Spätestens seit Herodot kursieren Geschichten über Menschen fressende Völker. Der griechische Gelehrte, der aus allen Ländern Wissenswertes zusammentragen ließ, schrieb solche Berichte vor über 2400 Jahren aber wohl als Erster nieder. Weltreisende, Missionare und Soldaten lieferten noch in den letzten Jahrhunderten immer wieder Horrormeldungen über kannibalische Bräuche bei Völkern in fernen Ländern.

Waren dies nur Ausgeburten sensationslüsterner Fantasten? Oder praktizierten einige Naturvölker tatsächlich Kannibalismus? Dichtung und Wahrheit ließen sich bei der dubiosen Quellenlage nur schwer unterscheiden.

Für noch mehr Aufruhr sorgten im neunzehnten Jahrhundert Spekulationen darüber, dass auch unsere Vorfahren Menschenfresser gewesen sein könnten. Archäologische und anthropologische Funde in Europa und in anderen Erdteilen erregten diesen Verdacht. Seither streiten die Wissenschaftler hierüber. Erst in jüngerer Zeit gelang es mit genaueren Untersuchungen, die Zusammenhänge soweit zu klären, dass viele Forscher nun nicht mehr daran zweifeln: Unter den Neandertalern und bei noch früheren Menschen in Europa muss es Kannibalismus gegeben haben.

Inzwischen gilt auch als so gut wie sicher, dass einige prähistorische Völker noch im vergangenen Jahrtausend kannibalisch waren. Hiervon zeugen charakteristische Spuren auf Tausenden von Knochenfossilien, die an den verschiedensten Orten gefunden wurden – von den pazifischen Inseln bis zu den prähistorischen Pueblos im Südwesten Nordamerikas.

Seit Jahrzehnten bemühen sich Anthropologen, verschiedene entsprechende Verhaltenserscheinungen, allgemein "Anthropophagie" genannt, einzuordnen. Denn unter Kannibalismus könnte man genau genommen sehr verschiedenartiges Verhalten verstehen. Einige Wissenschaftler klassifizieren das Phänomen nach der Beziehung der Täter zu ihren Opfern. Sie sprechen von "Endokannibalismus", wenn Menschen Gruppenangehörige oder deren Körperteile essen, von "Exokannibalismus", wenn sie Außenstehende und Fremde verspeisen, und von "Autokannibalismus", wenn es sich um Teile des eigenen Körpers handelt. Hierunter fällt alles vom Fingernägel-Kauen bis zum, etwa bei Folter, erzwungenen Verzehr eigener Körperteile.

Daneben unterscheiden Forscher Kannibalismusformen je nach dem zu Grunde liegenden Antrieb der Menschen. So sind Fälle von "Überlebenskannibalismus" als Verzweiflungstat aus Hunger dokumentiert. Dies trat etwa bei in der Eiswüste gefangenen Teilnehmern von Polarexpeditionen auf und auch bei den Verunglückten eines Flugzeugabsturzes, die vor einigen Jahren in den Anden in der Ödnis überlebten. Auch die Pioniere der "Donner Party", die während des harten Winters 1846/47 in der Sierra Nevada im Schnee eingeschlossen waren, verzehrten Menschenfleisch.

Davon zu trennen ist der "rituelle Kannibalismus": Die Familie oder Gemeinschaft verzehrt ihre Toten im Rahmen von Bestattungsriten, um sich deren Lebensenergie einzuverleiben oder um ihr Andenken zu ehren. Wieder etwas anderes ist der "pathologische Kannibalismus". Damit gemeint sind Verhaltensgestörte und Kriminelle, die Leichen essen. In dem Fall handelt es sich allerdings vorwiegend um fiktive Gestalten – wie die Figur Hannibal Lecter in dem Thriller "Das Schweigen der Lämmer".

In diesem Artikel behandle ich nur den kulturell geprägten regelmäßigen Verzehr von Menschenfleisch, also die Erscheinung, die Reisende und Abenteurer noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von exotischen Völkern beschrieben und die Fachleute auch als "gastronomischen" oder "kulinarischen" Kannibalismus bezeichnen. Ob es dergleichen wirklich gab, darüber stritten die Forscher stets sehr heftig. Denn an den Kontakten zu den fremden Kulturen nahmen qualifizierte Völkerkundler und Anthropologen erst seit dem späten neunzehnten Jahrhundert teil. Sie kamen höchstens noch mit den letzten Überbleibseln solcher Bräuche in Berührung.

Im zwanzigsten Jahrhundert hielten viele Experten die Berichte von Menschenfressern denn auch für erfunden. Zu ihnen gehörte der Anthropologe Ashley Montagu. Er behauptete 1937, Geschichten von Kannibalen seien reine Abenteuermärchen.

William Arens von der State University von New York in Stony Brook ging sogar noch weiter. Der Anthropologe zerpflückte die vielen Berichte über Menschenfresser in seinem 1979 erschienenen Buch "The Man-Eating Myth". Dabei kam er zu dem Schluss, die Darstellungen seien entweder unzutreffend oder ungenügend dokumentiert, egal ob von den Azteken, den Maori oder den Zulu. Zwar ließen andere Fachleute diese generelle Absage an den Kannibalismus nicht gelten. Doch William Arens verwies zu Recht auf die mangelhafte Methodik und unkritische Behandlung des Themas durch die Wissenschaftler. Sonst würden Anthropologen wesentlich genauer vorgehen, nämlich scharfe Standards vorgeben und ihren Verstand walten lassen. Bei diesem Thema hätten sie aber, so Arens, nur unkritisch die Vorstellungen und kaum versteckten Vorurteile ihrer eigenen Kultur gegenüber Primitiven untermauert.

Tatsächlich hatten sich die so angegriffenen Anthropologen des neunzehn-ten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur auf zeitgenössische Völker beschränkt, einige hatten das Menschenfressertum auch in die Vorzeit projiziert. Wildeste Spekulationen kamen auf: So mancher prähistorische archäologische Fund in Europa oder andernorts sollte nach Ansicht dieser Forscher auf Kannibalen hindeuten. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain mokierte sich hierüber schon 1871, wenn auch mit einem Augenzwinkern.

Einige Archäologen und Anthropologen des zwanzigsten Jahrhunderts gingen noch weiter zurück. Sie hielten nicht nur die Neandertaler, sondern schon die ersten Vor- und Frühmenschen für Kannibalen – etwa den afrikanischen frühen Hominiden Australopithecus africanus und den Homo erectus, der als Erster nach Eurasien vordrang. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler begleitete Kannibalismus die menschliche Evolution seit drei Millionen Jahren.

Die teils vorschnellen, ungenügend belegten Aussagen mancher Kollegen griff der Archäologe Lewis Binford Anfang der achtziger Jahre in seinem Buch "Bones: Ancient Men and Modern Myths" an. Darin fasste er Argumente zusammen, warum die angeblichen Hinweise auf Kannibalismus in der Altsteinzeit nicht stichhaltig wären. Er berief sich auf Untersuchungen anderer Prähistoriker über Knochenfunde aus der Vorzeit. Diese Experten hatten sich damit befasst, welche Schlüsse man aus Fossilien, ihrer Anordnung und Zusammensetzung und dem Fundzusammenhang ziehen darf und welche nicht. Unter anderem hatten sie erarbeitet, was manche Spuren an Knochen wirklich besagen und woran man Einwirkungen bestimmter Art durch den Menschen erkennt. Binford verlangte, Hypothesen experimentell zu überprüfen und auch gegenwärtige Verhaltenserscheinungen hinzuzuziehen, etwa bestimmte Begräbnisriten zu erwägen. Er forderte nicht nur wesentlich mehr wissenschaftliche Sorgfalt bei der Deutung verdächtiger Funde, sondern auch eine präzise, konsistente Methodik. Auf die weiteren Forschungen über menschlichen Kannibalismus hatte Binfords Abhandlung großen Einfluss.

Wie aber sollen Wissenschaftler heute erkennen, ob ein früheres Volk oder eine steinzeitliche Gemeinschaft Menschen verzehrte? Da menschlicher Kannibalismus heute praktisch nicht mehr existiert, können wir in der Gegenwart nicht direkt beobachten, welche Spuren solche Verhaltensweisen zurücklassen. Darum ist die Hilfe von Wissenschaften gefragt, die sich von Haus aus mit der Vergangenheit befassen. Besonders die Archäologie ist unverzichtbar, um klären zu helfen, ob und in welchem Ausmaß Kannibalismus einst vorkam.

Die Interpretation von auffälligen Spuren wird allerdings dadurch erschwert, dass Menschen erstaunlich vielfältige Wege gefunden haben, sich ihrer Toten zu entledigen. Noch in unserer Zeit werden die Verstorbenen in manchen Kulturen beerdigt, in anderen verbrannt. An einigen Orten, etwa in Indien, ist es üblich, die Leiche auf einem Gerüst festzubinden, an anderen, sie dem Meer oder einem Fluss zu übergeben, in einen hohlen Baum zu zwängen oder sie wilden Tieren zu überlassen. Auch mit den Skeletten gingen die Völker in verschiedenster Weise um. Viele gruben die Knochen wieder aus, wuschen und bemalten sie und vergruben sie dann bündelweise, oder sie streuten sie auf Steinen aus. Manche solcher Bräuche existieren heute noch. In einigen Gegenden Tibets würden zukünftige Archäologen die heutigen Bestattungsriten kaum nachträglich aus Fossilien erschließen können. Denn diese Menschen zerteilen die Leichen meistens und überlassen sie dann Geiern und anderen Aasfressern. Übrig gebliebene Knochen sammeln sie ein, zermahlen sie fein und mischen das Pulver mit Mehl und Getreidekörnern. Dies verfüttern sie wiederum an Vögel.

Angesichts solcher Schwierigkeiten, Kannibalismus in der Vergangenheit unumstößlich nachzuweisen und von bestimmten Bestattungspraktiken zu unterscheiden, legen Wissenschaftler an ihre Interpretationen heute sehr strenge Kriterien an. Als zweifelsfreier Beleg genügt es ihnen beispielsweise nicht, wenn menschliche Knochen etwa Schnitte, Kratzer oder Bruchstellen aufweisen, die nur bei der Bearbeitung mit einem Werkzeug entstanden sein können: als sei Fleisch abgeschnitten oder der Knochen zerschlagen worden. Auch Brandspuren bestimmter Art erhärten zwar den Verdacht auf Zubereitung für eine Mahlzeit, dies reicht aber als Zeugnis nicht aus. Dafür müssen weitere Begleitumstände hinzukommen. So verlangen die Anthropologen unterstützende Hinweise aus dem Umfeld des Fundes. Wenn im selben Zusammenhang Tierknochen auftauchen, die ähnliche Bearbeitungsspuren tragen und auch in gleicher Weise deponiert sind wie die Menschenknochen, und wenn aus dem Gesamtzusammenhang klar hervorgeht, dass diese Tiere von Menschen als Mahlzeit zubereitet wurden, gilt dies als starkes Indiz dafür, dass hier auch Menschen verspeist wurden.

Tierfossilien vom selben Fundort bei den Analysen zum Vergleich hinzuzuziehen, forderten Archäologen schon lange. Denn, so ihr Argument, an den Beschädigungen solcher Knochen und der Weise, wie sie liegen, lasse sich eindeutig ablesen, ob diese Tiere geschlachtet wurden und ein Mahl stattfand. Wenn alle Umstände für die Menschenknochen genau die gleichen sind, spricht dies recht deutlich für kannibalische Praktiken.

Auch Raubtiere beschädigen Knochen, wenn sie ein Tier – oder einen Menschen – fressen. Doch ihre Zähne hinterlassen andere Spuren als Werkzeuge. Man kann unterscheiden, ob ein Raubtiergebiss das Fleisch vom Knochen abtrennte oder ob ein Steingerät es absäbelte und abschabte. Es sieht anders aus, wenn ein starker Kiefer den Knochen zerbiss, zerbrach oder zermalmte, oder wenn jemand mit einem Stein den Schädel aufschlug oder einen Röhrenknochen öffnete, um an das Gehirn oder das Knochenmark zu gelangen.

Um Kannibalismus nachzuweisen, muss man vor allem genau rekonstruieren, wie die menschlichen Knochen beschädigt wurden – ob und welche Spuren von scharfen Klingen oder von Hämmern sie tragen, ob und in welcher Weise sie zerbrochen wurden oder mit Feuer in Berührung kamen – und was von ihnen danach übrig blieb, welche Knochen und welche Teile davon. Allerdings könnten manche Schnitt- und Schlagspuren für sich allein zum Beispiel auch besagen, dass jemand in einen Kampf mit Waffen verwickelt war. So können Skelette von Kriegsopfern früherer Jahrhunderte Kerben tragen, die von Schwertern oder Säbeln stammen. Ein anderes Beispiel, das spätere Generationen von Forschern irreführen könnte, sind die von Medizinstudenten sezierten Leichen, deren Skelette möglicherweise auch Einschnitte erhalten. Aus diesem Grund ist es so wichtig, auch den Fundkontext genauestens zu beachten.

Zwangsläufig wird man bei so strengen methodischen Kriterien die meisten Fälle von tatsächlichem Kannibalismus übersehen und selbst im Verdachtsfall nicht als solchen deuten dürfen. Dass etwa die Papuas von Neu-Guinea kannibalische Bräuche pflegten, haben Völkerkundler zweifelsfrei dokumentiert. Anhand von Knochenresten und den Fundumständen könnten Anthropologen dieses Verhalten nachträglich jedoch nicht überzeugend belegen. Die Papuas säuberten die Köpfe von Verstorbenen vorsichtig von Haut und Fleisch und holten das Gehirn heraus. Die fast unversehrten Schädel ließen sie trocknen. Da sie diese später oft weiter benutzten, wirkten die Griffstellen bald wie poliert. Manchmal bemalten sie Köpfe und pflanzten sie auf Pfähle, um sie zur Schau zu stellen oder zu verehren.

Alle weichen Teile, auch das Gehirn, verspeisten die Papuas gleich zu Beginn. Fraglos praktizierten sie einen rituellen Kannibalismus. Auch wenn dieses Beispiel zeigt, dass strenge wissenschaftliche Kriterien irreleiten können, befürworten meine Kollegen und ich die methodischen Maßgaben. Zumindest bewegen wir uns damit auf der sicheren Seite. Letztlich vermochten wir sogar mit den scharfen Kriterien festzustellen, dass einige Menschengruppen in früheren Zeiten Kannibalen gewesen sein müssen.

Die klarsten archäologischen Hinweise stammen von den Anasazi, den prähistorischen Pueblo-Indianern im südwestlichen Nordamerika. Auch für das Europa der Jungsteinzeit und Bronzezeit existieren deutliche Hinweise. Für die Neandertaler gibt es aus verschiedenen Zeiten sogar mehrere bezeichnende Fundstellen. Auffallenderweise liefert sogar der älteste Menschenfund in (West-)Europa überhaupt deutliche Indizien für Kannibalismus – lange vor den Neandertalern.

Diese Fundstelle liegt in Nordspanien, in den Ausläufern der Sierra de Atapuerca. Hier, in der Höhle Gran Dolina, stießen Paläontologen erst vor kurzem auf Fossilien von Menschen, die dort vor fast 800000 Jahren lebten. Einige Anthropologen halten diese Menschen für eine eigene Art, die sie als Homo antecessor bezeichnen.

Das Team spanischer Wissenschaftler, das diesen Fund 1994 entdeckte, fand zwischen den menschlichen Fossilien in derselben Schicht auch Steinwerkzeuge und Knochenreste von großen Tieren – darunter Hirschen, Wisenten, Nashörnern. Das Wild hatten die Menschen offensichtlich zubereitet und gegessen.

Auch die menschlichen Knochenstücke sind anscheinend Überbleibsel von Mahlzeiten. Sie tragen nämlich die gleichen Bearbeitungsspuren wie die Tierknochen: Haut und Fleisch hatte man heruntergeschnitten und abgeschabt, die großen Röhrenknochen und die Schädel aufgeschlagen. Die Forscher fanden 92 menschliche Fragmente, die zu sechs Personen gehört hatten.

Darüber, ob auch die Neandertaler Kannibalen waren – die vor etwa 150000 Jahren bis vor 35000 Jahren, also viel später, lebten –, zerbrechen Anthropologen sich bereits seit über hundert Jahren den Kopf. Denn im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert fand der kroatische Paläoanthropologe Dragutin Gorjanovic-Kramberger in der Krapina-Höhle in Kroatien verdächtige Fossilien von frühen Neandertalern, die vor ungefähr 130000 Jahren gelebt hatten. Die Menschenknochen stammen von mehr als zwanzig Individuen. Sie lagen zerstreut, sind zerbrochen und tragen Schnittspuren. Leider wurden diese brüchigen Fossilien nach heutigen Kriterien recht unsanft behandelt. Um sie zu konservieren, erhielten sie damals überdies eine dicke Schutzschicht, was mutmaßliche Werkzeugspuren undeutlich macht.

Dennoch meinen einige meiner Kollegen an den Fossilien zu erkennen, dass diese Menschen kannibalischen Praktiken zum Opfer gefallen waren. Ihrer Ansicht nach wurden die Knochen brutal bearbeitet. Doch nicht alle Wissenschaftler sind dieser Meinung. Manche glauben eher, dass die Knochen auf andere Weise zu Bruch gingen. Von der Höhlendecke könnten Felsbrocken darauf herabgestürzt sein, oder Raubtiere hatten sich über die Kadaver hergemacht. Einige halten auch eine besondere Bestattungsform für möglich, bei der die Skelette zerlegt und die Teile verstreut wurden.

Nach neuen Untersuchungen sind solche Zweifel allerdings nicht mehr angebracht. Diese Studien zeigen, dass in der Krapina-Höhle eindeutig Menschenfresser zu Werke gingen. Das Gleiche ist inzwischen für die Vindija-Höhle belegt, die ebenfalls in Kroatien liegt. Doch ist dieser Neandertaler-Fundort viel jünger. Die Individuen dort lebten vor nicht einmal 30000 Jahren, in der letzten Eiszeit. In Vindija lagerten die Menschenfossilien überdies zwischen aufschlussreichen Überresten von Tierknochen.

Ein neuerer Fund in Südfrankreich an der Rhône bestärkt die These, dass bei den Neandertalern Kannibalismus vorkam. Seit neun Jahren gräbt dort in der Höhle von Moula-Guercy ein Team um Alban Defleur von der Université de la Méditerranée in Marseille. Hier hausten Neandertaler vor etwa 100000 Jahren. In der entsprechenden Schicht barg das Team die Überreste von mindestens sechs Neandertalern: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Das jüngste Individuum war sechs Jahre alt.

Die Präzision, mit der die Forscher bei dieser Ausgrabung vorgingen, erinnert an kriminalistische Methoden. Defleurs Mitarbeiter registrierten jedes Detail so akribisch, dass man sich die steinzeitliche Szenerie deutlich vorstellen kann. Orientierung und Form jedes Knochenstücks, auch jedes Tierfossils und Pflanzenrests, und jedes behauenen und benutzten Steins dokumentierten sie genauestens. Die Aufzeichnungen lassen unter anderem deutlich erkennen, dass die Menschenknochen um eine Feuerstelle herum zu liegen kamen.

Auch die mikroskopische Analyse der Fundstücke ergab, dass hier offenbar Menschen zum Verzehr zubereitet worden waren. Ihre Kadaver hatte man genauso weiterverarbeitet wie die Tiere, deren Überreste herumlagen.

Trotz all dieser Nachweise wissen wir nicht, wie verbreitet kannibalische Sitten einst waren. Wie oft aßen Menschen früher ihresgleichen, und in welchen Situationen taten sie das? Die beschriebenen Funde aus der Altsteinzeit Europas, die von Menschenfressern zeugen, stammen von räumlich und zeitlich weit auseinander liegenden Stellen. Dies spricht dafür, dass es sich um keine Ausnahmeerscheinung handelte. Gran Dolina stellt die einzige europäische Fundstelle mit hominiden Überresten aus dieser frühen Zeit dar, und sie zeugt von Kannibalismus. Und auch die Neandertaler, die in sehr viel späterer Zeit lebten, praktizierten Kannibalismus gleich an mehreren über Europa verteilten Orten, zudem Hunderte von Generationen voneinander getrennt. An sämtlichen dieser Plätze gingen die Grabungsteams sachgerecht vor und interpretierten die Funde umsichtig. Für die meisten Paläoanthropologen ist es daher inzwischen keine Frage mehr, ob es damals Kannibalismus gab. Doch rätseln wir, was jene Menschen zu solchen Verhaltensweisen trieb.

Von den Neandertalern zu den Anasazi ist es ein weiter Sprung. Diese Indianer, die Mais anbauten, prägten im Südwesten der heutigen USA über mehr als eineinhalb Jahrtausende eine eigenständige Kultur. In den Jahrhunderten vor der Ankunft der Spanier errichteten sie die eindrucksvollen großen Pueblo-Siedlungen und bauten in überhängende Felswände schwer erreichbare Höhlenstädte. Auch sonst hinterließen sie besonders reiche kulturelle Zeugnisse.

Unser früheres Bild von den Anasazi als harmlosen Ackerbauern haben Forschungen in jüngerer Zeit allerdings umgeworfen. Als Erster schöpfte Christy G. Turner II von der Arizona State University in Tempe Verdacht, als er in den sechziger und siebziger Jahren in einer Reihe von Orten im Anasazi-Gebiet – in Arizona, New Mexico und Colorado – auf Ansammlungen von zerbrochenen, teils verbrannten menschlichen Knochen stieß. Als er diese gründlicher untersuchte, fand er jedes Mal die eigentlich unverkennbaren Anzeichen dafür, dass diese Menschen zum Essen zubereitet worden waren. Aber konnten sie wirklich Kannibalismus zum Opfer gefallen sein? Wer die spätere Geschichte der Pueblo-Indianer verfolgt, wird kaum auf Anhaltspunkte dafür stoßen, dass derlei dort einst üblich war. Und die heutige Bevölkerung, die sich als Nachkommen der Anasazi sieht, kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie von Menschenfressern abstammt, und reagiert auf solche Andeutungen empört.

Die Körper ihrer Toten bestatteten die Anasazi meistens unversehrt, wie viele komplette Skelette beweisen, und oft zusammen mit kunstvoll verzierten Keramikgefäßen. Doch Turner dokumentierte mehrere Dutzend Fundorte, die nicht nach Begräbnisstätten aussahen und an denen unzusammenhängende Knochenstücke zum Vorschein kamen, von denen viele Brandspuren aufwiesen. Dieserart menschliche Skelettfragmente gehen inzwischen in die Zehntausende. In einem Gebiet etwa von der Größe Europas haben Menschen über 800 Jahre lang ihre Artgenossen gegessen. Ich selbst untersuchte vor etwa zehn Jahren die Überreste einer derartigen Fundstelle im Mancos Canyon in Südwest-Colorado. Allein dort lagen über 2000 Knochenteile, die wir mindestens 29 Männern, Frauen und Kindern zuordnen konnten. Auf solche Knochenansammlungen stießen Forscher in kleinen Dörfern wie großen Städten. Viele Stellen stammen offenbar aus der Zeit, als die jeweilige Siedlung aufgegeben wurde. Oft sieht es so aus, als wurden die Körperteile zuerst im Feuer gegart und danach das Fleisch abgelöst. Ausnahmslos erst dann entnahm man Gehirn und Knochenmark. Einige der langen Knochensplitter müssen noch in Keramikgefäßen gekocht worden sein.

Die menschlichen Skelettfragmente von Mancos zeigen die gleichen Spuren wie beispielsweise die Knochen von Hirschen und Dickhornschafen, Tiere, welche die Anasazi jagten und aßen. Alles zusammengenommen besagt, dass dieses Volk Menschen häutete und röstete, dann das Fleisch ablöste und die Gelenke zertrennte, als Nächstes die Röhrenknochen auf Ambossen mit Hammersteinen aufschlug und die porösen Knochen zertrümmerte und in Keramikgefäßen kochte.

Doch nicht jeder meiner Kollegen ist mit dieser Interpretation einverstanden. Manche der Gegenargumente wirken allerdings eher politisch als wissenschaftlich motiviert. Nicht wenige Anthropologen sind der Meinung, dass Forscher mit ihren Erkenntnissen auf gesellschaftliche Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen sollten. Für diese Anthropologen ist Kannibalismus ein kulturell zu heikles und politisch zu verwerfliches Phänomen, als dass man selbst eindeutige Beweise dafür akzeptieren darf.

Den überzeugendsten Befund für Kannibalismus bei den Anasazi lieferten vor einem Jahr Richard A. Marlar von der Universität von Colorado in Boulder und seine Kollegen. Bei Mesa Verde in Südwest-Colorado, in Cowboy Wash, gruben ihre Arbeiter drei Behausungen aus, die etwa um das Jahr 1150 bewohnt waren. Der dortige Fund sah genauso aus wie der in Mancos und die an anderen solchen Orten der Anasazi: viele unzusammenhängende, zerbrochene Menschenknochen lagen herum, und nichts sprach für eine Grabstätte.

Marlar und seine Kollegen führten dazu auch aufschlussreiche biochemische Analysen durch. An einem der Keramikgefäße entdeckten sie Rückstände von menschlichem Myoglobin – einem Protein, das in Herz und Muskeln vorkommt. In dem Topf war demnach vermutlich Menschenfleisch gekocht worden. Die Forscher untersuchten auch einen menschlichen Koprolithen, der in einem der Häuser bei der Feuerstelle gelegen hatte. Auch dieser fossile Kot enthielt menschliches Myoglobin: Derjenige, der ihn hinterlassen hatte, muss Menschenfleisch gegessen haben.

Dass frühere Menschen Kannibalismus betrieben, daran besteht nun kaum noch Zweifel. Nur – warum taten sie das? Diese Frage lässt sich gar nicht leicht beantworten. Sicherlich trieb die Menschen oft der Hunger. Doch ob sie nur notgedrungen magere Zeiten überbrückten oder ob sie auch den Geschmack von Menschenfleisch schätzten, und ob sie ganz gern die Gelegenheit nutzten, um irgendwelche unbeliebten Leute loszuwerden, wissen wir nicht. Sogar von den Anasazi, die doch recht gründlich erforscht sind, können wir nicht sagen, ob Hunger den Ausschlag gab oder ob sie andere Menschen zum Beispiel aus religiöser Überzeugung verzehrten. Vielleicht kamen beide Motive zusammen, vielleicht handelten sie aber aus noch anderen Gründen. Leugnen lässt sich Kannibalismus als Phänomen unserer Vergangenheit jedenfalls nicht mehr.

Literaturhinweise


Biochemical Evidence of Cannibalism at a Prehistoric Puebloan Site in Southwestern Colorado. Von R.A.Marlar et. al. in: Nature, Bd. 407, S. 74, 7. September 2000.

Neanderthal Cannibalism at Moula-Guercy, Ardèche, France. Von A.Defleur, T.D. White, P. Valensi, L. Slimak und E. Crégut-Bonnoure in: Science, Bd. 286, S. 128, 1. Oktober 1999.

Fijian Cannibalism: Osteological Evidence from Navatu. Von D.DeGusta in: American Journal of Physical Anthropology, Bd. 110, S. 215, Oktober 1999.

Does Man Eat Man? Inside the Great Cannibalism Controversy. Von L.Osborne in: Lingua Franca, Bd. 7, No. 4, S. 28, April/Mai 1997.

Prehistoric Cannibalism at Mancos 5MTUMR-2346. Von T.D.White. Princeton University Press, 1992.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2001, Seite 38
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