Spektrum der Wissenschaft: Warum zieht es immer noch so viele Menschen in die Städte?

Alex Krieger: Ich möchte lieber von Ballungsräumen sprechen. In den Entwicklungsländern bieten diese immer noch die beste Möglichkeit, zu wirtschaftlichem Wohlstand zu kommen.

Spektrum: Also gibt es bei den Wanderungsbewegungen einen Unterschied zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen?

Krieger: Unbedingt. Die Zentralisierung findet in der Dritten Welt statt. In den Industrienationen ist das Gegenteil zu sehen. Die Leute sind den Verkehr, den Lärm, das dichte Aufeinanderhocken und den resultierenden sozialen Stress leid. Ihr Ziel sind die Vororte, man will ja den kulturellen Möglichkeiten nicht ganz den Rücken kehren.

Spektrum: Welche Eigenschaften müssen die neuen Ballungsräume in der Dritten Welt haben?

Krieger: Es gibt keine Patentlösung. Die ortsansässigen Planer müssen aus den Fehlern von Europäern und Amerikanern lernen und nicht versuchen, einen bestehenden Stadtkern weiter auszubauen. Man sollte die städtischen Regionen schachbrettartig anlegen und abwechselnd Gebiete mit hoher Dichte sowie offene Landschaften schaffen. Die jeweiligen Regierungen müssten wirtschaftliche Anreize geben, um weniger entwickelte Landesteile zu besiedeln. Natürlich sind Regionen reizvoller, die schon eine gewisse Infrastruktur besitzen.

Spektrum: Welche Bedeutung wird die "Digitale Stadt" haben?

Krieger: Angeblich sondern sich Menschen in virtuellen Umgebungen mehr und mehr ab – physisch wie intellektuell. Doch wie Sie aus den amerikanischen Beispielen "Silicon Valley" oder "Boston" sehen können, ist das Gegenteil der Fall. Menschen, die beruflich mit dem digitalen Zeitalter zu tun haben, sind hungrig nach traditionellen Dingen und sozialen Kontakten, die ihnen Sport, Unterhaltung, Bars oder Restaurants geben können.

Spektrum: Setzt die "Digitale Stadt" einen gewissen Lebensstandard voraus?

Krieger: Ja und damit auch interessante soziale und kulturelle Einrichtungen. Deshalb wird die Aufholjagd für die Entwicklungsländer sehr hart sein: Es genügt nicht, eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen, sie müssen auch die Grundlagen für einen qualitativ hochwertigen Lebensstandard schaffen.

Spektrum: Welche Mittel haben die Planer, um diese Ziele zu erreichen?

Krieger: Das ist das Problem. Sie sollten nicht auf ein bestimmtes Stadtmodell oder auf eine Technologie setzen. Eine Lektion, die westliche Industrienationen auch lernen mussten. Sehen Sie, bei uns in Amerika hat man ganz aufs Auto gesetzt und dabei den öffentlichen Nah- und den Schienenverkehr völlig vernachlässigt. Die Stadt der Zukunft ist als Gittersystem aufgebaut. Der Schlüssel ist eine ganzheitliche Infrastruktur, seien es Straßen, der öffentliche Nahverkehr oder die Energieversorgung, sie zieht sich über die Grenzlinien hinweg und verbindet das komplexe Gebilde.

Spektrum: Gibt es eine Region in der Welt, die auf dem richtigen Weg ist?

Krieger: Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, vielleicht Schanghai oder am Mekong Delta. Aber auch dort richtet sich der Bau der Infrastruktur nach den unmittelbaren Bedürfnissen. Außerdem steht in Gegenden, wo die meisten Menschen einen Dollar pro Tag verdienen, der Umweltschutz nicht gerade im Vordergrund. Hier müssen die Experten von Anfang an eng zusammenarbeiten und Umweltaspekte frühzeitig in die Planung einbinden.

Die Fragen stellte Evdoxia Tsakiridou.

Literaturhinweis

Stadtmensch und Weltbürger – Die Großstädte im 21. Jahrhundert. Von Alex Krieger. Juni 2000, Best.Nr. A19100-F-P74 bei Fax 089/63635292.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2000, Seite 94
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