Johnny ist ein maskuliner Typ, muskulös und mit kantigem Gesicht, der schon in manche Schlägerei verwickelt war. Eines Nachts verprügelt er vor dem Klub "Prater Dome" in Wien den körperlich unterlegenen Richard. Worum es bei dem Streit genau ging, ist später nicht mehr zu klären, ebenso wie die Frage, wer von den beiden zuerst handgreiflich wurde. Einhellig ist aber das Urteil aller Freunde von Johnny: Ihr Kumpel sei eben "testosterongesteuert". Deshalb sei er oft aggressiv und reagiere unbeherrscht, wenn man ihn provoziert.

Das Männlichkeitshormon Testosteron hat traditionell einen schlechten Ruf. Dem Klischee nach sorgt es nicht nur körperlich für stärker ausgeprägte maskuline Züge, sondern fördert auch antisoziales, aggressives Verhalten und Sexsucht. Der US-amerikanische Schauspieler Alan Alda sprach in den 1970er Jahren sogar scherzhaft von einer "Testosteronvergiftung", unter der fast alle Männer litten und derentwegen sie sich so sonderbar verhielten. Noch heute beschreibt der Begriff "testosterone poisoning" im Englischen unvernünftiges, stereotyp negatives Gebaren von Männern. Ob der Botenstoff aber tatsächlich das Sozialverhalten beeinflusst, wird erst seit Kurzem wissenschaftlich untersucht – mit teils überraschenden Ergebnissen.

Testosteron ist eines der wichtigsten Sexualhormone und hat im Körper vielfältige Auswirkungen (siehe Grafik auf S. 64). Es findet sich im Blut sowohl von Männern als auch von Frauen, wobei die Konzentration bei Männern etwa zehn­mal höher ausfällt. Bei ihnen wird der Botenstoff zum größten Teil in den Hoden produziert, in den so genannten Leydig-Zellen. Im weiblichen Körper stammt das Testosteron etwa zur Hälfte aus den Eierstöcken und der Plazenta, zur anderen Hälfte aus einem Vorläuferhormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird. Testosteron kann die Blut-Hirn-Schranke ohne Schwierigkeiten überwinden. Deshalb bestimmt seine Konzentration im Blutkreislauf auch mit darüber, wie viel davon im Gehirn verfügbar ist – wo sich der Botenstoff auf unser Verhalten auswirkt.

Bei Studien an Tieren konnten Forscher bislang einige Vorurteile über das Hormon bestätigen. Mehr Testosteron im Blut scheint demnach körperliche Aggression zu fördern, insbesondere im Zusammenhang mit territorialen Auseinandersetzungen, Rangkämpfen und Sexualität. Hamster etwa sind bei erhöhtem Testosteronspiegel eher bereit, einen fremden Artgenossen zu attackieren, wenn dieser in ihren Käfig gesetzt wird. Dagegen scheint das Hormon eine unter­geordnete Rolle bei Aggressionsformen ohne sozialen Kontext zu spielen, beispielsweise bei der Jagd. Doch hat Testosteron beim Menschen einen vergleichbaren Effekt? Diese Frage hat schon viele hitzige Debatten ausgelöst …