Sowohl Laien als auch Fachleute glauben oft, dass nicht nur zu wenig, sondern auch zu viel Selbstkontrolle dem Lebensglück entgegensteht. "Überkontrollierte" Menschen würden demnach Gefahr laufen, ihren Alltag nach starren Mustern auszurichten; im Extremfall zu Zwangsverhalten oder krankhaftem Perfektionismus neigen. Wie Forscher um Roy Baumeister und Kathleen Vohs in einer aktuellen Studienreihe zeigen, lässt sich diese Befürchtung empirisch nicht untermauern: Wer seine Impulse besser im Zaum halten kann, erfreut sich offenbar eines größeren subjektiven Wohlbefindens.

Die Psychologen untersuchten insgesamt mehr als 5000 Probanden, überwiegend Schüler der 5. bis 12. Klasse und Studienanfänger. Die Selbstbeherrschung der Teilnehmer erfassten sie etwa per Frage­bogen oder durch die Einschätzung von Lehrern. Gleiches galt für das subjektive Wohlbefinden und die Häufigkeit negativer Gefühle. Auch Verhaltenstests kamen zum Einsatz: So wurden Schüler beispielsweise vor die Wahl gestellt, am Computer einfache Lernaufgaben zu bearbeiten – die dabei helfen sollten, die Mathe- oder Englischleistungen zu verbessern – oder sich stattdessen Videoclips und einem Computerspiel zu widmen. Je länger sie freiwillig büffelten, desto besser bewerteten die Forscher deren Selbstkontrolle.

In einer der Studien trugen rund 200 Erwachsene aus Würzburg eine Woche lang einen Taschencom­puter bei sich, auf dem sie mehrmals am Tag einen kurzen Fragebogen ausfüllten. Darin sollten die Probanden angeben, ob sie in der letzten halben Stunde einer Versuchung widerstehen mussten und wie gut sie sich gerade fühlten. So erhielten die Forscher Informationen zur Selbstkontrolle im Alltag.

Insgesamt ergab die Analyse: Eine stärkere Willenskraft ging grundsätzlich mit größerem Wohl­befinden einher. Nur bei wenigen der statistischen Tests fanden sich Hinweise auf einen komplizierteren Zusammenhang. In fast allen diesen Fällen ging es sowohl Probanden mit sehr niedriger als auch mit sehr großer Willenskraft blendend, während überraschenderweise ausgerechnet jene im Mittelfeld die geringste Zufriedenheit aufwiesen. Der einzige Nachteil einer stark ausgeprägten Selbstkontrolle, so die Forscher, könnte daher im Verzicht auf die unmittelbaren, kleinen Freuden des Alltags liegen – zwecks des Erreichens größerer Ziele in der Zukunft.