Es ist 3 Uhr nachts. Magda Seifert spielt mit ihrer Betreuerin im Aufenthaltsraum der Klinik Karten. Zuvor haben die beiden bereits einen Film angesehen, Tischtennis gespielt und einen Kuchen gebacken. Dass Magda Seifert anders als die meisten anderen Patienten die Nacht wach verbringt, liegt nicht an ihrer Schlafstörung, die sie seit dem Beginn ihrer depressiven Phase vor zwei Monaten plagt. Vielmehr nimmt sie an einem Experiment teil, in dem wir untersuchen, weshalb Schlafentzug bei einer Depressionserkrankung helfen kann.

Dass die Nachtruhe depressiver Menschen häufig beinträchtigt ist, weiß man schon lange: Sie schlafen schlechter ein und weniger tief, weshalb sie häufiger aufwachen. Daneben verkürzt sich typischerweise die Zeit vom Einschlafen bis zur ersten REM-Schlafphase (kurz für: rapid eye movement), die dann ausgesprochen lange ausfällt. Zusätzlich bewegen sich die Augen von depressiven Personen während der REM-Phase meist wesentlich häufiger als üblich. Tagsüber fühlen sie sich niedergeschlagen, unruhig und ausgelaugt. Sie grübeln viel und leiden unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Ihre Verzweiflung ist mitunter so ausgeprägt, dass sie an Selbstmord denken. Offensichtlich trägt der Gemütszustand von Menschen mit Depression auch dazu bei, dass sie keinen ruhigen Schlaf finden, was ihre Erschöpfung verstärkt. Es liegt also zunächst fern, ihnen nachts noch den Schlaf zu rauben.

Doch die bisherigen Erkenntnisse sind erstaunlich: Bei sechs von zehn Patienten verbessert sich die Stimmung schon nach einer schlaflosen Nacht. Diese so genannten Responder berichten von einem spürbaren Rückgang der Symptome – meist ab der zweiten Nachthälfte. Weder Alter, Geschlecht noch Erwartungshaltung spielen für den Erfolg der Therapie eine Rolle. Am besten wirkt sie bei denjenigen, deren Stimmung sich normalerweise nach einem ausgeprägten Morgentief im Tagesverlauf aufhellt …