Zum Leben gehört der Tod. Das Sterbenmüssen verbindet alle Menschen, ebenso wie die Angst vor der Vergänglichkeit. Im alten Ägypten linderte der Osirismythos diese archetypische Furcht. Er spendete Hoffnung auf eine Existenz über die Grenzen des Lebens hinaus, weil der Tod darin nicht als Ende verstanden wurde, sondern als Neubeginn im Jenseits.

Diesen Glauben verkörperte Osiris, der Herrscher über das Totenreich. Neben seiner Gemahlin Isis ist er der bekannteste der ägyptischen Götter. In der griechisch-römischen Zeit gewann sein Kult so an Popularität, dass er sich weit über das ägyptische Reich hinaus im Mittelmeerraum verbreitete. Im Unterschied zu vielen fremd­artig anmutenden menschlich-tierischen Mischwesen des ägyptischen Pantheons wurde Osiris stets als Mensch, als Mann dargestellt. Auf vielen Reliefs trägt er die mit Federn geschmückte Atefkrone. Sein Körper erscheint ungegliedert und ähnelt einer Mumie, nur die Hände greifen aus der Umwicklung heraus und halten Geißel und Krummstab – die Insignien der Königswürde.

Zur anthropomorphen Gestalt des Osiris passt sein – für einen Gott – recht menschliches Schicksal. Der altägyptischen Mythologie zufolge war er in einer fernen Vergangenheit der erste König, der seinem Volk die Kultur, den Ackerbau und die Gesetze brachte. Dann jedoch geschah etwas Undenkbares: Der Gott starb. Genauer, sein neidischer Bruder Seth tötete Osiris und zerstückelte anschließend seinen Leichnahm, damit sein Körper im Jenseits nicht wiederbelebt werden konnte. Die Ägypter glaubten, dass ein unversehrter Leib die Voraussetzung für eine Existenz im Totenreich sei …