Mehr als ein halbes Jahrtausend lang, von etwa 2600 bis 1900 v. Chr., blühte im Tal des Indus im heutigen Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan eine Kultur. Vielleicht ist sie an einer extremen Dürre zu Grunde ge­gangen; jedenfalls verfiel sie und geriet in Vergessenheit, bis in den 1920er Jahren britische und indische Archäologen durch Zufall ihre Ruinen entdeckten. Nach fast 100 Jahren Forschung stellen die Fachleute die Indus-Kultur, auch Harap­pa-Kultur genannt, auf eine Stufe mit Mesopotamien und Ägypten; sie gilt als Ursprung der indischen Kultur und sogar als mögliche Heimat des Hinduismus.

Über 1000 Siedlungen lagen verteilt über eine Fläche von mindestens 800 000 Quadratkilometern im heutigen Pakis­tan und Nordwestindien. Die ausgedehnteste städtische Kultur ihrer Zeit hatte ungefähr eine Million Einwohner und trieb regen Handel über das Meer bis zum Persischen Golf und zu Städten wie etwa Ur in Mesopotamien, wo Gegenstände mit Indus-Schriftzeichen gefunden wurden. Erstaunlicherweise haben die Bewohner keinerlei identifizierbare Spuren von kriegerischen Auseinandersetzungen hinterlassen.

Die meisten Siedlungen der Indus-Kultur waren Dörfer. Es gab einige Städte, darunter mindestens fünf große (Karte auf S. 57). Die beiden größten, Mohenjo-Daro am Indus – inzwischen zur UNESCO-Weltkulturerbestätte ernannt – und Ha­rappa an einem seiner Nebenflüsse, waren nach einem Plan erbaut und besaßen ein Abwassersystem, das einen Vergleich mit der Gegenwart nicht zu scheuen braucht. …