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Online-Auktionen

Wir Zocker

"Mehr bezahle ich auf keinen Fall!" Bei Versteigerungen im Internet werfen wir diesen Vorsatz leicht über Bord – und bieten oft über das gesteckte Preislimit ­hinaus mit. Was steckt dahinter: Spieltrieb, Verlustangst oder schlichtweg Rausch?
Muss ich haben!

Dienstagabend, 21.07 Uhr, die Zeit läuft ab: Eine Nachricht im Postfach kündigt das Ende der Auk­tion an: "Ihr beobachtetes Angebot endet bald: Bleiben Sie dran!" Nun heißt es, rasch und taktisch klug zu handeln, um den Wettstreit für sich zu entscheiden. Denn für einen Glücklichen bringen die letzten Minuten den Sieg, alle anderen gehen leer aus.

Mehrere zehntausend Artikel kommen täglich bei E-Bay Deutschland unter den Hammer. Jede dritte Sekunde ein Ersatzteil fürs Auto, jede zwölfte ein Kleid, jede dreißigste ein Spielzeug von Playmobil. Auf dem Onlinebasar findet sich alles, was das Herz begehrt: Ausrangiertes, Ungeliebtes und Doppeltes wechselt von einer Sekunde auf die andere den Besitzer und wandelt sich im Handumdrehen zum Retter im Haushalt oder zum neuen Lieblingsstück.

Zwischen gebrauchten Dreirädern, Designerschuhen und Omas Silberbesteck findet sich so manch Skurriles: 2012 war ein Lunch mit Finanz­legende Warren Buffett einem Bieter 2,8 Millionen Euro wert, eine Unterhose von Schauspieler Matthias Schweighöfer ging ein Jahr zuvor für 2000 Euro über die virtuelle Ladentheke. Für stolze 21 500 Euro wechselte 2005 ein angebissenes Käsesandwich den Besitzer: Auf dem zehn Jahre alten Brot war mit viel Fantasie das Antlitz der Jungfrau Maria zu erkennen.

Auch traditionelle Auktionshäuser locken ­Besucher in ihre Hallen, doch gegen die stetig ­steigende Masse der Bieter im Netz sind sie unbedeutend: Allein bei E-Bay Deutschland kaufen ­regelmäßig mehr als 16 Millionen Kunden ein -durchschnittlich liegen 70 Millionen Artikel zum Stöbern bereit. Darunter finden sich längst nicht nur Schnäppchen.

Wie sehr uns der kurze Satz "Sie sind derzeit der Höchstbietende" beeindruckt und zum Weitersteigern anspornt, untersuchten bereits 2003 der Verhaltensökonom Dan Ariely von der Duke University (USA) und der Marketing­experte Itamar Simonson von der Stanford Business School (USA). Sie beobachteten 500 Online­transaktio­nen, bei denen um Bücher, CDs und Filme gewetteifert wurde. Der Vergleich mit Versandhändlern im Netz enthüllte: 99 Prozent der ­Waren gingen überteuert über den virtuellen Wühltisch …

9/2014

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2014

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  • Quellen

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