösungen, sich Nahrung zu ergattern und Früchte je nach Erfordernis aufzupulen oder zu schälen. Viele solcher Manipulationen sind kompliziert und zeitaufwendig. Baumameisen überlisten sie regelrecht, indem sie die Blattmasse samt Nest mit der Hand vom Ast abstreifen, sie zusammendrücken und dadurch, daß sie die Faust langsam wieder etwas öffnen, ein Insekt nach dem anderen in die vorgestülpte Unterlippe gleichsam entfliehen lassen.

Sich als großer Primat in dem artenreichen malaiischen Regenwald von Früchten zu ernähren erfordert außerdem eine hervorragende räumliche Orientierung und ein zeitliches Vorstellungsvermögen. Bäume derselben Art stehen oft weit verstreut, und zudem sprießen, blühen und fruchten sie selten synchron. Manchmal trägt ein Exemplar erst nach zehn Jahren wieder, dann aber vielleicht gleich zweimal innerhalb weniger Monate. Auch ein Feigenbaum voller Früchte, die aber mangelhaft entwickeltes Fruchtfleisch haben, ist nicht selten.

Die Orang-Utans scheinen trotzdem stets informiert zu sein, wo gerade eine Ernte ansteht – selten machen sie sich umsonst zu einem Ort auf. Vielleicht können sie im Vorbeikommen abschätzen, wie lange es noch dauern wird, bis die Früchte reif sind.

Freilandforscher verblüffen sie immer wieder dadurch, wie gut sie Passagen durch den scheinbar undurchdringlichen Dschungel kennen. Die Landmarken und die Geographie ihres Lebenraumes scheinen sie präzise im Kopf zu haben. Offenbar benutzen sie seit Generationen dieselben Routen durch die Baumwipfel und wissen jederzeit die kürzeste Strecke. Woran sie sich dabei orientieren und wie sie etwa Termitennester oder Wasserlöcher in Baumhöhlen aufspüren, ist noch ziemlich rätselhaft.

Bei ihren Tagestouren benehmen sie sich, als würden sie kalkulieren, wann eine Ressource den energetischen Aufwand lohnt. Anders als etwa Schimpansen, die beim Fressen oft täglich mehrere Futterstellen aufsuchen und überall kleinere Mahlzeiten zu sich nehmen, fressen Orangs bei reichem Angebot ununterbrochen bis zu acht Stunden im selben Baum. Sie legen sich so regelrechte Fettdepots zu, womit sie kargere Zeiten überbrücken, wenn sie nur wenig Protein aus jungen Blättern und Zucker lediglich aus dem Saft von Baumrinden gewinnen können. Ihre typische Gesichtsform mit vorspringender Oberkieferfront und spatelförmigen mittleren Schneidezähnen ist eine uralte Adaptation an das Rindenschälen.

Diese Anpassungen in Anatomie und Physiologie garantieren eine optimale Nahrungsausbeute aber nur in Verbindung mit hoher mentaler Kapazität: sowohl Erinnerungsvermögen als auch Voraussicht, Phantasie und dem Berücksichtigen von momentan nicht faßbaren Ereignissen sowie dem Einbeziehen relativ vieler Größen gleichzeitig, raschen Auffassen und Entscheiden und einer hohen Flexibilität im Verhalten, auch für ein und dasselbe Ziel.

Gerade solche Fähigkeiten werden in der Regel mit den klassischen Intelligenztests geprüft. Es wundert nicht, daß Menschenaffen dabei mit ihren Leistungen oft verblüfften – nur daß eben Orang-Utans ihre dabei nicht demonstrieren mögen. Ein konstruierter Labyrinthtest ist geradezu simpel im Vergleich zum Labyrinth des Regenwaldes wie auch die Tagesroutine im Zoo gegenüber den Rhythmen und Überraschungen der Wildnis (Bild 6).

Die opportunistisch-wählerische Nahrungsbeschaffung ist ein Schlüsselfaktor bei der Intelligenz-Evolution der roten Menschenaffen, so das Fazit der Feldforscher: Für einen baumlebenden und fruchtfressenden Primaten vom Körpergewicht des Orang-Utans ist effizienter Nahrungserwerb in einer äußerst komplexen Umwelt das Problem und Intelligenz die Lösung. Mit ihrem guten Gedächtnis und ihrem überlegenen geistigen Kombinationsvermögen haben diese Tiere sich ihre ökologische Nische in Konkurrenz mit Nashornvögeln, Baumhörnchen, Fledermäusen, Schweinsaffen, Gibbons und Siamangs geschaffen.


Einzelgänger aus Ökonomie

Ökonomische Planung bei der Nahrungssuche ist für diese schweren Tiere besonders wichtig. In ihrem Körperbau – mit überlangen Armen, starken Greifhänden und -füßen und extrem beweglichen Hüft- und Fußgelenken – sind sie so gut an das Baumleben angepaßt, daß wohl auch ihre näheren Vorfahren durchweg Baumtiere gewesen sein dürften; insofern sind die Orang-Utans die konservativsten Menschenaffen.

Auch ihre Vorliebe für reife Früchte ist ein stammesgeschichtlich altes Pongiden-Erbe. Weil sie nicht wie Schimpansen und Gorillas im Knöchelgang auf allen Vieren über den Boden weite Strecken wandern – allenfalls die schweren alten Männchen legen im typischen Faustgang größere Strecken auf dem Boden zurück –, sondern sich durch die Äste hangeln, erfordern Ortswechsel zur Futtersuche vergleichsweise viel Bewegungsenergie, die sie durch kurze Wege so gering wie möglich halten müssen. So sind ihre Wohngebiete kleiner und ihre Tagesrouten kürzer als die von Schimpansen.

Feldprimatologen haben errechnet, daß Orangs besonders viel Intelligenz im Zusammenhang mit der Fortbewegung einsetzen. Als man über eine längere Phase sämtliche von ihnen überhaupt gezeigten Verhaltensweisen analysierte, entfielen zwar direkt darauf nur 15 Prozent, aber in diesem Funktionsbereich waren 70 Prozent sämtlicher kognitiven Handlungen – also des als intelligent einzustufenden Tuns – aufgetreten. So ließ ein von einem Artgenossen verfolgtes Tier die Liane, an der es sich soeben in die nächste, etwas entfernte Baumkrone geflüchtet hatte, nicht zurückschwingen, sondern band sie fest, und der Widersacher konnte ihm tatsächlich nicht folgen. Oder eine Orang-Mutter knickte an einem Wasserlauf Pflanzen zu einer Brücke zurecht, über die ihr Kind bequem das andere Ufer erreichte.

Zum Passieren von Baumlücken verfügen Orangs über viele Klettertechniken, eine akrobatischer als die andere. Wachsen beispielsweise starke Kletterpflanzen dazwischen, balancieren sie aufrecht darauf wie Seiltänzer, oder sie hangeln sich daran an allen Vieren langsam vorwärts, wobei sie das Körpergewicht behutsam auf zwei Stränge verteilen. In anderen Situationen schwingen oder biegen sie lange Stangenhölzer in einer Manier, als verstünden sie die Grundprinzipien der Mechanik. Sie schaukeln zum Beispiel mit einem Ast in die Gegenrichtung des Zieles, so daß er sie im Zurückpendeln eben dorthin schleudert. Manchmal muß das Tier erst den undurchsichtigen Bewuchs abstreifen; aber der gewählte Ast erweist sich immer als taugliches Vehikel.

Bei diesen Unternehmungen experimentieren die Orang-Utans in der Regel nicht, sondern finden sofort eine geeignete Möglichkeit. Offenbar besteht ein hoher Selektionsdruck darauf, solche Situationen zu begreifen und rasch, sicher und flexibel zu meistern, denn stereotype Verhaltens- und Bewegungsmuster würden wohl sehr oft versagen. Man spekuliert sogar, daß die Akrobatik auf beweglichen oder neu geschaffenen Brücken im Wipfelgewirr bei einem so schweren Tier ein besonderes Gespür dafür voraussetze, was das eigene Handeln bewirkt: daß es selbst dem Geschehen seine Richtung gibt.

Falls ein entsprechender bewegungsökonomischer Selektionsfaktor auf die Evolution von Selbstbewußtsein tatsächlich existiert, wäre er folglich nur für die Stammformen der größten Primaten (also der Menschenaffen und des Menschen) maßgeblich beziehungsweise von Anfang an wichtig gewesen, die sich im Gewirr der Urwald-Kronenregion ihre Nahrung suchten. Dann wäre die Intelligenz der Menschenaffen uralt: Vor 15 Millionen Jahren bereits, im Miozän, waren sie im Vergleich zu ihren evolutionären Konkurrenten – den Tieraffen – auffallend groß, und schon damals wiesen sie zugleich das Merkmal auf, das vor allem den Unterschied zwischen Tier- und Menschenaffen charakterisiert: das im Verhältnis zum Körpergewicht markant größere Gehirn.


Sozialer Scharfsinn

Der Zwang zu energetisch optimierter Nahrungssuche hatte für die Orangs ihren Preis: Sehr oft sind gerade die besten Ressourcen nicht ergiebig genug für mehrere Individuen. So nahm die innerartliche Konkurrenz enorm zu und infolgedessen auch die sexuelle. Der ausgeprägte Wettbewerb um das weibliche Geschlecht verursachte einen extremen Größenunterschied: Erwachsene Männer wiegen 80 bis 90, Frauen nur 40 bis 50 Kilogramm. Das hohe Gewicht besonders der männlichen Tiere ist also eine Folge des Einzelgängertums, erforderlich indes auch als Lebensstrategie.

So scheint für Orang-Utans auf den ersten Blick nicht zu gelten, was für die meisten Primaten mindestens ebenso wichtig sein dürfte wie die ökologische Anpassung: soziale Geschicklichkeit zu beweisen. Wahrscheinlich war in deren Evolution Kompetenz im Umgang mit Artgenossen ein wesentlicher Faktor – besonders für die Entwicklung des Gehirns. Fast alle höheren Primaten führen ein komplex geregeltes Gruppenleben und pflegen individuell sehr unterschiedliche Kameradschaften und Freundschaften, aber auch gespannte Verhältnisse. Sie sind in der Regel so ausgeprägt sozial, daß sie allein geradezu seelisch verkümmern.

Deshalb wäre ein Menschenaffe ohne etablierte Beziehungen eigentlich ein Paradox. Allerdings ist bis heute nicht eindeutig erwiesen, ob Orang-Utans wirklich ohne jede übergeordnete Gemeinschaft leben oder nicht vielmehr in einer solchen, deren erwachsene Mitglieder nur besonders weit zerstreut sind – von denen sich aber einige gelegentlich, etwa in besonders reich tragenden Fruchtbäumen oder zur Paarung, treffen. Zu lückenhaft sind noch die Kenntnisse über langfristiges Sozialverhalten, zu verschieden sind Größe und Zusammensetzung der Orang-Populationen in den Untersuchungsgebieten, zu komplex vor allem sind die Wanderungen der Männchen, um allgemeingültige Aussagen über Gruppenstruktur, Revierverhalten und Reviergröße zu machen. Sicher ist bislang, daß die sozialen Neigungen der Orang-Utans vom Alter und Geschlecht abhängen und daß die erwachsenen Tiere – besonders die älteren Männer, einander nach Möglichkeit meiden (Bild 5). Die Jugendlichen hingegen, die nicht mehr bei der Mutter leben, ziehen mit Gleichaltrigen in größeren Gruppen umher, und auch die Halberwachsenen pflegen noch viele enge Kontakte. Wahrscheinlich etablieren sich in diesen Lebensphasen individuelle Beziehungen, die auch später bestehen bleiben, dann allerdings auf mehr Abstand.

In Zeiten, in denen reichlich gutes Futter zu finden ist, schließen sich auch erwachsene Frauen mit Jugendlichen zu Verbänden zusammen. Solange sie allerdings ein kleineres Kind bei sich haben, suchen sie erwachsene Artgenossen wahrscheinlich der Nahrungskonkurrenz wegen zu meiden. Die Weibchen weichen der Begegnung mit Männchen verständlicherweise nur dann nicht aus, wenn sie paarungsbereit sind, was aber nur ungefähr alle fünf Jahre vorkommt (sie entwickeln dabei keine Genitalschwellung wie Schimpansenweibchen). Dann wählen sie sich unter den ranghohen Anwärtern für einige Tage oder Wochen einen Partner und werden ihm gegenüber ausgesprochen initiativ und kooperativ. Das Stichwort "Rang" zeigt es schon an: Auch die voll erwachsenen Männer leben keineswegs im sozialen Vakuum. Einige ältere haben Reviere und behandeln jeden potentiellen Rivalen als Feind. Von den harten Auseinandersetzungen zeugen lange Bißnarben in den Backenwülsten, gebrochene oder steife Finger und fehlende Eckzähne oder sogar Augen.

Die übrigen Männchen vermeiden es, mit den dominanten Territoriumsherren zusammenzutreffen. Dabei verfolgen sie, abhängig von der Rangstufe, so verschiedenartige Taktiken, daß ihr Verhalten geradezu berechnend wirkt. So verlegen die jüngeren ihre Wanderrouten in höhere Stockwerke des Waldes, wo das Astwerk die gewichtigen Spitzen der Hierarchie nicht tragen würde, oder sie überqueren Lichtungen auf dem Boden, statt sich auffällig von einem Baum aus hinüberschnellen zu lassen.

Die Revierbesitzer pflegen sich durch einen charakteristischen langgezogenen Ruf zu erkennen zu geben, und nur ihnen wachsen große Backenwülste und ein Kehlsack als Resonanzkörper. Vermutlich ist eine der Funktionen, daß paarungsbereite Weibchen hören können, wo sich ein würdiger Partner aufhält.

Andere Weibchen wie auch rangniedere Männchen, die einen Kampf nicht riskieren können, verstecken sich bei diesem Ruf rasch und leise. Dann harren sie stundenlang bestens getarnt reglos in dichtem Laubwerk aus, wozu sie sich oft sogar noch mit Zweigen und großen Blättern zudecken. Es wirkt, als wüßten sie genau, ob noch ein Körperteil zu sehen ist – auch dieses Verhalten spricht dafür, daß sie ihre Wirkung auf andere abzuschätzen vermögen.

Für das Einfühlungsvermögen der Orang-Utans hat man inzwischen noch mehr Indizien. So pariert ein Weibchen mit Kind den Angriff einer anderen Mutter selten direkt, sondern versucht, deren Jungem zuzusetzen, als wäre ihm klar, daß es damit auch die Kontrahentin trifft. Den revierlosen Wanderern, die kaum eine Chance zu einer Kurzehe haben, aber jede Gelegenheit zur Paarung wahrnehmen, auch gewaltsam, begegnen Weibchen mit einer besonderen Taktik: Wie Revierinhaber, die Konkurrenten verjagen, brechen sie dicke tote Äste ab und schmeißen sie in Richtung des Gegners. Da sie an Körperkraft unterlegen wären und das Manöver selten und auch nicht in anderen aggressiven Situationen vollführen, könnte es tatsächlich eine beabsichtigte Täuschung sein, als würden sie ein kräftiges Männchen imitieren.

Hat sich ein Paar gefunden, stellen sich die Partner für die kurze Zeit des engen Beisammenseins in ihrem Wanderungs- und Freßverhalten vollkommen aufeinander ein. Nur sehr junge, unerfahrene Weibchen halten nicht immer Kontakt. Das suchen besitzlose Männchen auszunutzen; gelegentlich verbünden sich sogar zwei – während das eine dem Weibchen nachstellt, lenkt das andere den Pascha ab.

Auch wenn dies teilweise nur Einzelbeobachtungen sind, die man nur unter Vorbehalt interpretieren sollte, läßt sich doch ermessen, daß Orang-Utans wahrscheinlich eine hohe soziale Kompetenz haben. Denn es erfordert beträchtlichen Scharfsinn, in einer nach außen offenen, nach innen flexiblen und zugleich individuell strukturierten Gesellschaft, deren Mitglieder auf Distanz zueinander gehen, Kontakte aufzunehmen, zu halten und zu kalkulieren.

Lange hat man ihre geistigen Fähigkeiten unterschätzt. Heute aber wird niemand mehr den großen Menschenaffenarten nach ihrer vermeintlichen Intelligenz – eben nur dem, was Intelligenztests ergeben – einen Rang zuweisen wie Robert Yerkes 1929, der Schimpansen auf die oberste Stufe stellte, Gorillas auf die mittlere und Orangs auf die unterste. Schon gar nicht mehr kann gelten, was der für Jahrzehnte populärste Zoologe Alfred Brehm (1829 bis 1884) in einer deutlich nach menschlicher Maßgabe urteilenden Charakterisierung schrieb: "Kein Orang-Utan ist mit einem Schimpansen zu vergleichen, allen Orangs fehlt, was die Schimpansen auszeichnet: die neckische Munterkeit und die Lust zu scherzen. Orang-Utans sind im Gegenteil ernsthaft bis zum äußersten, mehrere auch still und deshalb langweilig. Jede ihrer Bewegungen war langsam und gemessen, der Ausdruck ihrer braunen, gutmütigen Augen unendlich traurig."

Verhaltensökologische sowie kognitionspsychologische Forschungen haben erwiesen, daß ihr als Introvertiertheit gedeutetes Verhalten Ergebnis einer evolutionären Anpassung ist, die auch das mentale Vermögen prägt. Dies lehrt, daß selbst ein scheinbar so offensichtliches Phänomen wie Intelligenz nur vor dem Hintergrund der spezifischen ökologischen Nischenbildung verstehbar wird.

Durch die roten Menschenaffen erweitert sich das Spektrum an theoretischen Möglichkeiten, die Evolution von Intelligenz zu erklären. Inwieweit die versuchte Einordnung Bestand hat, muß die weitere Forschung erweisen. Insbesondere hinsichtlich der kognitiven Komponente sozialer Kompetenz von Primaten stehen wir wissenschaftlich erst am Anfang.

Für die Entwicklung neuer Modelle am Beispiel der Orang-Utans bleibt allerdings nicht viel Zeit, denn ihr Lebenstyp ist ein auslaufendes Fitness-Modell: Ihre Intelligenz wird sie nicht vor dem Aussterben bewahren. Es bleibt nur die Ironie mahnender Erinnerung: Die Wurzeln des menschlichen Lebenstyps liegen tief in den ökologischen Anpassungen eines baumlebenden, fruchtfressenden Menschenaffen, wie er heute nur noch von einer einzigen Art verkörpert wird: Pongo pygmaeus.

Literaturhinweise

- The Evolution of Intelligence. Von R.W. Byrne in: Behaviour and Evolution. Herausgegeben von P.J.B. Slater und T.R. Halliday. Cambridge University Press, Cambridge 1994.

– Intelligenzprüfungen am Orang. Von Wolfgang Köhler in: Passauer Schriften zur Psychologiegeschichte Nr. 9, Seiten 132 bis 183. Herausgegeben von Siegfried Jaeger. Passavia Universitätsverlag, Passau 1988.

– Why Are Orangutans so Smart?: Ecological and Social Hypotheses. Von B.F. Galdikas und P. Vasey in: Social Processes and Mental Abilities in Nonhuman Primates. Herausgegeben von F.D. Burton. Mellen Press, Lewisburg 1992.

– Diversity and Consistency in Ecology and Behavior. Von Peter S. Rodman in: Orang-Utan Biology. Herausgegeben von Jeffrey H. Schwartz. Oxford University Press, New York und Oxford 1988.

– Orang-Utan-Studien. Von Olav Röhrer-Ertl. Hieronymus, Neuried 1984.

– Orang-Utans im Tanjung-Puting-Nationalpark – Rückblick auf 20 Jahre Feldforschung. Von Renate Rabenstein und Andrea B. Gorzitze in: Zeitschrift des Kölner Zoo, Band 35, Heft 3, Seiten 95 bis 110.

– Tool-Using Skills of Orang-Utans. Von Jürgen Lethmate in: Journal of Human Evolution, Band 11, Seiten 49 bis 64, 1982.

– Evolutionsökologie und Verhalten der Hominoiden, 2. Teil: Verhaltensbiologie der Pongiden (Große Menschenaffen). Von Jürgen Lethmate in: Evolution des Menschen, Band 3. Herausgegeben vom Deutschen Institut für Fernstudien (DIFF). Tübingen 1990.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1994, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH