Ein Mythos: Die Schwäbische Alb vor 15 000 Jahren. Die Männer verfolgen den Rothirsch jetzt schon seit zwei ­Tagen. Beharrlich versuchen sie, näher an ihn heranzukommen, um ihn endlich zur Strecke zu bringen. In der Morgendämmerung des dritten Tages steht er äsend im Tal vor ­ihnen. Ein herrlicher Sechzehnender, feist für die bevorstehende Brunft. Die Männer verstecken sich hinter einem Felsen, alle Sinne bis zum Äußersten gespannt. Sie müssen extrem vorsichtig sein, denn selbst die kleinste Bewegung könnte sie um die ­ersehnte Beute bringen. Und die brauchen sie dringend, damit ihre Sippe überleben kann. Mit etwas Glück wird der Hirsch sich in die Reichweite ihrer Speere bewegen.
Zur gleichen Zeit erwacht 20 Kilometer entfernt das Lager zum Leben. Die Frauen entfachen das über Nacht fast erloschene Feuer, kümmern sich um die Kinder und planen gemeinsam den Tag. Einige wollen in der Nähe nach Früchten, Wurzeln und Pilzen suchen, andere weiter an den Winterkleidern nähen. Es gibt nur noch wenig zu essen, und alle hoffen, dass die Männer bald mit frischem Fleisch zurückkehren.

Etwa in dieser Art wird das Leben in der Steinzeit oft dargestellt, manchmal mit einem Mammut statt des Rothirschs oder mit Keulen statt der Speere. Doch war es wirklich so? Kurze Antwort: nein, sicher nicht. Aber wo beginnt der ­Mythos, und was stimmt womöglich doch?
Die Geschlechterrollen in der Steinzeit schienen bisher weit gehend klar verteilt: Männer gingen zur Jagd und beschützten ihre Familien, Frauen sammelten Beeren und Kräuter und kümmerten sich um die Kinder …