Kyle Orwig würde nur zu gern ein Experiment machen, das einige Leute ungeheuer aufregen dürfte. Der Professor an der University of Pittsburgh und Experte für die Biologie von Spermien interessiert sich insbesondere dafür, wie spezialisierte Stammzellen in den Hoden die Samenzellen erzeugen. Hin und wieder verhindert ein genetischer Defekt, dass dieser Vorgang zu Ende läuft, was den betreffenden Mann unfruchtbar macht. In dem Experiment, das Orwig vorschwebt, würde er den Defekt in den Spermien bildenden Stammzellen von Mäusen durch "Gen-Editing" – kontrolliertes Verändern von Erbfaktoren – beheben und die so behandelten Zellen unfruchtbaren Tieren wieder einpflanzen. Damit hätte er eine potenzielle Behandlungsmethode für männliche Sterilität aufgezeigt.

Nach Orwigs Ansicht wäre das Ganze nicht besonders schwierig umzusetzen, schließlich macht er ähnliche Transplantationsexperimente schon seit 20 Jahren. Die Folgen aber könnten gewaltig sein. Experimente, wie Orwig sie sich vorstellt, würden sich einer roten Linie in der biologischen Forschung nähern: Sie bahnen den Weg zu dauerhaften Veränderungen des genetischen Texts der Spezies Mensch, die an zukünftige Generationen weitergegeben werden.

Stellte sich eine solche Keimbahnmodifikation als un­gefährlich, wirksam und ethisch hinnehmbar heraus, könnten Wissenschaftler beispielsweise bestimmte Krankheitsanfälligkeiten aus unserer DNA beseitigen – aber auch versuchen, den Homo sapiens genetisch zu optimieren. Der Gedanke weckt düstere Erinnerungen an die Eugenikbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die im Nazideutschland ihren schrecklichen Höhepunkt fand …