Mit Sprüngen und Pirouetten tanzt eine Primaballerina über die Bühne. Damit ihr Ballettpartner im richtigen Augenblick zur Stelle ist, um sie zum Beispiel hoch in die Luft zu heben, muss er seinerseits im angemessenen Tempo auf sie zutanzen. Dieses Kunststück gelingt nur, wenn er weiß, wo sich beider Bewegungslinien schneiden werden. Dazu trifft sein Gehirn unbewusst beispielsweise Annahmen darüber, in welchem Maß das visuelle Bild der Ballerina im Zuge der Annäherung größer wird. So erkennt der Tänzer auch ein Stocken ihrer Rotation oder einen zu kurz geratenen Sprung und kann seinen eigenen Kurs entsprechend korrigieren. Bislang kannte man diese Art komplexer Bewegungssteuerung, die Vorausberechnung und Reaktion umfasst, nur von Wirbeltieren. Eine Forschergruppe um Matteo Mischiati vom Janelia Research Campus des Howard Hughes Medical Institute in Ashburn (Virginia) wies nun nach, dass Libellen auf der Jagd dazu ebenfalls fähig sind.

Mit ihren großen Augen, die ein nahezu sphärisches Abbild der Umgebung liefern, lauern Libellen auf Blättern, bis Beute über ihnen auftaucht. Zum richtigen Zeitpunkt schnellen sie vor und ergreifen in weniger als einer halben Sekunde mit ihren Beinen das Opfer. In 95 Prozent aller Fälle geht diese Strategie auf. Dieses Vermögen wurde bislang einzig großer Sehschärfe und äußerst schnellen Reflexen zugeschrieben. Insbesondere seien die Sehneurone in der Lage, die Bewegung eines Zielobjekts blitzartig zu erkennen und die notwendige Reaktion der Flügel auszulösen.

Wäre dies schon das ganze Geheimnis, müsste man eine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen den Manövern des Beutetiers und den Reaktionen der Libelle erwarten. Wie das Forscherteam nun zeigte, ist das jedoch nicht der Fall. Libellen reagieren zwar mitunter auf Ausweichmanöver des Opfers, viel häufiger aber korrelieren ihre Aktionen damit nicht. …