"Ich ertrug eine fast entehrende Knechtschaft", schrieb der schon zu seinen Lebzeiten berühmte Altphilologe und Theologe Philipp Melanchthon, eine der zentralen Figuren der Reformation in Deutschland, 1548 an einen Freund. Der Mann, als dessen Diener er sich wähnte, sei "mehr seinem Temperament gefolgt, in welchem eine nicht geringe Streitsucht und Rechthaberei lag, als dass er auf sein Ansehen und auf das Gemeinwohl geachtet hätte." Melanchthon schrieb dies über keinen Geringeren als den zwei Jahre zuvor verstorbenen Martin Luther, dem er fast drei Jahrzehnte lang ein enger Vertrauter und Freund gewesen war.

Dass Luther keinem Streit aus dem Weg ging und dabei oft etwas Rüpelhaftes an sich hatte, haben schon viele Chronisten hervorgehoben. Thomas Mann etwa sprach vom "Cholerisch-Grobianischen", das den Reformator ausgezeichnet habe, bezeichnete ihn als "schimpffroh" und "zanksüchtig". Mit Begriffen der heutigen Psychologie würde man wohl sagen: Luthers Persönlichkeit war von einer äußerst geringen Verträglichkeit geprägt. "Wenn es um seine theologische Wahrheit ging, trat er auch Freunden gegenüber durchaus radikal und mit einem starken Absolutheitsanspruch auf", bestätigt Heinz Schilling, emeritierter Historiker an der Berliner Humboldt-Universität und Luther-Biograf. Schließlich dürfte gerade dieser Wesenszug einen Teil seines Erfolgs erklären: Über einen reformatorischen Mönch, der stets auf Harmonie und Ausgleich bedacht war, würden wir heute wohl kaum noch in den Geschichtsbüchern lesen …