Selbst unter den besten Freunden gibt es ab und zu Meinungsverschiedenheiten, und je größer eine Gruppe ist, desto mehr unterschiedliche Ansichten kursieren. Dennoch muss eine Gruppe, die als Einheit bestehen will, immer wieder gemeinsame Entscheidungen treffen. Und die Entscheidungen müssen obendrein möglichst gut sein, damit sich die Gruppe behaupten kann. Braucht deshalb jedes Team eine starke Führung, die den Durchblick hat und sagt, wo es langgeht? Oder gibt es womöglich einen besseren Weg, als Gruppe optimal alle Herausforderungen zu meistern? Es gibt ihn!

Einen ersten Hinweis auf die Wundermethode fand der britische Naturforscher Francis Galton bereits 1906 auf einer Viehausstellung. Als besondere Attraktion durften die Besucher dort für ein paar Münzen das Gewicht eines Ochsen schätzen. (In den Zeiten vor Internetvideos war das eine ungeheuer spannende Angelegenheit, die massenhaft Kinder und selbst ernannte Experten auf den Plan rief.) Galton war überzeugt, dass gewöhnliche Menschen für diese Aufgabe zu dumm wären und weit neben den wirklichen Wert tippen würden. Zum Beweis für die angenommene Dummheit der Masse ließ er sich die Daten aller 787 Schätzungen aushändigen und bestimmte den Mittelwert. Er kam auf 1207 Pfund. Und dann rechnete er nochmals nach. Und nochmals. Es blieb bei 1207 Pfund. Galton wird sich vermutlich angesichts dieses Ergebnisses resigniert am Kopf gekratzt haben. Die "Stimme des Volkes" – oder "Vox populi", wie Galton sie nannte – hatte das tatsächliche Gewicht des Ochsen von 1198 Pfund um weniger als ein Prozent verfehlt und war sehr viel treffsicherer gewesen als alle Einzelteilnehmer. Selbst Landwirte und Schlachter hatten weiter danebengelegen. Statt die Dummheit des Volkes zu belegen, hatte Galton die Weisheit der Vielen an den Tag gebracht.

Ich selbst habe diese und andere Berichte von der so genannten kollektiven Intelligenz oder auch Schwarmintelligenz anfangs für eine interessante Spinnerei gehalten, die vielleicht auf Jahrmärkten oder bei einfachen Quizfragen funktioniert, aber niemals bei anspruchsvollen Aufgaben. Bis ich mich dann in einem Hörsaal mit 300 Studenten wiederfand und der Professor seine Vorlesung mit drei Fragen einleitete …