Bei großen Menschenansammlungen kommt es immer wieder zu tödlichem Gedränge. Wie Massenpaniken entstehen und wo es in einer Menschenmenge besonders gefährlich ist, lässt sich aus ethischen und methodischen Gründen im echten Leben nur schwer untersuchen. Virtuelle Umgebungen könnten allerdings eine viel versprechende Alternative bieten, denn Menschen scheinen sich dort ähnlich zu verhalten wie in realen Situationen. Zu dieser Erkenntnis kamen nun Mehdi Moussaïd vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und seine Kollegen.

Die Forscher spielten mit 36 Menschen eine Evakuierungssituation in der digitalen Welt durch. Während des Experiments saßen alle Versuchsteilnehmer gleichzeitig vor einem Computerbildschirm, und jeder von ihnen sah die virtuelle Umgebung aus der Ichperspektive eines Avatars, den er aus einem brennenden Gebäude steuern sollte, wobei nur einer der vier Ausgänge passierbar war. Dafür hatten die Probanden gerade einmal 50 Sekunden Zeit. Schafften sie das nicht, wirkte sich das negativ auf ihre Bezahlung aus, die sie für den Versuch bekamen. Eine schlechte Beleuchtung, rot blinkende Lämpchen und Feuer an den verschlossenen Ausgangstüren erschwerten die Flucht zusätzlich.

Das Ergebnis der digitalen Simulation: Der Einzelne zeigt bei höherem Stresspegel und räumlicher Enge eher Herdenverhalten. Dadurch häufen sich Zusammenstöße, Gedränge und Unfälle, vor allem an Stellen, an denen Entscheidungen über den weiteren Weg getroffen werden müssen, oder wo Engpässe oder Sackgassen auftreten.

Um festzustellen, ob die Reaktionen der Versuchsteilnehmer auf das Leben außerhalb des Labors übertragbar sind, sollten die Probanden in einem echten Gebäude weitere Aufgaben lösen. So wurden sie unter anderem dazu aufgefordert, in einem schmalen Flur aneinander vorbeizugehen, ohne einander zu berühren. Die gewählte Vermeidungsstrategie in der realen Welt deckte sich mit der aus den Experimenten im virtuellen Raum: Über 80 Prozent der Menschen wichen instinktiv nach rechts aus.

Virtuelle Räume bieten somit nicht nur für die Verhaltensforschung neue Möglichkeiten, so die Forscher. Auch Städteplaner oder Architekten könnten sie in Zukunft nutzen, um beispielsweise Evakuierungspläne zu testen und damit Unfälle zu vermeiden. (ae)

J. R. Soc. Interface 10.1098/rsif.2016.0414, 2016