Der Wettbewerb in den leichtathletischen Laufdisziplinen ist enorm: Dazu werden bei den Olympischen Spielen Sportler aus mehr als 100 Ländern antreten, und schon in der Vorbereitungszeit neue Spitzenwerte erzielt. So stellten der Algerier Noureddine Morcelli, der Kenianer Moses Kiptanui und der Äthiopier Haile Gebreselasie erst im vergangenen Jahr wieder spektakuläre Weltrekorde über 1500, 5000 und 10000 Meter sowie im 3000-Meter-Hindernislauf auf. Gleichzeitig verbesserten sich auch die Leistungen aller weltbesten zehn Läufer in diesen Disziplinen erheblich, wie das Beispiel des 5000-Meter-Laufs zeigt (Bild).

Sicherlich werden viele der Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt weitere Steigerungen erwarten. Sie könnten jedoch enttäuscht werden, denn vermutlich herrschen mehr als 30 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit zu den Hauptwettkampfzeiten in Atlanta (Georgia), das auf der geographischen Breite der algerischen Großen Sandwüste liegt. Im Vorteil dürften jene Mittel- und Langstreckenläufer sein, die nicht nur optimal vorbereitet, sondern auch klimatisch besser und stabiler angepaßt sind.

Zur Vorbereitung auf eine Olympia-Qualifikation müssen die jungen Frauen und Männer, die sich überhaupt eine Chance erhoffen können, höchste und außergewöhnliche Trainingsbelastungen bewältigen – und das 20 bis 30 Stunden pro Woche, also mehr als 1000 Stunden im Jahr; in den Langstreckendisziplinen sind Läufe bis zu 250 Kilometer pro Woche eher das Minimum.

Besondere Bedeutung hat dabei das Höhentraining in 2000 bis 2500 Metern über dem Meeresspiegel; es dauert mindestens drei Wochen lang pro Aufenthalt. Dadurch läßt sich die Ausdauer gegenüber einem Training im Flachland zusätzlich steigern. Vor allem der dort herrschende relative Sauerstoffmangel bewirkt eine Aktivierung und Ökonomisierung wichtiger Funktionssysteme des Organismus: Das Erythrozytenvolumen und die Hämoglobinkonzentration nehmen zu, Herz-Kreislauf- und Atmungssystem sowie Energiestoffwechsel und Muskelzellfunktionen werden stimuliert.

Solche Anpassungen setzen allerdings eine gute Trainingsgestaltung voraus. Sie muß gewährleisten, daß insbesondere die Aufnahmekapazität für Sauerstoff, sein Transport im Blut an die Muskulatur und seine Verwertung in den Muskelzellen nach Rückkehr ins Flachland über mehrere Wochen erheblich verbessert sind. Diesen Vorteil versuchen viele Läufer durch sogenannte Trainingsketten – mehrmalige mehrwöchige Höhenaufenthalte im Jahr – auszubauen; mitunter ergeben sich so jährlich bis zu 150 Höhentrainingstage.

Aber nicht nur während der Vorbereitung, sondern auch bei Wettkämpfen sucht man die Sportler, die schließlich für ihr Land bei den Olympischen Spielen antreten, wissenschaftlich zu unterstützen. Mit der Leistungsdiagnostik unter Labor- und Feldbedingungen – einem Verbund von medizinischen, biomechanischen und pädagogisch-psychologischen Testverfahren – prüft und bewertet man zu trainingsmethodisch relevanten Terminen im Jahresverlauf den Entwicklungsstand bedeutender Leistungsvoraussetzungen wie der aeroben und aerob/anaeroben Grundlagen- und Kraftausdauer, die Schnelligkeitsausdauer und die Bewegungstechnik. So können Trainer und Sportler Trainingsvorgaben und Wettkampfziele wiederholt präzisieren und optimieren. Insbesondere bei Läufern helfen außerdem Videoaufnahmen von Wettkämpfen, die individuelle Technik und Renntaktik zu analysieren, um den Entwicklungsstand komplexer zu bewerten, Reserven aufzudecken und das taktische Konzept für die entscheidenden Wettbewerbe zu organisieren.

Weltklasseleistungen in den Mittel- und Langstreckendisziplinen sind ohne solch professionelles Training und entsprechende Trainingsbedingungen nicht mehr möglich. Wesentliche Voraussetzungen im Olympiajahr 1996 sind deshalb:

- die volle Verfügbarkeit und Nutzung des Tages zu mehrmaligem Training und gezielter Regeneration,

- ein leistungsförderndes Ernährungskonzept, abgestimmt auf die Trainings- und Wettkampfbelastungen, sowie

- ein Programm zur ganzjährigen Stabilisierung und zum Ausbau der allgemeinen Belastbarkeit des Organismus, hauptsächlich um muskuläre Disbalancen und Schwächen im Stütz- und Bewegungssystem zu vermindern.

In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele sind dann noch die letzten drei bis vier Wochen bis zum ersten Start besonders wichtig. In dieser Zeit gilt es, die höchstmögliche individuelle Leistung schon in internationalen Wettkämpfen zu demonstrieren, trotzdem noch Reserven für eine Leistungssteigerung zum Höhepunkt in Atlanta hin aufzubauen und sich nach dem Flug in die USA an die Zeitumstellung und an die klimatischen Bedingungen zu gewöhnen. Die europäischen Läuferinnen und Läufer benötigen jeweils einen Tag, um eine Stunde Zeitverschiebung auszugleichen, müssen also insgesamt etwa acht bis zehn Tage vor Wettkampfbeginn anreisen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1996, Seite 99
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