Titel und Untertitel versprechen mehr, als herkömmliche, sich in enger gesteckten Fachgrenzen bewegende Werke zur modernen Kognitionsforschung zu bieten pflegen – und das Versprechen wird eingehalten. Der dänische Wissenschaftsjournalist Tor Nørretranders versteht es, in fesselnder Weise bei durchgängig klarer Gedankenführung und verständlicher Ausdrucksweise das Phänomen menschlichen Bewußtseins in ein übergreifenderes Gefüge physikalischer wie informationstheoretischer Zusammenhänge einzuordnen. Das gilt für scheinbar selbstverständliche Begebenheiten ebenso wie für weniger bekannte Phänomene.

Thermodynamik und Informationstheorie sind bekanntlich nicht ohne Zusammenhang: So verfügt der Dämon aus dem bekannten Gedankenexperiment des schottischen Physikers James Clerk Maxwell (1831 bis 1879), der den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik außer Kraft setzt, über eine äußerst verfeinerte und hochorganisierte Wahrnehmung. So gesehen, wäre unser Energieproblem ein Informationsproblem, bedingt durch die Grobkörnigkeit unserer Informationsverarbeitung; und daß Energie immer unzugänglicher wird (eine andere Formulierung des zweiten Hauptsatzes), würde mit unserer Form der Weltbeschreibung und -gestaltung zusammenhängen.

Führt man Maxwells Gedankenexperiment weiter, ergibt sich eine merkwürdige Folgerung: Nicht der Erwerb von Information (in Maxwells Beispiel die Kenntnis aller molekularen Bewegungsvektoren), sondern das Vergessen von Information im Dienste weiterer Informationsaufnahme (durch Messungen, für die das Meßinstrument wieder auf null gestellt werden muß) kostet Energie. Informationserwerb entsteht durch beliebig häufiges Kopieren vorgegebener Zustände, Wissenserwerb erfolgt ohne Energieverlust. Lediglich der Prozeß der Exformation, der Ausgliederung von Wissen, ist energetisch aufwendig. Die Alternative wäre ein Ertrinken in alten Beobachtungen (siehe "Maxwells Dämon" von Charles H. Bennett, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1988, Seite 48).

In gleicher Weise kann man Wissen, zumal das nur wenige Bits pro Sekunde umfassende Bewußtsein, als Spitze eines Eisbergs aus verworfenen Informationen betrachten, als einen winzigen Teil millionenfach komplexerer Perzeptions- und Kognitionsprozesse. Nørretranders betrachtet Bewußtsein als einen potentiell vernachlässigbaren Makrozustand, als Benutzeroberfläche mit einer zeitlichen Ausdehnung von einer halben Sekunde und als Ausdruck einer Anhäufung von Mikrozuständen. Die logische Tiefe der Bedeutung eines Makrozustandes entspricht der Komplexität, die zu seiner Erstellung erforderlich war, jedoch in einem zweiten Schritt ausgesondert wurde.

Das Ich – gemeint: das Bewußtsein – ist sich der gesamten Fülle der Informationen, die eine Entscheidungssituation determinieren, nicht gewärtig; es kann den freien Willen nur in Form eines Vetos ausüben, das es gegenüber dem Selbst als eigentlichem Entscheidungsträger ausspricht. Das Selbst gilt als die weitergreifende Instanz: "Das Ich ist der bewußte Akteur, das Selbst ist die Person im übrigen" (Seite 370). Die Vorstellung, das Ich sei überhaupt relevant, ist kulturhistorisch bedingt, prinzipiell anzweifelbar und keineswegs auf ewig gesichert.

Unterschwellige Wahrnehmung und die zeitliche Verzögerung zwischen Wahrnehmung und Bewußtwerdung externer Sinnesdaten sind beobachtbare Phänomene. Also muß vor derjenigen Hirnaktivität, die wir als Bewußtsein bezeichnen, eine andersartige, handlungslogisch jedoch eminent wichtige Kategorisierungs-, Entscheidungs- und Aktivationsinstanz wirksam geworden sein. Nørretranders beschreibt das Bewußtsein als eine Art Kräuseln an der Oberfläche hochkomplexer Hirnprozesse, als "eine Marionette, die vorgibt, Dinge unter Kontrolle zu haben, die sie in Wirklichkeit nicht bestimmt" (Seite 320).

Denken ist größtenteils nicht bewußt. Dies gilt auch für das wissenschaftliche Denken. Es gilt für den mentalen Akt des Verfassens dieser Buchbesprechung wie für deren Kenntnisnahme durch den Leser. Das Bewußtsein hat die Person nur begrenzt im Griff. Unser Körper ist Schauplatz einer Verarbeitung zahlloser Informationen, von denen das Bewußtsein nichts erfährt.

Eine Benutzerillusion wird herkömmlicherweise als diejenige Vorstellung beschrieben, die der Benutzer einer Maschine von deren Funktion hat. Sie ist eine Metapher für prozessuale Oberfläche, die in Relation zum Beobachter bereits Ergebnis zahlreicher Exformationen (Informationsaussiebungen) ist. Für Nørretranders ist sie zudem ein überaus geeignetes Bild für das menschliche Bewußtsein, das die gängige Benutzerillusion von uns selbst ist. Das Bewußtsein ist eine Karte unserer selbst, welche die Welt als gedeutet sieht. Diese interpretatorische Leistung ist Reduktion informationeller Komplexität auf einen handhabbaren Minimalbestand manifesten Wissens. Karten sind aber nur dann darstellungsadäquat, wenn sie alle wesentlichen Informationen des Darzustellenden reflektieren. Abbildtheoretisch betrachtet ist die ideale Karte der Welt (die auch das Subjekt der Erkenntnis enthält) die Welt selbst. Die ideale Karte unseres Ichs ist dieses Ich in seinen realen Kontexten einschließlich aller Interdependenzen und Relationen. Die Karten von Welt und Bewußtsein enthalten einander (inklusive der Tatsache des gegenseitigen Enthaltenseins und so weiter). Welt und Bewußtsein sind zuletzt als Ganzheit zu interpretieren: Spüre die Welt, denn sie spürt dich.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1996, Seite 122
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